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Sommer 2/2020

Hoffnungen und Enttäuschungen. Rückblick auf fast 50 Jahre Aufbruch

Von Florence Hervé

Hoffnung endet oft mit Enttäuschung. So waren die neuen Frauenbewegungen, die Ende der Sechzigerjahre entstanden, mit großen Hoffnungen, aber auch mit vielen Enttäuschungen verbunden. Die 68er Jahre waren für viele von uns zunächst Zeiten des Bruchs mit alten Werten und des Aufbruchs zu neuen Ufern. Zeiten der Auseinandersetzungen mit Spießermoral und autoritären Gesellschafts- und Familienstrukturen. Zeiten der Bewegungen gegen Nazi-Vergangenheit, Notstandgesetze und Springer-Presse, gegen Vietnam-Krieg, Schah-Diktatur im Iran und Apartheid im südlichen Afrika.
Es war zugleich eine wunderbare, anregende Zeit, da uns alles offen zu stehen und alles Mögliche und Unmögliche zu erobern schien.

Wir entdeckten die ‚alte‘ Frauenbewegung und knüpften daran an, ob im Kampf gegen §218 und gegen Lohndiskriminierung oder zum Internationalen Frauentag. Wir verstanden uns sowohl in der Tradition und Kontinuität der ‚alten‘ Frauenbewegung wie im Bruch mit alten konservativen Werten. Die neue Frauenbewegung war zugleich u.a. Kind der Studentenbewegung wie Rebellion gegen patriarchalische Strukturen, Denken und Verhalten. Eine neue Gesellschaft ohne Unterdrückung und Ausbeutung schien möglich, die Utopien schienen greifbar. Und wir erfuhren Unterstützung, Solidarität und somit eine Stärkung des Selbstbewusstseins.

Doch die selbstgesteckten Ziele der Abschaffung der kapitalistischen Verhältnisse und der Befreiung der Frau haben wir nicht erreicht, auch wenn wir viele kleine Erfolge verbuchen konnten. So wurden beispielsweise einige Verbesserungen bei der Vereinbarung von Familie, Partnerschaft und Berufstätigkeit erzielt, doch viele Frauen stehen heute immer noch vor der Entscheidung „Kinder oder Beruf“. Der Gendergap in der Entlohnung ist etwas geringer geworden, aber er bleibt bestehen. Es gibt eine Bundeskanzlerin, einige Topgirls und Karrierefrauen, die es „geschafft“ haben, die Mehrheit bleibt auf der Strecke. Kinder, Küche und Kirche wurden ersetzt durch Karriere, Konsum und Konkurrenz. An der grundsätzlichen Unterdrückung der Frau und an den gesellschaftlichen Gewaltverhältnissen – auch wenn sie heute andere Erscheinungsformen haben – hat sich nichts geändert. Hätte man mich vor 50 Jahren gefragt, ob ich Frauenemanzipation und Sozialismus erleben würde, hätte ich es bestimmt bejaht. Das war sicherlich eine der großen Ent-Täuschungen. Zweifelsohne haben wir die Macht der Gegner/innen unterschätzt.

Eine zweite große Enttäuschung betraf die internationalen Entwicklungen. Die 70er und 80er Jahre waren verbunden mit dem Sturz des Kolonialismus und der Befreiung vieler Länder von Kolonialherrschaft, Apartheid und Faschismus. Es gab auch viele Hoffnungen auf weltweiten Frieden: Die Beendigung des Kalten Kriegs, die Verabschiedung der Ost-West-Verträge, die großen Bewegungen gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen ließen Hoffnungen aufkommen. In all diesen Bereichen waren Frauen aktiv: ob in der internationalen Frauenfriedensbewegung oder hierzulande gegen die Einbeziehung von Frauen in die Bundeswehr, ob in Frauengruppen gegen die Apartheid oder in der weltweiten Frauenbewegung. Das UNO-Jahr der Frau 1975 mit dem Motto ‚Gleichberechtigung, Entwicklung, Frieden‘, angeregt von der Internationalen Demokratischen Frauenföderation und gefolgt von der UNO-Dekade der Frau, brachte nichtregierungsabhängige Frauenorganisationen aus der ganzen Welt zusammen, förderte den grenzübergreifenden Austausch, die internationale Zusammenarbeit und die Solidarität.

Heute hat der Neo-Kolonialismus den Kolonialismus ersetzt, der Neo-Liberalismus den Liberalismus: soziale Diskriminierung, Kriege, Hunger, Migrationen von Millionen Flüchtlingen, Gewalt gegen Frauen bleiben auf der Tagesordnung. Die Zunahme des Rüstungsexports und die angekündigte stärkere, notfalls auch militärische Interventionspolitik der Bundesrepublik stehen im Widerspruch zu einer Politik des Friedens. Inzwischen werden auch Frauen zum Dienst in der Bundeswehr zugelassen und mit dem fadenscheinigen Gleichstellungsargument als Soldaten in Kriegsgebiete geschickt. Sie sollen die Bundeswehr „weiblicher“ machen und sie „familienfreundlicher“ erscheinen lassen. Neokolonialistische Kampfeinsätze haben mit Familienfamilienfreundlichkeit und mit Emanzipation aber wenig zu tun!
Die dritte große Enttäuschung erfolgte 1990, verbunden mit dem Scheitern und Zusammenbruch des sogenannten real existierenden Sozialismus, darunter der DDR, offiziell Wiedervereinigung genannt, in Wirklichkeit ein Anschluss an die BRD. Eine „Einigung“, die mit einer „deutsch-deutschen Besoffenheit“ (Peggy Parnass) verbunden war und mit Nationalismus – einem Nährboden für Rechtsextreme. Und frauenpolitisch? „Die DDR war schon ein Versuch, Emanzipationsschritte einzuleiten“, schrieb ich in Wir Frauen 1990. „Das ‚Modell‘, von oben verordnet, die eigenständige Dimension der Frauenfrage vernachlässigend, ist gescheitert.“ Noch war aber die Hoffnung da, die positiven sozialen und frauenpolitischen Errungenschaften der DDR zu erhalten bzw. auf ganz Deutschland auszuweiten – ob zur Kinderbetreuung, zur gleichen Entlohnung, zur Förderung von Frauen in Männerberufen oder zur Anerkennung des Rechts auf Arbeit und auf Schwangerschaftsabbruch und hiermit des Selbstbestimmungsrechts von Frauen. Noch war die Hoffnung mit einer bundesweiten starken Frauenbewegung verbunden – Ansätze gab es mit der Gründung des Unabhängigen Frauenverbands und hiermit der Entwicklung einer autonomen Frauenbewegung in der DDR, zudem nach 1990 mit der Zusammenarbeit der Frauenbewegungen Ost und West, ob in der §218-Frage oder beim Frauenstreik. Die mächtigen Gegner/innen einer solchen Option waren stärker.

Es gab und gibt schließlich die menschlichen Enttäuschungen: Menschen, die uns ein Stück des Weges mit sozialistischem und feministischem Engagement begleitet haben, für das Recht, die Freiheit und den Frieden, und sich dann mit dem System arrangierten. Frauen, die resigniert haben, die ihre eigenen Freiheitsbestrebungen aufgaben zugunsten von faulen Kompromissen, die im Individualismus ihre Perspektiven sahen und sehen. Hieß es noch in den 80er Jahren: Frauen, kommt aus Euren Schneckenhäusern heraus, so heißt es für viele heute: zurück in das Schneckenhaus.
Doch, es gibt sie immer noch, die außerparlamentarischen Bewegungen und die aufrechten Menschen, die sich beharrlich und kontinuierlich für ein menschenwürdiges, gleichberechtigtes Leben von Frauen und Männern einsetzen, gegen die Tolerierung sexueller Ausbeutung und sozialer Ausgrenzung von Frauen, für ein friedliches Zusammenleben der Völker.
Und das sind meine heutigen Hoffnungen. Die afroamerikanische Bürgerrechtskämpferin, Feministin und internationale Aktivistin Angela Davis erklärte im November 2015 auf der Londoner Tagung der sozialistischen JuristInnenorganisation Haldane Society „Frauen schlagen zurück – internationale und gesetzliche Perspektiven“ (vgl. wf 1/2016), es sei eine wunderbare Erfahrung, eine Aktivistin zu sein, zur Community des Widerstands zu gehören und zur Veränderung der Welt beizutragen.

Dem kann ich mich nur anschließen: Diese Erfahrung möchte ich nicht missen. In Zukunft auch nicht – trotz der Enttäuschungen.