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Herbst 3/2020

Herrschaftstechniken

Die Topmodel-Gesellschaft – Wie krank macht uns der Schönheitswahn? Diese Frage diskutierten am 4.6.2008 Peymann Amin, Juror bei „Germany´s Next Topmodel“, Fiona Erdmann, eine Kandidatin aus der Show, die Schauspielerin Michaela May, Jutta Ditfurth und Schönheitschirurg Dr. Afschin Fatemi in Frank Plasbergs Sendung „Hart aber fair“. Ein kleines Lehrstück über Herrschaftstechniken.

Fiona Erdmann schildert überschwänglich ihre Erfahrungen in der Klum-Show, beteuert, dass die Sendung bei ihr keine Schäden hinterlassen habe. Mit den Worten „Ich glaube, die Frage hast Du nicht verstanden“ wird sie von Amin unterbrochen, der so die Rede übernimmt und einfach weiterführt. Verblüfftes Lachen aus dem Publikum. Amin sieht sich gezwungen zu erklären: „Ich meine, das ist ja nicht in deinem Sinne, wenn du weitersprichst …“. Ach so, war also gut gemeint. Lässt sich der Kerl auch mieten? Zur Erinnerung: Amin bewertete in der Show eine Kandidatin als „zu dick“. Wen´s interessiert: Sie wog 52 kg bei 1,76 m.

Jutta Ditfurth spricht von einem „Boot-Camp mit Make-up“ und von Dressur. Den Frauen werde der Kontakt nach Hause untersagt und Telefonate seien nur vor laufender Kamera erlaubt, jede Gefühlsäußerung muss schließlich medial verwertet werden. Ob sich das noch mit den BürgerInnenrechten vertrage? Sie selbst, bekennt Ditfurth später lachend, habe einen fröhlichen Spätschaden der APO davongetragen. Sie lese lieber ein Buch, anstatt sich zwei Stunden lang vor dem Spiegel aufzubrezeln.

Ob Jutta Ditfurth mitunter noch mehr Wirkung hätte erzielen können, wenn sie sich „mehr angepasst hätte“, fragt Plasberg. Ditfurth kommentiert das Thema Anpassungsdruck, begründet, warum sie allen gut gemeinten Ratschlägen zum Trotz z. B. nie mit der BILD-Zeitung zusammenarbeiten würde. Die Frage habe sich auf äußeres Erscheinen bezogen, hakt Plasberg nach. Noch einmal betätigt sich Amin als „nobler Retter“. Das gefalle ihm nun gar nicht: „Als ob Frau Ditfurth ein Beispiel für alles wäre, was nicht schön ist! Das ist doch etwas (sic!) übertrieben!“ Dafür wird er von Plasberg denn auch als „Schleimer“ tituliert. Schöner aber ist das Schmunzeln Jutta Ditfurths. Es spricht Bände.

Auch Plasberg läuft verbal auf Grund: Sei der Wunsch nach einer OP nicht unter gewissen Umständen nachvollziehbar? Und habe Michaela May nicht leicht reden? Schließlich sei „die Natur in Ihrem Fall doch gnädig gewesen“, gibt der Moderator zu bedenken. May setzt an, die Frage zu beantworten, wird von Plasberg aber noch einmal grinsend unterbrochen: „Sie haben mein Kompliment wohl nicht verstanden!?“

Tatsächlich: Michaela May versäumte, spielregelkonform zu reagieren. Keine zu Boden gesenkten Lider, kein zartes Erröten, kein verlegenes „Aber Herr Plasberg, Sie Charmeur … hihi. Was wollte ich doch gleich noch sagen?“ Ein intellektueller Aussetzer von Frau May, vermutet Plasberg also. Sogleich scheint ihm die eigene Unverschämtheit doch zu dämmern, was für ihn spricht. Sich selber korrigierend setzt er nach: „… oder wollten es (das Kompliment) vielleicht nicht verstehen?“

Wohl kaum vorstellbar für Amin und Konsorten, dass ihr Urteil unerheblich ist. Ihre Komplimente funktionieren nur von oben nach unten. Nur dann, wenn eine einen „Juror“ akzeptiert und ihr Aussehen überhaupt zur Diskussion stellen lässt. Jenseits dieses Settings bleibt solch „charmantes Gebaren“ schlichtweg anmaßend – egal ob „tadelnd“ oder „lobend“.

Melanie Stitz