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Herbst 3/2020

Hedwig Dohm und Die Antifeministen

Ein zeitloses Werk wird 110 Jahre alt

1902 veröffentlichte die Frauenrechtlerin und Publizistin Hedwig Dohm Die Antifeministen – eine Verteidigung. Dohm prägte in ihrer Streitschrift den Begriff Antifeminismus und nahm die damit verbundenen Denkweisen auseinander. Gisela Notz – Redakteurin der Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis – erklärt, dass es Dohm war, „die die bis dahin ins bürgerliche Weltbild eingeschriebene Meinung von der naturgegebenen, da biologisch bedingten Überlegenheit des Mannes gegenüber der Frau, grundsätzlich analysierte und in ihren Schriften verarbeitete und kritisierte.“

Hedwig Dohm kommt am 20. September 1831 als Marianne Adelaide Hedwig Jülich zur Welt. Gegenüber ihren Brüdern, denen gute Ausbildungschancen ermöglicht werden, besucht sie eine Mädchenschule, auf der sie sich unterfordert fühlt. Sie leidet unter ihrer schlechten schulischen Ausbildung, versucht ihr Leben lang, den fehlenden Bildungsstand zu überwinden, und setzt sich später für bessere Ausbildungschancen von Mädchen und Frauen ein. Durch Ernst Dohm, den sie 1853 heiratet, kommt sie in Kontakt mit verschiedenen Intellektuellen wie Franz Liszt oder Lily Braun, die bei ihnen regelmäßig einkehren.

Nach ersten unterschiedlichen Publikationen veröffentlicht Dohm 1872 bis 1879 ihre ersten feministischen Essaybände. Doch ihre Schriften finden in der bürgerlichen Frauenbewegung zunächst wenig Unterstützung, da sie dieser zu radikal erscheinen. „Im Gegensatz zur Mehrheit ihrer Mitstreiterinnen im bürgerlich-feministischen Lager beschränkte sie ihre Forderungen nicht auf einzelne Teilgebiete, insbesondere Bildung und Erwerbstätigkeit für Frauen, sondern betonte von Anfang an die Priorität einer generellen sozialen, politischen und zivilrechtlichen Gleichstellung der Geschlechter,“ – so Gisela Notz.

Erst in den späten 1880er Jahren, als der radikale Flügel der Frauenbewegung erstarkt, findet Dohm hier ihren Platz und wird Mitglied verschiedener Vereine, wie dem Frauenverein Reform (später Frauenbildung-Frauenstudium), der sich unter anderem für das Frauenstudium einsetzt, sowie dem Verein Frauenwohl. Auch Dohms Publikationstätigkeit nimmt nun zu. So veröffentlicht sie Artikel, Essays und Feuilletons, hauptsächlich in neu gegründeten, politisch progressiven oder feministisch radikalen Zeitschriften wie den Sozialistischen Monatsheften oder Minna Cauers Die Frauenbewegung. Es ist auch Cauer, die anlässlich Dohms 80. Geburtstag eine Art Laudatio veröffentlicht, in der es heißt: „Du hast nie, wirklich nie einen Kompromiss geschlossen, nie eine Konzession gemacht, hast nie geschwankt, du gehörtest niemals zu den Naturen, die einerseits-andererseits zu denken und zu handeln das Talent zu besitzen, Du hast stets die Konsequenzen der Ideen und der von Dir vertretenden Grundsätze gezogen.“

Im Jahr 1902 veröffentlicht Hedwig Dohm den Sammelband Die Antifeministen. In ihrer Streitschrift beschreibt sie in verschiedenen Artikeln die gegenwärtige Frauenfrage als eine „akute“: „Auf der einen Seite werden die Ansprüche immer radikaler, auf der anderen Seite die Abwehr immer energischer.“ Dohm äußert sich auch zu dem ihr unterstellten „männerfeindliche[n] Dreinhauen“ und erklärt, dass sie sich vielmehr „gegen denjenigen [Mann], der meine Entrechtung für alle Ewigkeit festhalten will, der das Weib nur als Durchgang zum eigentlichen Menschen – als Gebärerin des Mannes – gelten lässt“, wendet.

In Die Antifeministen werden Ähnlichkeiten zu gegenwärtigen antifeministischen Strömungen und Diskursen deutlich, die an biologistisch begründeten „Geschlechternormen“ und dem Patriarchat festhalten wollen und deshalb eine Abschaffung von Gleichstellungsmaßnahmen einfordern: „Je dringender die Gefahr der Fraueninvasion in das Reich der Männer sich gestaltet, je geharnischter treten ihr die Bedrohten entgegen.“ Dabei, so Dohm, „begründen sie ihre Gegnerschaft mit der geistigen und körperlichen Minderwertigkeit der Frau, oder sie decken sie mit der erhabenen Mission des Weibes als Priesterin des häuslichen Herdes mit ihrer mimosenhaften Zartheit und ähnlichem Flügelschmuck“. Auch die Ablehnung von Vereinbarkeitsfragen der Frau, die sich innerhalb antifeministischer Diskurse häufig findet, spielte schon 1902 eine Rolle: “ Der Antifeminist ist der Meinung, daß Ehe und Berufstätigkeit sich ausschließen, daß die letztere das Glück der ersteren untergräbt.“

Die aktuell von Antifeministen gefürchtete vermeintliche Vermännlichung der berufstätigen Frau war ebenfalls Thema: So „fürchtet man von der erwerbenden Ehefrau auch, daß sie ihrer Weiblichkeit und ihrer zärtlichen Gefühle sich entäußern werde.“

Die Zeitlosigkeit des Dohm’schen Werkes wird auch innerhalb der Darstellung antifeministischer Strategien deutlich, Behauptungen weiträumig in öffentlichen Diskursen zu platzieren: „Solche unentwegt wiederholten Behauptungen wirken beinah wie die Riesenreklamen für irgendein Mittel, die uns in großen Städten oft jahrelang von allen Mauern, Säulen, Zäunen entgegengrinsen, bis sie uns förmlich hypnotisieren – fast gegen unseren Willen – kaufen wir.“

Hedwig Dohm stirbt am 1. Juni 1919. Sie bleibt eine der wichtigsten Wegbereiterinnen der Frauenbewegung, wie Minna Cauer schon zu Dohms Lebzeiten erkennt: „Als noch niemand daran dachte, dass das Fundament aller Rechte das politische Recht der Frauen sein müsste, tratest Du schon dafür ein.“

www.hedwigdohm.de

Isolde Aigner