Logo
Frühjahr 1/2020

Global Care Chain

Eine Schattenseite des neoliberalen Feminismus?

Die moderne Frau, so lässt uns das allseits propagierte neoliberale Menschenbild glauben, bekommt alles unter einen Hut: Sie macht Karriere, sieht toll aus, die Wohnung glänzt wie ein Traum aus einem Dekorationsmagazin und die Familie glücklich. Möglich macht es Gender Mainstreaming, ein Konzept, welches optimal auf unsere marktorientierte Wirtschaftsweise zugeschnitten ist und endlich zu versprechen scheint, wofür Frauen schon so lange kämpfen: Gleichheit und Gleichberechtigung.

Doch lässt dieses Konzept außer acht, wie karrierebewusste Frauen sich den nötigen Freiraum von der Reproduktionsarbeit verschaffen, der so dringend möglich ist, um beruflich konkurrenzfähig zu sein.

Globale Umverteilung von Reproduktionsarbeit statt Geschlechtergerechtigkeit

Längst ist statistisch erwiesen, dass trotz steigender Erwerbstätigkeit von Frauen die Bereitschaft von Männern, einen ebenbürtigen Teil der reproduktiven Arbeiten zu übernehmen, nach wie vor gering ist. Schafft eine Frau es nicht, diese Tätigkeiten neben der Erwerbsarbeit zu übernehmen und genügen die finanziellen Mittel, wird eine (in der Regel aus einem ökonomisch schlechter gestellten Land zugewanderte) Frau eingestellt, welche die Sorgearbeit übernimmt. Dies lässt sich auch als Versorgungshierarchie bezeichnen: Gut versorgte Männer, Frauen und Kinder in der westlichen Welt (bzw. im Norden) profitieren emotional und ökonomisch von der Beschäftigung einer Migrantin.

Dies bedeutet nichts anderes als eine Umverteilung von Reproduktionsarbeit, denn statt der Herausbildung eines neuen Geschlechterarrangements bleibt der weiblich konnotierte Teil der Arbeit in weiblichen Händen und wird an Frauen weitergegeben, welche eine andere soziale und/oder ethnische Herkunft haben. Viele der Frauen kommen aus Lateinamerika, von den Philippinen und aus osteuropäischen Staaten, die keine EU-Mitglieder sind. Im Frühjahr 2013 stellte die Bundesagentur für Arbeit fest, dass trotz der EU-Freizügigkeit wenige Frauen aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten kommen. Als einer der Gründe gilt die schlechte Bezahlung. Hier wird die Komponente des (ökonomischen) Zwangs deutlich: Fällt dieser weg, sinkt die Bereitschaft zur Ausübung dieser unterbezahlten Arbeit, der die Anerkennung verweigert wird.

Willkür am Arbeitsplatz Haushalt

Der Haushalt ist durch die nach wie vor vorhandene – und politisch gewollte – Trennung von privater und öffentlicher Sphäre ein Ort, in welchem aufgrund mangelnder Kontrollierbarkeit große Willkür herrscht. Dies traf und trifft nicht nur auf die Familien (in der Regel Frauen und Kinder) zu, sondern betrifft auch die HaushaltsarbeiterInnen. Der Haushalt ist weitgehend eine Tabuzone für staatliche Kontrolle und Gesetze.

Die Lebenslagen der im Haushalt beschäftigten Frauen sind sehr oft prekär. Viele verfügen über keinen legalen Aufenthaltsstatus (mehr) und sind damit umso schutzloser der Willkür ausgeliefert.

Sind die Frauen Opfer oder Akteurinnen?

Die Geschlechterforscherin Helma Lutz führte qualitative Interviews mit Hausangestellten aus Osteuropa und Lateinamerika und zeigt auf, dass die Lebenswelt und die Biografien der Frauen widersprüchlich sind.

Auf der einen Seite lässt sich argumentieren, dass die Migration keine Emanzipation und keinen Autonomiegewinn bringt, da es den Frauen zwar gelingt, die ökonomischen und emotionalen Abhängigkeiten zu ihren Partnern zu lösen, sie aber in Deutschland durch ihre prekäre Lage und die oftmals fehlende Aufenthaltspapiere in neue Abhängigkeiten geraten – von prekärer verrichteter Hausarbeit oder von einem deutschen Ehepartner (den sich einige der Interviewten wünschen). Durch den Wegzug der Frauen kommt es in den Herkunftsländern zu einem Versorgungsdefizit. Familien werden auseinandergerissen und die Sorgearbeit muss durch andere Personen, oft ebenfalls migrantische und/oder noch schlechter gestellte Frauen, übernommen werden. Dieses Phänomen gibt der „Global Care Chain“ (globale Sorgekette) ihren Namen.

Auf der anderen Seite sind die von den Frauen im reicheren Ausland erwirtschafteten Mittel eine bedeutsame Einnahmequelle und führen zu einem Statusgewinn, da die Frauen so das Überleben ihrer Familie sichern. Sie mobilisieren enorme persönliche Kräfte, um das unsichere Leben in der Fremde zu bewältigen, wovon ihre Familien profitieren.

Globale Care Chain als ambivalentes Phänomen

Die Bewertungen dieses Phänomens gehen weit auseinander: Die einen sehen die Ausweitung der Global Care Chain unter Bezugnahme auf das Dienstbotenwesen als „Refeudalisierung“ an, die anderen betrachten die Haushaltsarbeit als boomenden Wirtschaftszweig.

Die globale Versorgungskette ist – so soll hier deutlich werden – kein eindeutig negatives Phänomen, sondern hat einen ambivalenten Charakter. Dies trifft auch auf die Akteurinnen zu: In ihrer Studie zeigt Helma Lutz zwei grundsätzliche Verarbeitungsformen der Migration auf:

1. Migration als Entwurzelung: Die Biografie bekommt einen Riss, der sich nicht ohne Weiteres kitten lässt und in negativer Weise auf das gesamte Leben abfärbt.

2. Migration als zweckrationales Mittel und Fortsetzung der Biografie: Die Migration bedeutet keinen Bruch, sondern ist eine logische Konsequenz, weil es unmöglich ist, das Leben im Herkunftsland auf zufriedenstellende Weise zu bewältigen und den Lebensunterhalt der Familie zu bestreiten.

Da MigrantInnen und ihre Beweggründe jedoch kaum gesellschaftliche Anerkennung erfahren, fällt es ihnen oftmals schwer, ihre Migrationserfahrungen positiv zu integrieren. Der individuelle und kollektive Umgang mit den widersprüchlichen Erfahrungen, die die Migration mit sich bringt, wird dadurch erschwert.

Einbettung des Phänomens in die deutsche Politik

Die MigrantInnen als Bestandteil der deutschen Haushaltsökonomie berühren drei zentrale Regime:

1. Genderregime

Das Ziel der Frauenbewegung, eine Gleichverteilung von Hausarbeit und Sorgearbeit zwischen Männern und Frauen herzustellen, ist gescheitert. Kompensiert wird dies durch die Fortschreibung traditioneller Geschlechterzuständigkeiten auf globaler Ebene.

2. Migrationsregime

Die deutsche Politik, die sich nach wie vor gegen Zuwanderung sträubt, verweigert eine Anerkennung und Legalisierung von Care Work und zementiert so die prekäre Lage der Frauen.

3. Wohlfahrtsregime

Gleichzeitig erhöht die mangelhafte Betreuungsstruktur den Bedarf an Haushaltsdienstleitungen.

Einerseits gilt die illegale Beschäftigung von Haushaltsangestellten seitens der offiziellen Politik als unerwünscht (nach dem Motto: „Deutschland ist kein Einwanderungsland“), gleichzeitig aber erfüllt sie eine zentrale gesellschaftliche Funktion und kann auf sie nicht ohne Weiteres verzichtet werden. Unbeliebte Fragen zum Stellenwert von Sorgearbeit und ihrer gerechten Verteilung sowie wie nach der grundsätzlichen Gleichberechtigung von Frau und Mann in allen Lebensbereichen bleiben nach wie vor ungelöst.

Literatur

Helma Lutz: Vom Weltmarkt in den Privathaushalt: Die neuen Dienstmädchen im Zeitalter der Globalisierung, Berlin, Leverkusen 2007.

Nicole Kühn