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Sommer 2/2021

Gewichtsdiskriminierung intersektional gedacht

von Maria González Leal

(aus WIR FRAUEN Heft 2/2021, Schwerpunkt: Körper)

Mit fünf Jahren denken Mädchen das erste Mal über eine Diät bzw. darüber nach, dass ihr Körper falsch sein könnte. Statistisch weist jedes fünfte Kind bis 17 Jahren in Deutschland Symptome einer Essstörung auf (BZgA 2020). Laut der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen ist sogar jedes dritte Mädchen im Alter von 16 Jahren essgestört, so Stephanie von Liebenstein, stellv. Vorsitzende der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung e.V. Jede_r 10. Betroffene stirbt an dieser Erkrankung oder ihren Folgen. Die Zahlen der Betroffenen von einer Essstörung nehmen zu – u.a. weil die Datenerhebung immer besser wird, aber auch weil der Druck „schön / gesund / schlank“ zu sein, noch nie so groß war. Die Formel hält sich hartnäckig: schön = gesund = schlank. Es gilt, dieses Ideal zu erreichen, um „wertvoll“ zu sein bzw. um sich Würde und Respekt zu „verdienen“. Seit letztem Sommer gelten Menschen mit einem BMI von 25 (Frauen) oder 30 (Männer) offiziell als chronisch krank. Dies soll v.a. zu einer finanziellen Entlastung von Gesellschaft und Gesundheitssystem beitragen. Der BMI, erfunden vom Mathematiker Adolphe Quetelet, macht jedoch nur Aussagen über das Verhältnis von Gewicht zu Größe und gibt keine Auskunft über sonstige Vitalwerte wie Muskel-/Fettverteilung.

Gewichtsdiskriminierung ist besonders sichtbar in Behandlungszimmern. Menschen mit einem großen Körper werden oft Untersuchungen, Diagnosen und Behandlungen verweigert mit der Begründung, die Beschwerden würden sich mit einer Gewichtsreduktion verbessern. Dies erleben Betroffene selbst, wenn sie nach Hilfe fragen, weil sie eine Essstörung haben. Besonders hier von Mediziner_Innen gehört zu bekommen, dass sie eine Diät, weniger essen und Sport machen sollen, ist nicht nur diskriminierend, sondern schlicht weg unethisch. In der gleichen Situation bekommen Menschen mit schlanken Körpern Hilfe und werden ernst genommen. Menschen mit großen Körpern können an Bulimie oder Anorexie erkranken und dünne Menschen sind nicht per se gesund. Der Gesundheitszustand von Menschen ist nicht an ihren Körpern ablesbar. Es ist an der Zeit, über die Definition von Gesundheit und über die Aufgaben eines inklusiven Gesundheitssystems neu zu verhandeln.

Menschen mit einem großen Körper können gesund sein. Gesund zu sein, ist allerdings keine Bedingung für Würde und Menschenrechte. Für ihre Rechte haben 1967 dicke_fette Menschen bei der ersten „fat pride“ im Central Park in New York demonstriert. Anschließend hat sich 1969 die NAAFA (National Association to Advance Fat Acceptance) gegründet und den Grundstein für die Fat Acceptance Bewegung gelegt. Die Forderungen zum Abbau von Diskriminierungen beziehen sich auf den Arbeitsmarkt, Gesundheitssektor, Versicherungen, öffentliche Transportmittel, Sitzmöglichkeiten und mehr. In den USA gibt es vereinzelt sogar Gesetze, um Gewichtsdiskriminierung entgegenzuwirken. In Deutschland gründete sich 2005 die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung e.V. und wurde 2016 als gemeinnützig anerkannt. Auf politischer Ebene kämpft der Verein fast alleine, damit Gewichtsdiskriminierung als Merkmal in das AGG (Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz) und in Berlin in das LADG (Landesantidiskriminierungsgesetz) aufgenommen wird.

Dank der Schwarzen Jurist_In Prof. Dr. Kimberlé Crenshaw können wir mit Hilfe von Intersektionalität Mehrfachdiskriminierung sichtbar machen. Mit diesem Ansatz lässt sich nachvollziehen, warum Lösungen gegen Gewichtsdiskriminierung Rassismus, Ableismus, Sexismus und Klassismus berücksichtigen müssen. Im US-amerikanischen Kontext wird der Zusammenhang zwischen Rassismus und Gewichtsdiskriminierung schon länger thematisiert, obwohl deren Ursprünge in Europa liegen. Kolonialismus und Missionierung erweiterten die Vorstellung von einem perfekten, gesunden, reinen und weißen Körper. Der Schwarze weibliche Körper ist seine Antithese. Die Schwarze Frau wurde als groß/dick, wollüstig, dumm, nicht produktiv beschrieben. Als Beispiel hierfür steht die Geschichte von Sarah Baartmann, die 1789 als Khoikhoi in Südafrika geboren und 1810 nach Europa verkauft wurde. Ihr Körper galt als Beweis für das Aussehen aller Schwarzen Frauen: Alles sei größer – Körper, Bauch, Brüste, Gesäß und Vulva. Das „Othering“ und der weiße Blick (Frantz Fanon) waren schon immer Werkzeuge rassistischer Gewalt. Wichtig zu verstehen ist hierbei, dass der große weiße Körper, sich nicht nur der Völlerei schuldig gemacht hat. Durch den Kolonialismus und die Missionierung wurden die Vorurteile gegenüber einem großen Körper, um die der negativ Zuschreibungen Schwarzer Frauenkörper erweitert. Somit erklärt sich, warum dicken / großen Körpern: Faulheit, Dummheit, Wollust und Disziplinlosigkeit zugeschrieben wird.

Um diese komplexen Lebensrealitäten sichtbar zu machen, ist aus der Fat Acceptance Bewegung die Body Positivity Bewegung entstanden. Kern der Bewegung ist, dass alle Körper in ihrer Einzigartigkeit ein Existenzrecht haben, ohne sich an eine Norm anpassen zu müssen. Dabei handelt es sich vor allem um die Kritik an den Normierungen: weiß, männlich, cis, heterosexuell, schlank, ableisiert (nicht gehindert/behindert), akademisiert, Zugang zu sozio-ökonomischen und kulturellen Kapital. Daher ist die Body Positiv Bewegung auch als antikapitalistisch zu verstehen. Es gilt nach den Strukturen zu suchen, die verantwortlich für Diskriminierungen sind. Jeder Mensch kann Teil der Body Positiv Bewegung sein, doch die erste Hausaufgabe ist, die eigene Identität kennenzulernen und damit die eigenen Privilegien. Viele Influencer_Innen in den sozialen Netzwerken verschieben jedoch Fokus und Ziele der Bewegung. Das vorherrschende Bild von diesen Body Positivity Aktivist_Innen ist näher an der Vorstellung von Normschönheit. Doch gerade je weiter Menschen von der Normschönheit entfernt sind, desto mehr erleben sie Diskriminierungen, bis hin zur Entmenschlichung. Oft bestimmen Influencer_Innen mit viel Sichtbarkeit auch die Inhalte der Bewegung neu: Alle Körper sind schön, solange sie gesund sind. Oder wenn Du dich mal nicht so gut fühlst, kaufe Produkt xyz, dann geht es Dir besser. Zwei Kernpunkte der Bewegung werden damit ausgehebelt: Kritik am Kapitalismus und das alle Körper in ihrer Einzigartigkeit ok sind.

Die Bewegung fordert, dass marginalisierte Menschen und ihre Bedürfnisse im Zentrum dieser Bewegung stehen. Das zeigt sich zum Beispiel in einer Konsumkritik. Denn Produkte für marginalisierte Menschen haben viel gemeinsam: Sie sind kaum im stationären Handel zu erwerben, sind oft um ein Vielfaches teurer, schlechter verarbeitet und gesundheitsschädlich. Dies betrifft die Pflege für das Haar von Schwarzen Menschen, Make-up für Schwarze Menschen, Kleidung für große Körper oder gehinderte Körper oder Produkte für Frauen. Wer Privilegien hat, muss sich darüber bewusst werden, dass es auf der Kehrseite Menschen gibt, die diese nicht haben. Menschen mit Privilegien müssen sich die Frage stellen: Wo bin ich Teil der Unterdrückung anderer Menschen und wie kann ich diese abbauen? Privilegien aufgeben und die eigene Identität hinterfragen! Privilegierte Menschen sollten sich darüber bewusst sein, dass ihre Sichtbarkeit, marginalisierte Menschen und ihre Bedürfnisse unsichtbar machen.

Wichtig sind intersektionale Lösungen, denn es ist super, wenn du mehr Freiheit hast und gelernt hast, deinen Körper zurückzuerobern / mehr anzunehmen, aber solange dies nicht für alle Menschen gilt, sind wir nicht am Ziel. Wenn du dich bilden willst, empfehle ich folgende Expert_Innen auf Instagram: @schwarzrund, @nkweeny, @lahya_aukongo und @normaproforma.

BUCHTIPPS:
Sabrina Strings: Fearing the Black Body: The Racial Origins of Fat Phobia.
Max Weber: Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus.

Maria González Leal (@body_mary | linktr.ee/body.mary) arbeitet und forscht zu den Themen Gewichtsdiskriminierung, Anti-Rassismus, Intersektionalität, Queerness, Neurodiversität, Chronische Erkrankung und vererbte Armut.