„Genuss miteinander zu teilen, das ist auch ein Grund, warum wir Widerstand leisten“
Mithu M. Sanyal ist Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin von Sachbüchern und Romanen („Identitti“, 2021; „Antichristi“, 2024).
Melanie Stitz sprach mit ihr über Genuss in schwierigen Zeiten.
(WIR FRAUEN – Das feministische Blatt Heft 4/2025)

Foto: © Carolin Windel
Liebe Mithu, 2009 erschien deine Kulturgeschichte der Vulva. Damit erreichte dein Appell, die Vulva beim richtigen Namen zu nennen, eine ziemlich breite Öffentlichkeit. Was hat sich deiner Wahrnehmung nach seitdem im positiven Sinne verändert, in unserem Denken, Wissen, Fühlen?
Also erst mal ist so gefühlt zehn Jahre lang nichts passiert. Es kamen viele Journalist*innen vorbei und haben gesagt, das ist ja spannend. Und dann wurde weiterhin Vagina gesagt und das war‘s. Dann aber gab es wirklich so ein Revival. Die letzte Auflage war verkauft, und plötzlich sprachen alle Medien über Vulva. Es gab mehrere Dokumentarfilme, in denen ich über die Vulva erzählen durfte. Inzwischen verwenden relativ viele Zeitungen auch das richtige Wort.
Es gab dann von Souzan AlSabah noch den Vorschlag, Vulvina zu sagen, weil wir häufig beides meinen: die Vulva und die Vagina. Vulvina wird nun viel in körpertherapeutischen Kontexten und der Sexualaufklärung verwendet, was ich total schön finde – es ist ein so freundliches Wort.
Souzan AlSabah hat diesen hübschen Film gemacht, in dem sie fragt, was wäre, wenn das Ohr bei Mädchen „Ohr“ heißen würde und bei Jungs „Ablagefläche für die Wünsche und Bedürfnisse der Ehefrau“.
So ist das ja mit dem lateinischen Wort Vagina: Das heißt zu Deutsch Scheide, so wie die Hülle, in die das Schwert gesteckt wird – weil sich im 17. Jahrhundert Anatomen gedacht haben: Wie nennen wir das Ding? Nennen wir es doch nach seiner Funktion, das ist die Scheide, in der der Mann seinen Penis einführt.
Das ist alles sehr zwei-geschlechtlich, weil die Geschlechterdifferenz historisch mit einer Version von „eine Scheide ist ein Anti-Penis“ begründet wurde. Inzwischen wissen wir natürlich, dass nicht nur Frauen eine Vulva haben.
Vulva ist nun überall. Es gibt ein viel größeres Wissen, viel mehr Bilder und Vulva-Kunst und so viele Vulva-Cupcakes mit Zuckerguss, dass sogar ich finde, mir reicht es. Gleichzeitig zu all dem gibt es einen Diskurs über weibliche Körper, der sie als allzeit gefährdet annimmt, als etwas, was in erster Linie geschützt werden muss. Wir müssen über sexualisierte Gewalt reden, das finde ich absolut richtig! Aber in den Debatten rutscht das leicht ab in ein „Wir müssen Frauen vor Sexualität schützen“. Dabei geht es mir um sexuelle Selbstbestimmung.
Es liegt nahe, dass die Frage „Wie schützen wir uns?“, unsere Genuss-Möglichkeiten drastisch einschränkt…
Naja, die Frage nach Genussfähigkeit wird ja viel zu selten gestellt, also die Frage, was willst du? In vielen Kursen zur Gewaltprävention geht es darum, das Nein-Sagen zu lernen. Das ist wichtig, aber wir können nur dann Nein sagen, wenn wir auch Ja sagen können. Und in den Konsens-Kursen, die ich gegeben habe, war die größte Herausforderung, erst einmal wahrzunehmen, was wir wollen.
Nebenbei: Das Nein, das wir im Konsens-Kurs lernen, ist eigentlich das Notfall-Nein, wenn wir schon mit dem Rücken an der Wand stehen und es keine Diskussion mehr geben darf.
Was aber ist mit dem allerersten Nein? Warum fangen wir nicht damit an, das zu lernen? Sex ist ein riesiges Menü, wo es nicht darum geht, zu essen oder nicht zu essen, sondern was und wie und wie viel und wann. In diesem Kontext ist „Nein“ erst einmal eine Information, an die sich die Frage nach mehr Informationen anschließen könnte.
Dazu müssen wir uns sicher fühlen, dass unsere Grenzen respektiert werden, und wir müssen wissen, was wir wollen, und wir müssen noch dazu in der Lage sein, darüber zu reden. Das ist tatsächlich etwas, da gucken wir ganz wenig darauf: Wie können wir über Sexualität, über Genuss reden, und zwar mit unseren Sexualpartner:innen und Freund:innen? Auch über fehlenden Genuss, weil wir vielleicht gern mehr hätten. Das ist das nächste tabuisierte Thema: Wie können wir darüber reden, wenn wir gerne mehr Sex in unserem Leben hätten?
Wir erleben gerade, wie auf vielen Ebenen militärische Prioritäten gesetzt werden. Ist das Militär, sind unsere Brücken, Krankenhäuser und Schulen kriegstauglich genug? Das sind die wichtigen Fragen, dafür gibt es Geld. In solchen Zeiten sind „ganze Kerle“ gefragt – darüber haben wir in der Wir Frauen immer wieder geschrieben. Lenkt Genuss – und das Reden darüber – von den wichtigen Fragen ab? Welchen Raum gibt es da, über so ein watteweiches Thema wie Genuss nachzudenken?
Das Thema hat ja ganz viele Facetten. Selfcare zum Beispiel: Es gibt dieses tolle Zitat von Audre Lorde, darin sagt sie, Selfcare sei Selbsterhaltung und damit „ein Akt politischer Kriegsführung“. Das ist wahr. Gleichzeitig kann Selfcare auch ganz schnell ins Neoliberale umschlagen und wird uns oft als Ware verkauft. Und gut aussehen musst du dabei auch noch. Das hat dann wenig widerständiges Potential.
Wenn wir aber Genuss aus unserem Leben herausstreichen und sagen, wir dürfen nur noch die politisch wichtigen Dinge machen, dann ist das zutiefst problematisch. Genuss bedeutet, in Kontakt mit der sinnlichen Welt um uns herum zu gehen, das ist Frivolität und das sind all die Dinge, die in unserem Wertekanon keinen Platz haben. Es ist aber auch eine Form von Care-Arbeit, wenn wir Genuss miteinander teilen – eine Form, wie du Lebensenergie empfindest und weitergibst.
Wie wichtig das ist, sich Raum zum Genießen zu nehmen, das ist mir tatsächlich bei Gaza aufgefallen. Es gab da eine ganze Menge Posts auf Social Media, von Palästinenser:innen, die mitten im Krieg, in den Trümmern oder unter Beschuss Bilder geteilt haben, wie sie eine Tasse Kaffee trinken oder den Sonnenuntergang genießen. Weil es ja Teil unseres Menschseins ist, auch zu genießen und darauf zu beharren als Recht. Sich dem Leiden so zu widersetzen, das ist auch eine Form von Selbstbehauptung und Widerstand. Das ist jenseits dessen, was wir zum absoluten Überleben brauchen. Es geht darüber hinaus.
Es gibt Geschichten von Menschen, die unter Diktaturen – als Akte des Widerstands – heimlich Partys organisieren, um miteinander zu tanzen, zu feiern, zu trinken, Sex zu haben… Freude und Genuss miteinander zu teilen, ist wichtig und auch der Grund, warum wir Widerstand leisten. Ohne das stirbt auch das in uns, was Widerstand leisten kann.










