Genoss*innen kommt von Genießen
Gabriele Bischoff
(aus: WIR FRAUEN – Das feministische Blatt Ausgabe 4/2025)
„Mein Bauch gehört mir“ – was für eine Kraft liegt in dem Slogan der Frauenbewegung in den 1970er Jahren! Damals ging es vor allem um die Abschaffung des § 218, aber ganz sicher schwang auch schon der Wunsch nach mehr Genuss an selbstbestimmter Lust am eigenen Körper mit.
Viel später, im Jahr 2000, fand das Nürnberger Institut für Genussforschung (ja, so etwas gibt es in Deutschland!) heraus, dass weibliches Genussempfinden oft differenziert und anspruchsvoll ist. Und dass die Unfähigkeit zum Genuss schwere Depressionen begleitet.
In westlichen Arbeitsgesellschaften ist „die Genusszeit auf den Feierabend begrenzt oder auf die Tage der Ferienzeiten. Aber auch dann dient diese Genusszeit oft der ‚Regeneration‘, dem ‚Ausruhen‘, und ist letztlich kein Selbstzweck für den Genuss“, stellt die Kunstwissenschaftlerin Antonia Wagner in ihrer Dissertation „Feminismus und Konsum“ (2020) fest.
Überhaupt: Sind wir als Konsument:innen in einer Überflussgesellschaft mit ihren ausschweifenden, vermeintlich billigen Angeboten aus der ganzen Welt nicht Getriebene eines durch Werbung suggerierten Genusses? Ist es noch ein Genuss, wenn Tiere für den Braten beim Familienfest leiden müssen? Wenn Näher:innen unter Mindestlohn ausgebeutet werden und die Herstellung einer Jeans enorm viel Wasser verbraucht, mit dem Einsatz giftiger Chemikalien für den Anbau von Baumwolle und das Färben einhergeht und schließlich hohe Emissionen durch lange Transportwege verursacht?
Die Missy-Redaktion hat das 2023 ganz wunderbar zusammengefasst: „Das Schlimme an Genuss ist nicht seine Existenz, sondern, dass er nur wenigen Menschen vorbehalten ist. Übrigens: Ursprünglich bedeutete Genuss etwas viel Allgemeineres, nämlich etwas zu nutzen, im Sinne von ‚Nutznießung‘. ‚Genossen‘ finden wir nicht nur in der Vergangenheitsform von ‚genießen‘, sondern ‚Genoss*in‘ leitet sich tatsächlich davon ab – war doch eine solcher Teil einer Community, die Dinge gemeinsam nutzte. So lasst uns, liebe Genoss*innen, die Welt zu einem besseren, genussvolleren Ort für alle machen!“

Für diesen Schwerpunkt hat Leo Paulsen zur Geschichte des berühmten Satzes „Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen“ recherchiert. Annegret Kunde plädiert dafür, genießend Kraft zu tanken, um für öffentlichen Luxus, der allen zuteil wird, besser streiten zu können. Die Autorin Giulia Alvarez-Katz kann ihren Orgasmus schmecken – ein Anlass für sie, auch über Beschämung und Scham nachzudenken. Inspiration fand sie u.a. bei adrienne maree brown. Erst einmal wahrnehmen, was wir wollen: Über Genuss als sinnliche Weltaneignung und widerständigen Akt sprach Melanie Stitz mit Mithu M. Sanyal. Emine Demir erinnert in ihrem Beitrag „Wassermelonen doppelt so groß wie Döndü Ebe’s Brüste“ daran, dass „Almans“ zwar die Köstlichkeiten migrantischer Familien für sich entdeckten, diese selber aber nicht zum Essen einluden.
Viel Vergnügen beim Lesen und Nachspüren!










