Friedenstüchtigkeit
Von Melanie Stitz
(aus: WIR FRAUEN – Das feministische Blatt Ausgabe 3/2026)
2011 wurde in Deutschland die Wehrpflicht ausgesetzt. Claudia Haydt von der Informationsstelle Militarisierung mutmaßte damals über die „Wehrpflicht als Auslaufmodell“: Seit Ende des Kalten Krieges stehe die Landesverteidigung kaum mehr im Fokus. Die Zukunft, so Haydt, gehöre einer Armee, die im Ausland interveniert und Aufstände niederschlägt.
„Unsere Freiheit“ werde auch am Hindukusch verteidigt, behauptete schon 2002 der damalige Bundesverteidigungsminister Peter Struck (SPD). Für Interventionsarmeen stellten Wehrpflichtige aber einen „juristischen und medialen Ballast“ dar. Soldaten auf Zeit, im Denken immer auch noch Zivilisten, hätten zudem als „Gegengewicht gegen militärische Eigendynamiken“ gewirkt. Der Umbau zur Berufsarmee nimmt Druck aus den Debatten. Zudem werden für die neuen Aufgaben Profis gebraucht, die längere Ausbildungszeiten in Kauf nehmen und länger in der Armee verbleiben.
2013 sorgte ein Werbespot der Bundeswehr hier und da für Empörung: Feixende Soldaten machen mit ihren Bomben auf dem Meer tolle Fontänen. So sorgen sie dafür, dass die Bananen über den Seeweg im Supermarkt ankommen. Das kleine Mädchen, das an Mamas Hand einkaufen geht, kann wieder lachen. Heute geht es auf den Plakaten zum Beispiel darum, etwas zu machen. Was genau gemacht wird, also produktiv sein soll beim Militär, bleibt offen. Wohl eher geht es um das Kaputt-Machen von Leben, Infrastruktur und Natur.
Sterben und Töten blendet banaler Militarismus konsequent aus. Geworben wird mit dem „Gefühl, dass eine ganze Armee hinter dir steht“, mit dem Gefühl, etwas beizutragen, das Sinn ergibt, für „meine Freunde“, „weil du hier richtig bist“, für das „Weiterkommen“ an und für sich, zusammen mit den Fußball-Kameradinnen, um „deine Stärke zu finden“ oder „weil du es kannst“. All das sei besser, als „auf dem Sofa zu sitzen“ oder „nur zu reden“. Wie all diese Friedensfreund*innen und Faulenzer*innen, möchte man in Gedanken ergänzen. Ein anderes Plakat fragt einfach: „Nach der Schule schon was vor?“
Unsummen steckt das Militär in solche Werbung, tunkt Pizza-Kartons und Straßenbahnen in Flecktarn und produziert Doku-Soaps über „Die Rekrutinnen“ oder die „Generation Wehrdienst“. Offenbar reicht das alles nicht aus. Dabei ist für alle doch etwas dabei: Laut Studien fühlen sich Jugendliche so einsam wie noch nie. Immer weniger Menschen glauben, politisch Einfluss nehmen zu können. Das Militär lockt als Verheißung: Frauen sind im Militär so gleichberechtigt wie nirgendwo sonst – die Hauptsache, sie stehen ihren Mann.
1983 erschien die Erzählung „Kassandra“ von Christa Wolf. Darin fragt sie:
„Wann Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg. Falls es da Regeln gäbe, müsste man sie weitersagen, in Ton, in Stein eingraben, überliefern. Was stünde da? Da stünde, unter andern Sätzen: Lasst euch nicht von den Eignen täuschen.“
Fragen stellen. Immer wieder: Wem nutzt es? Und wer zahlt den Preis? Wessen Geschichte wird nicht erzählt? „Die Realität ist die stärkste Waffe der Friedensbewegung“, schreibt die norwegische Journalistin Linn Stalsberg in „Krieg ist Verachtung des Lebens. Ein Essay über den Frieden“ (2025).
Sprache greift ins Denken ein und ist also ein Kampffeld. Kriegstüchtigkeit zum Beispiel. Was soll tüchtig sein an einem Krieg? Kriege sind Ausdruck und Folge totalen Versagens. Faul sind diejenigen, denen reden zu mühsam erscheint. Rückgrat hat, wer Nein sagt. Haltung zeigt, wer Verrohung nicht mitmacht. Naiv ist, wer meint, dass Frieden durch Siege errungen wird. Geschichtsvergessen, wer behauptet, die Friedensbewegung sei schuld am 2. Weltkrieg. Solidarisch ist, Kriegsdienstverweigerern Zuflucht zu bieten. Wer Bomben wirft und mit Drohnen tötet, ist nicht mutig, sondern feige. Immer wieder in der Geschichte haben gewaltfreie Aktionen Menschenleben gerettet – an der Front wird zu Tausenden gestorben.
Friedenstüchtigkeit fällt nicht vom Himmel
Frieden ist Arbeit: Stetes Bemühen um ein gerechtes Miteinander hat mit Aussitzen nichts zu tun. Feministische Sicherheits- oder Außenpolitik, wie sie ursprünglich mal gedacht war, dient in (Vor-)Kriegszeiten allenfalls noch als Feigenblatt – dann ist es in der Regel zu spät, um Ausbeutung zu beenden, soziale Rechte zu erkämpfen und ein fürsorgliches Gemeinwesen zu entwerfen, in dem Empathie gelernt wird von klein auf. Friedenstüchtigkeit fällt nicht vom Himmel. Bewegungen gegen Armut, gegen Krieg und für das Klima müssen zusammengehen, und: „Wir müssen härter arbeiten, bevor es zu spät ist“, schreibt Linn Stalsberg.
Die militärische Logik fußt auf geschlechtlichen Arbeitsteilungen. Im „Ernstfall“ können Frauen per Gesetz zum Lazarettdienst eingezogen werden, heißt es im Grundgesetz. In allen Armeen haben Soldatinnen einen schweren Stand, tragfähige Zahlen zu ihrer Anzahl und Funktion gibt es kaum. Mal dienen sie als Ausweis für moderne und „humane“ Kriegsführung, mal für besondere Perversion auf Seiten der Gegner. Frauen werden als Opfer gebraucht, als solche werden sie inszeniert und allenfalls als solche kommen sie auch zu Wort. In Verhandlungen sind sie trotz ihrer Erfahrungen und Kompetenzen selten beteiligt. Frauen sind Kriegsgrund und Beute, oft schon vor und noch lange nach dem, was als Krieg definiert wird. Vergewaltigung funktioniert als Kriegswaffe, „weil sie weit über das unmittelbar zugefügte Leid hinaus auch durch die damit einhergehenden Tabuisierungen, Ausgrenzungen und Stigmatisierungen in der überfallenen Gesellschaft wirkt“, erklärt Uta Ruppert in „Ein bisschen Feminismus im Krieg?“ (PROKLA 2022).
Männer als Opfer, ihr Leiden als Soldaten, werden dagegen kaum gezeigt. Ihre Angst und Schmerzen lässt man In den Zahlen um Truppenverluste und Gebietsgewinne verschwinden. Mitgefühl gibt es für Fahnenflüchtige wenig.
Als Frauen oder als Mütter gegen Kriege und Aufrüstung zu demonstrieren, das bot oft Schutz vor Repression. Sie niederzuknüppeln kommt nicht so gut an. Die Idee, Frauen seien friedlicher und harmloser, moralisch vielleicht überlegen, aber in den harten politischen Realitäten zu wenig bewandert, ist vielfach widerlegt, wirkt aber unterschwellig fort.
Militarismus braucht und produziert bestimmte Formen von Männlichkeit – und von Weiblichkeit auch. Neben sich unterwerfenden Tradwifes und tapferen Soldatenfrauen sind neu im Angebot die soldatischen Top-Girls: taff, modern und emanzipiert.
Feministische Antimilitaristinnen stehen vor der Herausforderung, Krieg und Militarismus sowie – damit und zugleich – geschlechtliche Zuschreibungen und Arbeitsteilungen zu sabotieren.
In der Ausgabe „Friedenstüchtigkeit“
Anna Schiff erinnert an die Kämpfe der Frauenfriedensbewegung in den letzten 100 Jahren in Deutschland und Europa; Christiana Puschak stellt die leidenschaftliche Kriegsgegnerin Friderike Zweig vor, geboren 1888. Claudia Brunner erklärt, wie immaterielle Mobilmachung funktioniert. Erschreckende Zahlen und feministische Antworten zu Bedrohungs- und Militarisierungserzählungen hat Tina Berntsen zusammengestellt. Das NRW-weite Bündnis für ein gemeinwohlorientiertes Gesundheitswesen argumentiert gegen die Militarisierung ziviler Infrastruktur.
Die Afrikawissenschaftlerin und Dozentin Dr. Rita Schäfer stellt afrikanische Friedensstifterinnen vor. Wie feministische, demilitarisierte Zukünfte aussehen könnten, beschreibt das Frauennetzwerk für Frieden e.V.
Von ihren Erfahrungen in der Schweizer Armee erzählt die Journalistin Jana Avanzini. Klara Schneider wirbt in der Rubrik „Projekte“ für selbstgemachte Lesekreise, am Beispiel feministischer Positionen gegen Krieg und Militarismus. FRIEDEN TUN – so heißt eine Ausstellung im Frauenmuseum Hittisau, vorgestellt in der Rubrik „Kultur“.













