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Winter 4/2019

Friedensfrauen in China

Eine Begegnung mit der Bäuerin Yin Yuzhen und der Landwirtin Hailan Yang in den autonomen Provinzen der Inneren Mongolei und Ningxia

Die eine ist tatkräftig, impulsiv und fröhlich. Die andere ist ruhig, zierlich und sanft. Die eine pflanzt Bäume in der Wüste. Die andere baut Wein in der Halbwüste an. Beide Frauen sind eigenwillig und stark, haben es geschafft, wo viele gescheitert sind: die Verwüstung erfolgreich zu bekämpfen und die Wüstenbildung zu verhindern.

Beide sind vor fünf Jahren für den Friedensnobelpreis nominiert worden wegen ihres Engagements für Umwelt und ökologische Sicherheit. Sie gehören der Bewegung „FriedensFrauen weltweit“ an und sind unter den rund 100 Chinesinnen und den 1.000 Frauen weltweit, die damals von der Frauenfriedensbewegung für den Preis ausgewählt wurden.*

Yin Yuzhen, 45 Jahre jung, aus der Shaanxi-Provinz stammend, ist inzwischen eine Berühmtheit. Filme wurden über sie gedreht, Bücher über sie geschrieben, Menschen aus allen chinesischen Regionen und aus aller Welt besuchen sie, SchülerInnen und StudentInnen kommen zu ihr, um von ihren reichhaltigen Erfahrungen zu lernen. Und sie reist nach Japan, Südkorea oder in die Mongolei, um sich auszutauschen und Auszeichnungen entgegenzunehmen – wie viele sie bekommen hat, weiß sie nicht.

Die Frau mit dem fast knielangen schwarzen Zopf hat eine lange Geschichte hinter sich und meint lachend, dass sieben Tage nicht ausreichen würden, um diese zu erzählen.

Es fing mit Armut und Perspektivlosigkeit an. Eigentlich wollte sie als Kind Pilotin werden. Daraus wurde nichts. Schreiben und lesen lernte Yin nicht, da sie sich um die sechs Geschwister kümmern musste. Dann wurde sie 20-jährig von den Eltern an einen genauso armen Bauern verheiratet. Das neue Zuhause war eine winzige, beinahe höhlenartige Hütte in der Einöde, es gab keine Arbeit und keine Wohnung in der Stadt. Nichts als Sand. Fluchtversuche scheiterten an der Unbarmherzigkeit der Landschaft. Also mit der Wüste leben. Ihre vier Kinder gebar sie in der Einsamkeit.

Yin ließ sich nicht unterkriegen und fing an, Bäume zu pflanzen, nachdem sie einen Strauch erblickt hatte: „Wenn ein Baum hier überleben kann, dann können wir es auch.“ Das hieß Setzlinge und Saat kaufen und pflanzen, diese nachts gießen, damit das Wasser nicht sofort verdunstet. In 17 Jahren hat sie zusammen mit ihrem Mann über 300.000 Bäume gepflanzt, Pappeln, Pagoden- und Weidenbäume, Tannen, über hundert verschiedene Arten Bäume und Büsche – inzwischen haben sie eine Fläche von insgesamt 7.000 ha aufgeforstet. Sie hat auch einen Kiefernhain für die tausend FriedensFrauen angelegt. Am Eingang ihres vom Staat gepachteten Grundstücks in Jingbèi Tang steht: „Welcome to Yin Yuzhen green ecological Farm“. Ihr Land grünt und blüht.

Vor dem Haus trocknet auf dem Boden gerade geernteter Reis, die Hirse- und Maisfelder werden mit der Sense von der ganzen Familie beackert. Pfirsichbäume, Chinakohl, Wassermelonen, Rosen, alles hier scheint zu wachsen. Hundert Meter vom Haus entfernt steht inzwischen eine Farm mit Rindern und 300 Schafen. „Die nachhaltige Biolandwirtschaft brauchte ich nicht zu lernen“, sagt Yin, „ich hatte Erfahrung … und kein Geld für Pestizide“. Abends wird in der kleinen Oase mit den zahlreichen Gästen Reiswein getrunken, Lieder werden gesungen und auf das Land und auf die Freundschaft angestoßen.

Inzwischen ist Yin auch ins regionale Parlament gewählt worden – eine von fünf Frauen unter den 16 Volksvertretern der Ordos-Region: Sie befragt die Menschen vor Ort, nimmt Notizen, organisiert Informationen, um die Stimmen der Menschen vorzutragen.

Wie sie alles schafft? Sie zeigt auf ihren Kopf: „Die wirkliche Armut ist, wenn man nicht denken kann.“ Woher sie die Kraft nimmt? Der Wunsch zu überleben, der Wunsch nach Essen, nach einem besseren Leben für die Kinder und nach einer besseren Umwelt haben sie angetrieben. Ihre nächsten Pläne verrät sie nicht, getreu ihrem Motto: „Zunächst handeln, erst dann darüber sprechen“.

Eines steht fest: Sie würde ihre begrünte Wüste für einen guten Job in der Stadt nie verlassen. „Hier ist mein Platz. Die Bäume sind meine Kinder, sie beobachten mich.“ Manchmal, wenn die harten Wetterbedingungen zu lange anhalten, geht sie zum nahen kleinen buddhistischen Tempel und bittet um den kostbaren Regen. Im sieben Monate langen Winter können die Temperaturen auf minus 30 Grad sinken, im Sommer auf 45 bis 50 Grad steigen.

„Wenn es mir schlecht geht“, sagt sie, „laufe ich zum Wald und fühle mich gleich besser.“

Hailan Yang, aus der autonomen Ningxia-Provinz stammend, hat ebenfalls viele Preise und Auszeichnungen erhalten, war zudem Fackelträgerin bei den Olympischen Spielen 2008. Sie kommt gerade von der Weltausstellung in Shanghai zurück, wo sich sieben Chinesinnen und sieben Australierinnen zum Austausch trafen.

Die elegante 41-jährige Frau mit dem kurzen Haar, deren Name kleine Meereswelle bedeutet, lernte Maschinenbau in Beijing und heiratete einen Finanzbeamten – eine Konvenienzehe. Arbeit in der Buchhaltung einer Fabrik, danach in einer Versicherungsgesellschaft. Dann entschied sie sich 1997, die Wüstenbildung im Yongning County südlich der Ningxia-Hauptstadt Yinchuan zu bekämpfen und einen eigenen Betrieb aufzubauen. Ihre Familie und ihr Mann hielten zunächst nicht viel davon. Doch mit Hartnäckigkeit und Ausdauer startete Hailan eine ökologische Bepflanzung in der Tengger-Wüste. Sie gründete und leitet heute noch die Firma Jinhu für Ökolandwirtschaft und Tourismus. Ihr Reich: ein Restaurant, das 200 Menschen beköstigen kann und das Öko-Zertifikat erhalten hat (mit fünf Köchen und zehn Angestellten), Weinreben, Gemüse- und Obstgärten, in denen Paprika, kleine Tomaten, Peperonis, Auberginen, grüne Bohnen, Kohl und Feigen wachsen, ein Lotusblumenfeld sowie ein Stall mit Kühen und Schafen. Hailans Wein, der sich mit einem guten Bordeaux vergleichen lässt und etwa 10.000 bis 20.000 Flaschen im Jahr umfasst, wird gar nach Großbritannien, Indien, Japan, Hongkong, Frankreich und in die USA exportiert. Es ist ein ökologischer Wein.

Vor drei Jahren gab ihr Mann Xú Wen Bin seine Arbeit auf, um ihr zu helfen. Sie bleibt aber verantwortlich für alles, ihr Mann ist ihr Untergebener, zuständig für die „Details“. Sie sei wie das Wasser, sagt sie, sanft und beharrlich, und lacht über das Sprichwort ‚Das weiche Wasser bricht den Stein‘. „Ich habe zwar eine sanfte Art, mein Mann ist aber ein sehr harter Stein.“ Im Familienbetrieb mischen Schwager und Schwiegermutter mit. Nur der 20-jährige Sohn Felix möchte nicht in den Betrieb einsteigen oder ihn später übernehmen, sondern lieber Polizist werden. Die regionale Regierung fördert sie inzwischen.

Hailan hat 2001 einen Verein zur Förderung von Frauenunternehmen in Yinchuan gegründet. 1.000 Frauen konnten bisher an von ihr organisierten Kursen teilnehmen. Mit ihrem Betrieb hat sie zudem Arbeitsplätze für Frauen und ethnische Minderheiten geschaffen – „happy working und happy life“ heißt ihr Motto, glücklich arbeiten und leben.

Sie verhehlt nicht, dass sie über die Ausweitung der Millionenstadt Yinchuan und über die möglicherweise daraus entstehende Bedrohung ihres landwirtschaftlichen Betriebs besorgt ist. Vielleicht schafft sie es aber mit ihrer sanften und beharrlichen Art, die Behörden weiterhin von der Notwendigkeit der grünen Oase und der ökologischen Landwirtschaft zu überzeugen.

Florence Hervé