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Frühjahr 1/2020

„Frauenrecht ist Menschenrecht“

Renate Wurms – ein Nachruf
10.1.1941 – 1.4.2009

s22_renate-wurmsRenate Wurms war fast 40 Jahre lang für die Sache der Frauen, des Friedens und der Demokratie, für Gleichheit und Selbstbestimmung unterwegs, in der Institution wie in der Bewegung. Uns verband eine über 30jährige Zusammenarbeit in der deutschen und internationalen Frauenbewegung, in Gleichstellungszusammenhängen und in der Frauenfriedensbewegung sowie beim Schreiben von Büchern.

Die 1941 geborene Pfarrerstochter wuchs mit vier Schwestern in einem Dorf in Hessen auf. Studium der Soziologie, Heirat, zwei Kinder, 30 Jahre lang lebte sie in einer Hausgemeinschaft. Der Satz, den sie über Käte und Hermann Duncker schrieb, trifft auf ihr Zusammenleben mit dem Dortmunder Wissenschaftler Christoph Wurms zu: „Zwei Leben, ein Paar, das spiegelt, wie schön und schwierig Gleichheit zu leben ist“. Sie zitierte dabei gerne Hermanns Brief an seine Frau 1809: „Das Schönste in unserer Ehe ist doch, dass wir uns nicht alltäglich geworden sind“.

Gegen Anpassung und Routine sorgte das frühe Engagement Renate Wurms. Die 70er Jahre waren frauenbewegte Zeiten. Da mischte sie bereits kräftig mit, ob bei der Frauenaktion Dortmund gegen den § 218 oder beim Frauenforum im Revier 1979, ob bei der Solidaritätsbewegung mit den Hoesch-Frauen gegen die Vernichtung von Arbeitsplätzen oder bei der „Initiative Frauen in die Bundeswehr – wir sagen Nein!“

Seit 1979 im zentralen Arbeitskreis der Demokratischen Fraueninitiative (DFI), die für die Gleichberechtigung der Frau in einer humanen Gesellschaft stritt, später auch in deren Bundesgeschäftsstelle, sie teilte ihr Motto „Frauenrecht ist Menschenrecht“.

Ihr Engagement in den 80er Jahren hieß für sie nicht nur demonstrieren, sondern bildend und schreibend wirken – Renate hatte eine spitze Feder, eine Gabe zum Formulieren. Ihre ersten Artikel erschienen Ende der 70er Jahre im Rundbrief der DFI – ab 1982 Zeitschrift wir frauen -, sowie in der damaligen „Deutsche Volkszeitung“. Als wir frauen in den schwierigen 90er Jahren unterzugehen drohte, half Renate diese zu retten.

Sie war (Mit)Herausgeberin und Autorin von Büchern zur Geschichte des 8. März und zur politischen Frauenbildungsarbeit, Mitredakteurin von „Das Weiberlexikon“ (1985, 5. überarbeitete Aufl. 2006). Sie schrieb Beiträge über die Geschichte der Frauenbewegung und Frauenporträts begeisterte sich besonders für die Radikalen der Frauenbewegung Minna Cauer und Hedwig Dohm, die marxistischen Pädagoginnen Käthe Duncker und Nadeshda Krupskaja. Sie schrieb über Fotografinnen und Schriftstellerinnen, über Science Fiction- und Kriminalautorinnen wie über die Kabarettistinnen, die dafür sorgten, dass „von unten nach oben gelacht“ wurde. Vielfältig waren Renates Interessen. Sie konnte auch bissig, böse und polemisch sein, z.B. beim Hören solcher Sprüche wie ‚Die Frau gehört ins Haus’. Und zitierte gerne die österreichische Meisterin der Aphorismen Marie von Ebner-Eschenbach: „Eine kluge Frau hat Millionen Feinde – alle dummen Männer“.

Die freie Journalistin scheute schwierige Themen nicht, ob Lohn für Hausarbeit oder zivile Militarisierung, ob Prostitution oder Demokratie und Sozialismus. Sie liebte eben die Herausforderung und den Widerspruch. Polemik und Wertschätzen, theoretische Auseinandersetzung, praktisches Handeln und gelebte Solidarität, das gehörte für sie zusammen. Das eine tun und das andere nicht lassen.

Beim Kalender wir frauen stieg sie 1991 ein, als Elly Steinmann krank wurde. Es war für sie immer ein besonderer Anlass in die Welt zu schauen, nach Nord und Süd, Ost und West, und grundsätzliche Fragen zu stellen. „Wie war es früher? Was hat sich verändert? Was ist unerledigt? Welche Tendenzen gibt es? Welche Erfahrungen weisen in die Zukunft?“ Sie suchte immer nach Alternativen. Die Utopie einer menschlichen Gesellschaft war präsent. Dabei scheute sie die Mühen der Ebene nicht.

Die Zusammenarbeit mit Renate, ob am Weiberlexikon oder am Kalender war anregend, manchmal anstrengend, wenn wir Nachtsitzungen einschieben mussten, immer herausfordernd. Und sie war mit dem Schönen verbunden – Renate hatte eine Gabe für die wunderbaren kleinen Dinge des Alltags, ein Maiglöckchen-Strauß, eine einzelne Rose. Das eine tun und das andere nicht lassen.

Von 1993 bis Ende 2005 Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Lünen, auch in der bundesweiten Koordination, war es für sie kein Grund, ihr Engagement in der außerparlamentarischen Frauenbewegung aufzugeben: „Mainstreaming oder mit dem Strom schwimmen ohne unterzugehen“ schrieb sie, und warnte vor der Illusion „die Gesellschaft allein per Gesetz radikal zu verändern“. Sie stellte fest: „Eine neue, dritte Frauenbewegung ist nicht in Sicht, aber war sie das in den 60er Jahren?“ Und plädierte eben für eine solche, für einen neuen Feminismus und neue Feministinnen: „Neue Aufbrüche und Bewegungen sind möglich und angesichts der „unerledigten Dinge“ notwendig.“

Renate Wurms erlag am 1. April 2009 ihrem Krebsleiden.

In ihrem letzten Lied schrieb eine ihrer Lieblingsdichterinnen, die Philosophin der kleinen Leute Mascha Kaléko: „Ich werde still sein, doch mein Lied geht weiter“. Dies trifft auch auf Renate zu.

fh