Logo
Sommer 2/2020

Fatwa für Anfänger

Die Taslima-Nasrin-Story

0409_nasrinJeder kennt Taslima Nasrin. Die Schriftstellerin, die den Islam kritisierte und deswegen von Fundamentalisten angegriffen wurde, wann immer sie wagte, an die Öffentlichkeit zu treten.

Doch das ist auch mehr oder minder alles, was man meint, über Taslima Nasrin zu wissen. Gespräche über sie laufen unweigerlich auf Vergleiche hinaus wie: Taslima Nasrin ist ein weiblicher Salman Rushdie. Er hat eine Fatwa, sie hat eine Fatwa – alles klar. Für diejenigen, die nicht fließend Arabisch sprechen: Eine Fatwa ist ein islamisches Rechtsgutachten, so gibt es Fatwas, die Zigarettenrauchen und Terroranschläge verbieten. In der nicht-islamischen Welt wurde der Begriff bekannt, als Ayatollah Khomeini zur Tötung Salman Rushdies aufrief, wodurch Rushdie und Fatwas über Nacht synonym und berühmt wurden – oder wie die englisch-iranische Stand-up-Komikerin Shappi Khorsandi es ausdrückt: „Eine Fatwa ist das Nächste zu einem Literaturpreis, was Exilschriftsteller bekommen können.“

Frei nach dem Motto „Die Feinde meiner Feinde sind meine Freunde“ erscheint ein Mordaufruf der Mullahs als eine Art Gütesiegel für Menschenrechte. Womit wir beim nächsten Vergleich wären: Taslima Nasrin ist ein weiblicher Martin Luther King. Und was sagt Nasrin selbst dazu?

„I have a dream. I dream of a beautiful world where no woman is opressed.“

Auch die Reden, die die Ärztin und Autorin aus Bangladesch anlässlich ihrer zahlreichen Menschenrechtspreise hält, sind so allgemein, dass man schon ihre Bücher lesen muss, um herauszufinden, was der Grund für die ganze Aufregung ist.

Da sollte man meinen, dass es in Deutschland, wo Nasrins Bücher im Gegensatz zu ihrer Heimat Bangladesch nicht verboten sind, kein Problem sei, an die Werke einer derart preisgekrönten Schriftstellerin zu kommen. Doch das einzige Buch, das nicht vergriffen ist, ist nicht einmal von ihr. Nasrin hat lediglich das Vorwort geschrieben. Sein Titel: Warum ich kein Muslim bin.

Überraschenderweise schreibt Taslima Nasrin, so man es doch schafft, ihre Bücher zu bekommen und zu lesen, gar nicht in erster Linie über den Islam, noch nicht einmal über Frauenrechte, sondern hauptsächlich über Bengalen. Sie selbst bezeichnet sich als bengalische Nationalistin. Was das bedeutet, wird nur klar, wenn man die Geschichte Bangladeschs versteht, die mit Nasrins Geschichte untrennbar verknüpft ist.

Schaut man sich eine Landkarte an, ist links Pakistan, dann kommt die gesamte Landmasse des Subkontinents Indien und rechts davon schließlich Bangladesch. Als die Engländer Indien in Indien und Pakistan teilten, wurde Westbengalen Indien zugeschlagen und Pakistan bekam Ostbengalen, das seitdem Ostpakistan hieß. All das unter der Überschrift, die Hindus und Moslems, die jahrhundertelang friedlich zusammengelebt hatten, davon abzuhalten, sich gegenseitig umzubringen. Die Bevölkerung fühlte sich jedoch überhaupt nicht in erster Linie als Muslime, sondern als Bengalen, und musste mit ansehen, wie ihre Einkünfte nach Pakistan flossen, um dort vordringlich in das Militär investiert zu werden. Das umgekehrt keinen Finger krümmte, um den Bengalen zu helfen, als diese 1970 von dem schwersten jemals verzeichneten Wirbelsturm getroffen wurden, in dem eine halbe Million Menschen umkamen. Sogar noch verheerender als der Zyklon war für die Bengalen, die sich vordringlich über ihre Sprache und Literatur definieren, dass Urdu als offizielle Landessprache verordnet und Bengali in Schulen, Ämtern und bei öffentlichen Veranstaltungen verboten wurde.

Taslima Nasrin, die durch das Exil von ihrer Sprache getrennt ist, bezeichnet Bengali in ihrer poetischen Sprache als Lebensader, ohne die sie verhungert und verdurstet. Dabei macht sie keinen Unterschied zwischen ihrem Kampf und dem der Bengalen, der schließlich dazu führte, dass bei den ersten freien Wahlen in Gesamtpakistan 1970 die bengalische Awami-League einen so umfassenden Sieg davontrug, dass sie die Regierung hätte stellen müssen. Doch um ein Klischee zu zitieren: Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie verboten. Und so reagierte Pakistan mit „Operation Searchlight“, die der Führer der pakistanischen Militäryunta, Yahya Khan, mit den Worten zusammenfasste: „Tötet 3 Millionen Bengalen und der Rest wird uns aus der Hand fressen.“

Die westliche Welt beobachtete fassungslos den Genozid an der bengalischen Bevölkerung, der am 25. März 1971 mit dem Massenmord an Intellektuellen begann und danach in ein wahlloses Töten von ZivilistInnen überging.

Noch fassungsloser war jedoch das pakistanische Militär, dass die Bengalen sich nicht wie erwartet ergaben, sondern geschlossen einen Guerillakrieg gegen die Armee führten, den sie schließlich mit Unterstützung Indiens gewannen.

Am 17. Dezember 1971 wurde Ostbengalen unabhängig und nennt sich seitdem Bangladesch: Land der Bengalen. Taslima Nasrin war damals 9 Jahre alt.

Sie wiederholt den Ruf „Jai Bangla“, Sieg den Bengalen, wie ein Mantra in ihren Texten. Umso erschütterter war sie über die politische Entwicklung in den folgenden Jahrzehnten: „Früher waren die bengalische Sprache und Kultur das wichtigste Thema, doch die Generäle haben diese Identität zerstört. Sie haben Bangladesch zu einem islamischen Staat gemacht. Dadurch sind die Fundamentalisten immer stärker geworden. Im Namen des Islam ziehen sie unsere Gesellschaft ins finsterste Mittelalter.“

Obwohl Nasrin nicht die Einzige ist, die das Bild des mittelalterlichen Islams anstrengt, wird es dadurch nicht wahrer. Tatsächlich war der Islam im Mittelalter deutlich weniger … mittelalterlich als beispielsweise das Christentum. Wissenschaft, Rationalität, Säkularität waren Importe des Islams nach Europa. Was wir heute kritisieren, nämlich Fundamentalismus, ist historisch gesehen ein neues Phänomen, das sich auf die Moderne bezieht und diese kritisiert, wobei es sich moderner Kommunikationsmittel und Strategien bedient, wie in seinen Maßnahmen gegen Taslima Nasrin. Ist sie nämlich für den Westen der lebende Beweis, dass der Islam gefährlich und rückständig ist – weshalb die Fatwa gegen sie, die am häufigsten in den Medien zitiert wurde, der Aufruf ist, Nasrins Gesicht zu schwärzen und ihr eine Kette mit Schuhen um den Hals zu hängen –, so sind auch die Fundamentalisten nicht die gekränkten Geiferer, als die sie sich gerne darstellen.

Begonnen hatte alles 1993, als Nasrin ein bedeutender Literaturpreis in Kalkutta verliehen wurde. Die Regierung von Bangladesch sah weder diese Intimität mit Indien gern noch war sie begeistert von Nasrins Roman „Schande“. Darin schildert die Autorin die Probleme einer Hindu-Familie in Bangladesch, nachdem Hindu-Fundamentalisten in Indien die historische Babri-Moschee zerstört hatten. Dann kam ein Interview, in dem sie sich vermeintlich gegen den Koran äußerte. Doch wäre auch das kein Problem gewesen, wenn nicht Tausende von Menschen spontan auf die Straßen gegangen wären und ihren Kopf gefordert hätten. Erst später kam heraus, dass diese „spontanen Demonstrationen“ von der Jamaat-i-Islami-Partei organisiert und von deren Kadern durchgeführt worden waren. Die Jamaat nutzte den Fall Nasrin, um ihren Gesetzesentwurf gegen Blasphemie in die öffentliche Diskussion zu bringen. Mehr aber noch nutzten sie den Prozess, bei dem Nasrin nach Artikel 295A des Strafgesetzes wegen Beleidigung religiöser Gefühle angeklagt wurde, um die Aufmerksamkeit von einem ganz anderen Prozess abzulenken: Dem Prozess gegen den Führer der Jamaat-i-Islami, Golam Azam, der 1971 mit der pakistanischen Militärjunta kollaboriert und paramilitäre Einheiten in Bangladesch geleitet hatte. Nach der Unabhängigkeit wurde ihm die bengalische Staatsbürgerschaft aberkannt, weswegen Azam 1978 mit einem pakistanischen Pass nach Bangladesch zurückkehrte, wo er umgehend mit der Neuorganisation der Jamaat begann. Als er 1991 offiziell zum Führer der Partei gewählt wurde, gingen die bengalischen Intellektuellen auf die Barrikaden und forderten, dass ihm wegen seiner Kriegsverbrechen der Prozess gemacht würde. Die beiden Verfahren liefen zeitgleich und wurden auf den Straßen und in den Medien ausgefochten. Das Ergebnis: Golam Azam erhielt die bengalische Staatsbürgerschaft zurück, während Taslima Nasrin vor inzwischen 15 Jahren Bangladesch verlassen musste.

Nach Taslima Nasrin gefragt, erklären die meisten bengalischen Intellektuellen, dass sie eine schlechte Autorin ist und bewusst Konflikte sucht, um Aufmerksamkeit für ihre zweitklassigen Bücher zu erhalten. Wenn man bedenkt, dass sie im indischen Exil hauptsächlich Enthüllungsliteratur über die sexuellen Affären von Schriftstellerkollegen geschrieben hat, kann das durchaus sein. Doch ist das noch kein Grund, sie umbringen zu wollen. Nasrins Verbrechen besteht darin, dass sie sich einfach zu gut als Symbol eignet. Sie ist die Währung in einem System, für das inzwischen ein eigener Name geprägt wurde: Politik der Emotionen.

Spätestens als sich ihre Geschichte in Indien wiederholte, war das offensichtlich. Diesmal ging es nicht um Kriegsverbrecher, sondern um eine Spezialhandelszone, die die indische Regierung in Nandigram errichten wollte und auf den verzweifelten Widerstand der hauptsächlich muslimischen Bevölkerung stieß, die von dort vertrieben werden sollte und nichts zu verlieren hatte. In dem Konflikt muslimische Einwohner vs. hinduistische Regierung hätte es keinen perfekteren Sündenbock geben können als Taslima Nasrin. 2007 wurde sie aus Indien ausgewiesen. Der Kongresspolitiker Digvijay Singh erklärte öffentlich: „Die Regierung von West-Bengalen hat diese Entscheidung gefällt, um von der Situation in Nandigram abzulenken.“ Damit musste Nasrin nun auch den indischen Teil Bengalens verlassen.

Im Gegensatz zu Salman Rushdie, dessen weibliche Variante sie eben nicht ist, kann sie im Exil nicht existieren, weil sie keine Weltbürgerin ist. Nasrins politische Botschaft beginnt und endet in Bengalen, wohin sie so schnell wie möglich zurückkehren möchte.

Mithu M. Sanyal