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Frühjahr 1/2019

Ethel Mary Smyth

Die Komponistin des ‚The March of the Women‘

1903 gründeten Emmeline Pankhurst und ihre Töchter Sylvia und Christabel sowie weitere Frauen die Women’s Social and Political Union (WSPU). Das Ziel der Suffragetten: die Durchsetzung des Frauenwahlrechts in England, auch mit militanten Aktionen. Sie ketteten sich an Zäune und Tore, zogen demonstrierend durch die Straßen, gingen für ihre Überzeugung ins Gefängnis und traten in Hungerstreik. 1918 war ein erstes Teilziel erreicht: Frauen konnten – mit Einschränkungen – wählen. Erst 1928 wurden sie mit dem ‚Equal Franchise Act‘ gleichgestellt.

1910 traf die englische Komponistin Ethel Smyth auf Emmeline Pankhurst und beschloss, sich zwei Jahre in der WSPU zu engagieren. Dies brachte ihr zwei Verhaftungen ein. Einer ihrer wichtigsten Beiträge wurde die Hymne ‚March of the Women‘ nach einer italienischen Melodie, der Text stammte von Cicely Hamilton.

Ethel Smyth wurde schon früh mit den patriarchalen Einschränkungen für Frauen konfrontiert. Denn ihr innigster Wunsch, Musik zu studieren, wurde von ihrem Vater abgelehnt. Sie erzwang sich das Musikstudium in Leipzig durch einen Hungerstreik. Bereits mit 9 Jahren – geboren wurde sie am 23.04.1858 in Essex – brachte ihr eine Gouvernante aus Deutschland Klavierspielen bei, dem folgte Unterricht durch den Komponisten Ewing.

In Leipzig erlebte sie eine neue Welt, sie komponierte und entwickelte ihr Talent, lernte viele Musikerinnen und Musiker kennen (u. a. Clara Schumann, Johannes Brahms und Edvard Grieg), wurde von Tschaikowsky unterrichtet und von anderen Koryphäen der Zeit.

Auf dieser Grundlage schuf Ethel Smyth Orgel- und Klaviermusik, Kammermusik, Orchestermusik, Vokalmusik, Chormusik und Bühnenmusik und wurde zu einer gefeierten Berühmtheit, was nicht zuletzt auch mit ihrer Persönlichkeit zu tun hatte. Die energische, temperamentvolle Frau ließ sich nicht abwimmeln und dirigierte ihr eigenes Werk selbst, als zu einer Aufführung der Dirigent plötzlich verhindert war.

Schon früh verliebte sie sich in Frauen und erlebte mehrere Liebesbeziehungen. Mit über 70 Jahren traf sie Virginia Woolf und verliebte sich leidenschaftlich in die 47-Jährige, die ihre Gefühle nicht erwiderte. Aus dieser Zeit ist der Briefwechsel überliefert, denn die zu diesem Zeitpunkt fast taube Musikerin schrieb ihrer Angebeteten fast täglich. Wichtigster männlicher Begleiter in ihrem Leben war der Schriftsteller Henry B. Brewster, den sie auf einer Reise kennengelernt hatte. Denn die emanzipierte, sich der Diskriminierung von Frauen durchaus bewusste Ethel Smyth verreiste allein, trieb viel Sport und lebte unkonventionell.

Sie setzte sich für Musikerinnen ein, indem sie diese empfahl oder selbst engagierte, und widmete sich in Aufsätzen und Kritiken den Benachteiligungen von Frauen im Musikbetrieb. Schließlich schrieb sie mehrbändige Memoiren. 1922 wurde sie geadelt, Dame Commander of the Order of British Empire, und erhielt drei Ehrendoktorwürden.

Ethel Smyth hat „die englische Musik und vor allem das Musiktheater vor Benjamin Britten entscheidend beeinflußt“. Laut, schwungvoll, voller Leidenschaft und mit großem Talent. Sie starb am 8. Mai 1944 und hinterließ den Frauen dieser Welt eine wunderbare Hymne. Ihr Andenken wird durch die 2009 gegründete Ethel-Smyth-Gesellschaft gepflegt. In Detmold gibt es die Ethel-Smyth-Forschungsstelle am Musikwissenschaftlichen Seminar.

Ethel Mary Smyth

Marleen Hoffmann: „Wie ich Suffragette wurde.“ Künstlerisches und politisches Selbstverständnis der englischen Komponistin Ethel Smyth (1848–1944). In: GENDER Heft 1/2012, S. 90–107.

www.fembio.org

Sulamith Sparre: „Man sagt, ich sei ein Egoist. Ich bin eine Kämpferin“. Dame Ethel Mary Smyth (1858–1944). Komponistin, Dirigentin, Schriftstellerin, Suffragette. Verlag Edition AV 2010.

Antje Olivier/Sevgi Braun: Komponistinnen aus 800 Jahren. Sequentia 1996.

www.mugi.hfmt-hamburg.de

Multimedia-Präsentation
mugi.hfmt-hamburg.de/Smyth