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Frühjahr 1/2019

„… eine Sprache zu finden für Sexualität …“

Interview mit der Berliner Rapperin Sookee

Das folgende Gespräch ist ein Auszug aus einem Interview zum Thema Sprache, das Isolde Aigner im Juni 2013 mit der Rapperin Sookee führte. Sookee, 29, kommt aus Berlin, studierte Germanistische Linguistik und Gender Studies. Sie gilt als eine der bekanntesten und außergewöhnlichsten deutschsprachigen Rapperinnen, da sie Rap auf einzigartige Weise mit queer-feministischen Perspektiven zusammenführt. Mit ihrem Song „bitches, butches, dykes and divas“ lieferte sie den Soundtrack zum Slutwalk Berlin im Kampf um sexuelle Selbstbestimmung und gegen sexuelle Gewalt. In „Pro Homo“ wendet sie sich gegen Homophobie in Hip Hop und Gesellschaft. Der zweite Teil des Interviews folgt in Heft 4 der Wir Frauen.

sookeeAlso die Grenze liegt ganz klar bei der Offenheit anzuerkennen, dass Sprache Welt mitkonstruiert. Wenn Leute sich dagegen sperren, dann kommst du da schlecht durch. Ansonsten natürlich in Bezug auf Berufe, z. B. ganz gut zu erklären, warum es eben Kindergärtnerin, Krankenschwester, Kassiererin heißt, aber Arzt, Professor, Anwalt und Feuerwehrmann bei Berufen. Das sind ganz gute Beispiele, um Jugendliche darauf hinzuweisen, dass Sprache Geschlechtscharaktere in den unterschiedlichen Feldern ziemlich deutlich markiert.

Und dann geht es z. B. in Bezug auf sexuelle Bereiche auch relativ deutlich ab: Z. B. welche Begriffe haben wir für weibliche primäre Geschlechtsorgane, welche haben wir für männliche und wie leicht fällt es uns, männliche auszusprechen und wie werden weibliche als Schimpfwort oder als diffamierende Begriffe eingesetzt. Schwanz, Penis, Pimmel, Puller zu sagen ist kein Problem, aber Muschi, Pussy, Vagina, Vulva zu sagen, fällt voll vielen Leuten schwer. Du musst einfach nur mal eine Frau fragen: „Wie bezeichnest du deine Muschi“, wie sprichst du darüber? Und erfahrungsgemäß haben Männer nicht so das Problem, ihren Penis zu bezeichnen. Selbst Frauen, die relativ openminded sind und sich vielleicht auch mit feministischen Themen befassen, gestandene Feministinnen haben manchmal Probleme damit. Das sind Bereiche, wo Tabuisierung auftritt, wo wir gelernt haben, das nur negativ zu verwenden, und es keine oder wenig liebevolle oder auch nur neutrale Begriffe gibt, die auch nicht so ultramedizinisch klingen. Und wenn man sich da reintraut, dann ist das ganz schön und befreiend. Ich glaube, in dem Moment, wo ich keine Angst mehr hab, meine eigene körperliche Geschlechtlichkeit mit Namen auszustatten und die auch in sexualisierten Beziehungen bezeichnen zu können, überhaupt eine Sprache zu finden für Sexualität und für Dinge, auf die wir Lust haben, vollziehen wir einen wichtigen emanzipatorischen Schritt.

Es ist halt ultraschwer mit diesen ganzen Konsensprinzipien und Einvernehmlichkeiten, man muss über die Dinge reden, das steht auf Plakaten, aber das ist auch so abstrakt: Da stehen Formulierungen wie: „Magst du, wenn ich …“ oder „darf ich …“, aber die eigentlichen Begriffe, die sind dann immer weggelassen. Wenn es offen formuliert sein soll, wer jetzt was für sich entscheidet zu sagen, dann ist das natürlich nicht vorgekaut, aber ich glaube auch das ist, was damit zu tun hat, dass voll viele Leute Schwierigkeiten haben, die Dinge auszusprechen. Du kannst halt sagen, ich würde gerne was essen. Aber wenn du nicht sagen kannst, ich hab voll Bock auf ein Sellerieschnitzel, weil du nicht Sellerieschnitzel aussprechen kannst, dann kommst du nicht zu deinem Sellerieschnitzel, dann bekommst du eine Kartoffelsuppe, auf die du vielleicht gar keine Lust hast. Und wenn du sagst: „Ich habe Bock. Ich mag deine Hände, ich mag, wenn du meine Muschi anfasst“, dann ist es was anderes als wenn du sagst: Ich finde es schön, wenn du mich streichelst, dann bekommst du den Kopf gestreichelt und willst was ganz anderes. Sexualität ist ein krass wichtiger Bereich für das Leben an sich, aber auch für die eigene Geschlechtlichkeit darin und sich da drin zu befreien ist voll toll. Und ich glaube, dass das vielen Leuten fehlt und dass das viel mit Sprache zu tun hat. Wir leben in einer übersexualisierten Gesellschaft, das ist nichts Neues, das war schon ganz lange, eigentlich immer so. Nur findet es in den letzten Jahren noch mal einen besonderen Ausdruck, dadurch dass es medial so eine Präsenz gibt, aber nichtsdestotrotz sind wir ultra gehemmt und tabuisiert, wenn es darum geht, uns es tatsächlich schön zu machen. Das ist fast mein Lieblingsbeispiel, um zu zeigen, dass Sprache total realitätskonstruierend ist. Weil zwischen schlechtem Sex, okayem Sex und gutem Sex liegen drei konkret reelle Unterschiede.

Und das andere ist natürlich die Frage von Personenbezeichnungen und geschlechtergerechter Sprache, also diese ganzen jahrelangen angestoßenen Debatten von Leuten wie Luise Pusch usw. mit Binnen-I , Schrägstrich, Doppelnennungen, Unterstrich, Sternchen usw., zeigen ja auch ganz klar, dass wir plötzlich Personen und Identitäten wahrnehmen, die wir vorher gar nicht auf dem Zettel hatten – so was wie Transidentität an der Stelle über Unterstrich oder Sternchenschreibung mitzudenken – ändert unseren Blick auf die Welt. Und es gibt halt viele Leute, die mit so einem ökonomisierten Sprachbegriff da dran gehen und sagen: „Das ist voll schwer zu lesen, da muss man mehr schreiben und ich als Journalist hab ja nicht so viele Zeichen zur Verfügung, wenn ich jetzt noch Zeichen damit verschwende, weil ich irgendwelche anderen Nicht-Männer mitnenne, klaut mir das meinen Platz für den eigentlichen Inhalt und es ist ja eh klar, wer gemeint ist.“ Die Uni Leipzig hat ja jetzt den schönen Turn hingelegt und das generische Femininum, was ich sehr mag, tatsächlich verwendet. Ich hab nämlich das Problem bei der Verlautlichung von Unterstrichschreibung, dann heißt es dann Lehrer_innen. Was ist denn innen? Ich assoziiere das in eine innere und äußere Welt, eine Reproduktions- und Produktionssphäre zum Beispiel, das heißt, das Innen, die weibliche Bezeichnung, ist dann innen. Ich weiß nicht, ob ich da eine doofe Wahrnehmung davon hab‘, aber ich neige dazu, von Antifaschistinnen und Faschistinnen zu reden, auch wenn das erstmal so klingt, als ob nur Frauen gemeint seien, aber dadurch werden auch Frauen sichtbar.

Während der Diplomarbeit hatte ich auch noch meine Schwierigkeiten mit gendern: Ist es nicht nur kosmetisch?, dachte ich. Aber inzwischen sehe ich das auch anders, das war so ein Lernprozess.

Mir fallen auch viele Leute ein, die keine Ahnung von Theorie haben, die Dinge nicht argumentieren können, aber intuitiv viel richtig machen. Manche, die auch Sexismus reproduzieren, aber trotzdem profeministische Moves drauf haben in einer Konsequenz, die Leute teilweise nicht mitbringen, die diese ganzen kosmetischen Dinge, wie du sie nennst, sehr wohl bedienen.

Es gibt halt auch das andere, Leute, die perfekt gendern usw. und sich trotzdem patriarchalisch verhalten, z. B. in der Geschlechterforschung. Und das macht mich dann immer total wütend, weil ich dann auch immer denke: Wenn ihr euch schon mit den Theorien beschäftigt! Manchmal wäre es mit dann lieber, dass die Leute, bevor sie sich mit Theorien beschäftigen, sich fragen: Was hat das mit mir zu tun? Es gibt Menschen, die sich noch nie mit so einer Theorie beschäftigt haben und viel geschlechterkritischer denken, ohne jetzt zum Beispiel ein Binnen-I zu benutzen.

Ja, genau da fallen mir zwei Textstellen [aus Songs von Sookee. I. A.] ein:

„Ungefragt erklärt er dominantes Redeverhalten“. Und da gibt es „Wiederflieger“, da heißt es auch: „Wenn Typen Unterstrich schreiben, aber Schwänze vergleichen“.

Interview: Isolde Aigner