Eine Krankenhausplanung, die Ungleichheit zementiert
NRW als Blaupause einer Reform auf Kosten von FLINTA*
von Sabine Lassauer
(aus: WIR FRAUEN – Das feministische Blatt Ausgabe 1/2026)
Vier Wochen vor Weihnachten, am Abend des 24. November 2025, erhalten die 55 Beschäftigten des Luisenkrankenhauses in Düsseldorf eine Einladung zur Mitarbeitendenversammlung für den nächsten Tag. Das „Luisen“ ist ein kleines, bundesweit renommiertes Brustzentrum – Patient*innen und Personal sind fast ausschließlich Frauen.
Am nächsten Tag dann der Schock: In nur fünf Wochen, zum Jahresende, soll das Krankenhaus geschlossen werden. Alle Beschäftigten werden gekündigt. Behandlungstermine, die bis zuletzt vereinbart wurden, werden abgesagt. Patient*innen wissen nicht, wohin sie sich nun wenden sollen. Die Beschäftigten ebenso.
Ein spezialisiertes Haus fällt durchs Raster
Der Grund für die Schließung liegt in der neuen Krankenhausplanung in Nordrhein-Westfalen. Mit ihr organisiert die Landesregierung das Krankenhauswesen neu. Das erklärte Ziel: mehr Qualität durch Zentralisierung, Spezialisierung und Ambulantisierung. Stationäre Versorgung soll reduziert und auf wenige große Häuser konzentriert werden, die bestimmte formale Kriterien erfüllen.
An diesen Kriterien scheitert das Luisenkrankenhaus. Obwohl es jährlich rund 700 Brustkrebspatient*innen versorgt – deutlich mehr als alle anderen Zentren in Düsseldorf – verliert es seinen Versorgungsauftrag. Einer der Gründe: eine fehlende eigene Intensivstation. In der Praxis war das nie ein Problem. Intensivfälle sind selten und konnten bislang problemlos in ein nur vier Kilometer entferntes Klinikum verlegt werden.
Doch entschieden wird nach Aktenlage. Die familiäre Atmosphäre, die liebevoll eingerichteten Zimmer, das eingespielte Team und die bundesweite Reputation des hochspezialisierten Hauses zählen nicht. Weil die Landesregierung erklärt, die Versorgung sei auch ohne das „Luisen“ gesichert, erfolgt die Schließung ersatzlos. Wie Patient*innen künftig aufgefangen werden sollen, bleibt offen.
Eine Patientin sagt zu den Mitarbeiterinnen:
„Ich vertraue euch. Egal, wo ihr künftig pflegt – dort lasse ich mich behandeln.“
Reform oder Sparprogramm?
Eine Reform des Krankenhauswesens ist dringend notwendig – darin sind sich viele einig. Auch Zentralisierung, Spezialisierung und Ambulantisierung können sinnvoll sein. Doch die Realität dieser Reform zeigt: Sie ist ein massives Sparprogramm.
Krankenhausbetten sind teuer. Bis 2032 sollen in NRW rund 18.400 Betten abgebaut werden – fast ein Fünftel der heutigen Kapazitäten. Gekürzt wird sogar in Bereichen, in denen Wohnortnähe und Zeit entscheidend für den Behandlungserfolg sind. Strukturen verschwinden, bevor tragfähige Alternativen aufgebaut sind. Regionale Besonderheiten bleiben unberücksichtigt. So entstehen Versorgungslücken – besonders im ländlichen Raum, aber auch in Städten.
Und sie treffen vor allem medizinische Bereiche, in denen Frauen, Queers und Kinder den Großteil der Patient*innen stellen.
Wenn Frauengesundheit zur Randnotiz wird
Selbst in Ballungsgebieten zeigen sich die Folgen. Rund um Düsseldorf etwa wurden Behandlungen bei Brust- und Eierstockkrebs, Frauenheilkunde sowie die Versorgung von Gebärenden und Neugeborenen deutlich reduziert. Gleichzeitig werden auch Neurologie, Schlaganfallversorgung und Altersmedizin gekürzt – obwohl die Bevölkerung überdurchschnittlich alt ist. Da Frauen im Schnitt länger leben, sind sie davon besonders betroffen. Wenn sich Wege zum Krankenhaus verlängern, wird Versorgung zur logistischen Herausforderung. Für Patient*innen ohne Auto, für Angehörige oder Begleitpersonen. Diese private Sorgearbeit leisten überwiegend Frauen – unbezahlt und oft unsichtbar.
Die unsichtbaren Folgen für Beschäftigte
Auch die Beschäftigten tragen die Last dieser Reform. Rund 75 Prozent des Klinikpersonals sind Frauen. Viele arbeiten in Teilzeit – häufig wegen Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen. Längere Fahrzeiten, der Verlust passender Schichtmodelle oder schlechtere Tarifbedingungen sind für viele schlicht unvereinbar mit ihrem Leben.
FLINTA* sind im Gesundheitswesen ohnehin strukturell benachteiligt. Pflege- und Care-Arbeit sind chronisch unterbewertet und nur durch hohen persönlichen Einsatz zu leisten. Diese bestehenden Ungleichheiten werden durch die Krankenhausreform weiter verschärft. Das ist die Konsequenz einer Marktlogik, die über Gesundheitsversorgung entscheidet.
Frauenspezifische Medizin, Pflege oder Geburtshilfe gelten als „unwirtschaftlich“ – und werden zurückgefahren oder ganz abgebaut. Reformen, die unter diesen Vorzeichen umgesetzt werden, reproduzieren Ungleichheit statt sie abzubauen.
NRW als Warnsignal
Besonders brisant ist: Die Krankenhausplanung in NRW gilt als Blaupause für die bundesweite Krankenhausreform, die 2026 verabschiedet werden soll. Was hier passiert, droht bundesweit Realität zu werden.
Am Beispiel des Luisenkrankenhauses wird sichtbar, was das konkret bedeutet: alleingelassene Patientinnen, resignierte Beschäftigte, verlorene Sicherheit. Eine Gesundheitsversorgung, die Menschen krank macht, statt sie zu schützen.
Warum wir jetzt laut werden müssen
Dass sich am 8. und 9. März bundesweit viele Menschen an feministischen Aktionen und Protesten beteiligen, hat auch mit genau solchen politischen Entscheidungen zu tun. Die Entwicklungen in der Krankenhauspolitik zeigen, warum FLINTA* ihre Stimme erheben und Veränderung einfordern. Denn verändern lassen sie sich nur, wenn wir uns zusammenschließen – im Betrieb, in Gewerkschaften, auf der Straße.
Für eine Gesundheitsversorgung, die sich an Bedürfnissen orientiert, nicht an Profiten.
Für eine Krankenhausplanung, die bedarfsgerecht ist und alle einbezieht: Beschäftigte, Angehörige und Patient*innen.
Schluss mit der Profitorientierung im Gesundheitswesen!

ZUR AUTORIN:
Sabine Lassauer ist Gewerkschaftssekretärin bei ver.di NRW und begleitet die neue Krankenhausplanung in Nordrhein-Westfalen kritisch. Sie arbeitet an der Schnittstelle von Gewerkschafts- und Gesellschaftspolitik und analysiert den Prozess mit Blick auf seine sozialen Folgen.












