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Winter 4/2022

„Eine der Wagemutigen und Wegbereiterinnen“

Anmerkungen zu Clara Zetkins’ Rezeption am Rande ihres 165. Geburtstags

von Florence Hervé

(aus WIR FRAUEN Heft 2/2022: Kritik)

Lobhudelei war Clara Zetkin verhasst, wie sie 1927 dem kommunistischen Politiker und Freund Wilhelm Pieck schrieb. An ihrem 70. Geburtstag solle „insbesondere auf offiziellen Klimbim verzichtet“ werden. Sie ekle sich „bis zum Erbrechen vor der konventionellen Heuchelei derer, mit denen ich in Kampfgemeinschaft verbunden bin.“ Starke Worte, die nicht verhinderten, dass Zetkin in Deutschland als Heilige oder Teufelin geehrt oder gehasst wurde.

Ich lasse es also mit einer Würdigung zum 165sten und frage nach der heutigen Rezeption. Hat sich nach Jahrzehnten Ignorierung, Vernachlässigung oder Verleumdung etwas in der Bundesrepublik geändert? Ein Vergleich der Rezeption in Deutschland und Frankreich, zwei Länder mit unterschiedlichen politischen Kulturen, gibt Auskunft.

Clara Zetkin, geb. Eißner, 1923.
* 5.07.1857 in Wiederau (Sachsen), † 20.06.1933 Archangelskoje (bei Moskau).

Clara Zetkin war Ende des 19. Jahrhunderts bis zu Beginn des 2. Weltkriegs eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Arbeiter*innenbewegung, in Deutschland wie in Frankreich. Ihre bahnbrechenden Thesen zu Frauenarbeit oder zum Frieden wurden gelesen und diskutiert.
Ihre Reden auf dem Internationalen Arbeiterkongress zu Paris 1889 und auf dem Gründungskongress der Kommunistischen Partei in Tours 1920, zu dem sie inkognito reiste, wurden geradezu bejubelt.

Zetkin war selbst eine Kennerin der französischen Arbeiter*innenbewegung, hatte während ihrer Pariser Emigration (1882-1891) u.a. über die sozialistischen Feministinnen Louise Michel und Flora Tristan Artikel geschrieben. Und der Dichter Louis Aragon widmete ihr den Roman „Die Glocken von Basel“ (1934) – eine Anspielung auf Zetkins leidenschaftliche Antikriegsrede auf dem Internationalen Sozialistenkongress in Basel 1912. Nach Krieg und Befreiung 1945 geriet sie z.T. in Vergessenheit.

Clara Zetkin schien jedoch in Frankreich weniger „vergessen“ als in Deutschland zu sein, mit Ausnahme in der DDR, die bereits in den 50er Jahren eine Auswahl von Zetkins Reden und Schriften veröffentlichte und eine Zetkin-Forschung betrieb. Der grundlegende feministische Text „Der Student und das Weib“ wurde aber erst 1995 hierzulande veröffentlicht, während er in Frankreich bereits 1980 übersetzt erschien. Die feministische Zeitschrift Femmes solidaires wurde dort 1990 in Clara umbenannt.

Und die erste Zetkin-Biografie nach der Öffnung der Archive im Osten – die Zetkins Feminismus und antistalinistische Haltung zeigte – stammte nicht von einer deutschen Historikerin, sondern von einem französischen Germanisten.1 Am Rande sei angemerkt, dass diese Biografie ein positives Echo in Frankreich fand, während sie in den meisten bundesrepublikanischen Medien weitgehend ignoriert wurde.

Es hieß hierzulande: „Wer interessiert sich noch heute für Clara Zetkin?“ (Der Freitag, 1994) – „Eine eher museale Figur, die anno 1994 kaum noch jemanden interessiert“ (Die Zeit). Sie sei zudem eine „dezidiert antifeministische Sozialistin“ (Alice Schwarzer).

Als Anhängerin einer ≫kommunistischen Parteidiktatur≪ wurde die kommunistische Abgeordnete und Alterspräsidentin des letzten Reichstages vor Hitlers Machtergreifung 1994 als unwürdig befunden, den Namen einer Straße im Parlaments- und Regierungsviertel in Berlin zu geben. Der Senat ersetzte den Namen Clara Zetkin durch den der Kurfürstin Dorothea.

Während des Kalten Krieges wurde sie in der BRD ignoriert und im Deutschland der 90er Jahre tat man sich schwer, ein entkrampftes Verhältnis zu Zetkin zu finden, weil sie auch Kommunistin war. Clara Zetkin blieb dementsprechend ein Stiefkind der deutschen historischen Frauenforschung.

Eine Wende?

Im 21. Jahrhundert scheint sich etwas zu ändern. Vielleicht gaben die Herausgabe von ausgewählten Texten und die Veröffentlichung der „Kriegsbriefe“ einen Anstoß?2 In diesen Dokumenten nehmen nicht nur frauenpolitische Themen einen beachtlichen Platz ein: Die Frauenfrage wird mit der Friedensfrage verknüpft, und die tiefe Freundschaft zwischen Rosa Luxemburg und Clara Zetkin kommt zum Ausdruck – eine Mischung von Aufmerksamkeit, Fürsorge und gegenseitigem Mutmachen.

Clara Zetkin und Rosa Luxemburg (Mannheim, 1910)

Zunehmend junge Frauen begehen den von Zetkin initiierten internationalen Frauentag, allen Unkenrufen von Alice Schwarzer zum Trotz.

Und im letzten Jahr erschienen gleich zwei neue Zetkin-Biografien. Eine junge Autorin entdeckte die Aktualität der „roten Emanze“ und zeigte sich von Zetkins feministischer Vision beeindruckt, die Emanzipation für die ganze Gesellschaft zum Ziel hat.3 Ein Krimiautor schrieb einen Roman über Zetkin und ihre Söhne, übernahm dabei die strittige Behauptung, Zetkin sei eine bürgerliche Frau gewesen – das zentrale Zetkin-Friedensthema wurde nur am Rande erwähnt.4

Ein Zetkin-Krimi wäre vielleicht spannender gewesen? Ihre bewegte Lebensgeschichte, ihre klandestinen politischen Reisen, die Vergiftung ihrer Hunde, der Versuch, einen Anschlag auf sie zu verüben, und die Drohungen, sie zu verprügeln, sowie die Ermordung ihrer besten Freundin hatten guten Stoff dazu geliefert!

Schließlich wählte die Spiegel-Edition über 75 große Deutsche im Februar 2022 Clara Zetkin als „eine der Wagemutigen und Wegbereiterinnen“ aus, als eine derer, die die Geschichte des Landes prägten oder bis heute inspirieren.

Solche Töne sind neu in Deutschland. Erleben wir eine Wende, einen Durchbruch in der Zetkin-Rezeption?

Es sind erfreuliche Ansätze. Doch bleibt die Zetkin-Wahrnehmung eher widersprüchlich und zaghaft. Die meisten großen und Mainstream-Zeitungen in Deutschland schwiegen die neuen Zetkin-Bücher tot.

Zur selben Zeit erfreute sich die Herausgabe von Zetkin-Texten eines außerordentlichen Echos in Frankreich.5 In den mehr als dreißig Rezensionen zum Buch – von Le Monde bis Télérama – wurden die Modernität von Clara Zetkin und ihr intersektionales Denken hervorgehoben, ihr Kampf um die Anerkennung der Frauenarbeit und parallel dazu gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, um die partnerschaftliche Aufteilung von Haushalt und Kindererziehung, ihr Engagement um Frieden.


Fußnoten

1 Gilbert Badia: Clara Zetkin, féministe sans frontières, Paris 1993; deutsch: Clara Zetkin: Eine neue Biographie, Berlin 1994.
2 Florence Hervé (Hrsg.): Clara Zetkin oder: Dort kämpfen, wo das Leben ist, Karl Dietz Verlag Berlin, 4. aktualisierte und erweiterte Auflage 2020, 176 Seiten.
Clara Zetkin: Die Kriegsbriefe (1914-1918), Hrsg. von Marga Voigt, Karl Dietz Verlag Berlin 2016, Band 1.
3 Lou Zucker: Clara Zetkin: Eine rote Feministin, Verlag das Neue Berlin, Eulenspiegel Verlagsgruppe Berlin 2021.
4 Felix Huby & Hartwin Gromes: Clara Zetkin und ihre Söhne, Roman, Verlag Akademie der Abenteuer, Berlin 2021.
5 Clara Zetkin: Je veux me battre partout où il y a de la vie, ouvrage coordonné et introduit par Florence Hervé, éditions Hors d’atteinte, Marseille 2021.