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Frühjahr 1/2020

Ein veränderter Sprachgebrauch allein ändert nichts an der kritisierten Realität

Die Sprach- und Kulturwissenschaftlerin Margarete Jäger Jäger fordert auch ein Nachdenken über die Inhalte, die über die Sprache vermittelt werden

 

K. V.: Die Universitäten Leipzig und Potsdam haben in der jüngsten Zeit für viel Aufsehen gesorgt. An der Universität Potsdam hat der Senat eine neue Geschäftsverordnung beschlossen, in der durchgängig die weibliche Form verwendet wird. Der Redakteur des Cicero Alexander Kissler sprach von einer „Vergewaltigung der Sprache“, wenn wir nun die Anrede „Herr Professorin“ verwenden würden. Was hältst du von dieser Entscheidung?

Margarete Jäger: Ich finde diesen Beschluss des Senats der Universität Potsdam im Prinzip gut, weil er im Grunde genommen das in der Sprache geprägte Geschlechterverhältnis umkehrt. Nun sind die Männer sprachlich nicht sichtbar. Es ist interessant, dass gerade Männer dies kritisieren und sagen, die Sprache würde vergewaltigt. Der Senatsbeschluss sticht insofern in eine Wunde hinein, weil nicht entschieden wurde, beide Geschlechter zu berücksichtigen und zum Beispiel das Große „I“ einzuführen. Sondern sie kehren das Geschlechterverhältnis in der Sprache zu Gunsten von Frauen um. Das ist tatsächlich eine Provokation. Ich hoffe, dieser Beschluss bringt die Leute zum Nachdenken darüber, was mit Sprache ausgedrückt wird. Luise Pusch hat übrigens bereits in den 1980er Jahren gefordert, dass nach 2000 Jahren es nun an der Zeit sei, nur noch die weibliche Sprachform zu verwenden und nicht mehr die männliche. Dieser Idee ist der Potsdamer Beschluss offensichtlich gefolgt.

Im Zuge der Frauenbewegung der 1970er Jahre haben feministische Linguistinnen wie Luise Pusch oder Senta Trömel-Plötz die Sprache zum Gegenstand ihrer Kritik gemacht. Kannst du kurz sagen, was im Fokus der Kritik stand und immer noch steht?

Die feministischen Linguistinnen waren frauenbewegte Sprachwissenschaftler_innen, die den Anstoß für eine feministische Sprachkritik Anfang der 1970er Jahre gaben. Sie haben sich aus ihrem Fachgebiet der Linguistik mit der Frage beschäftigt, wie Frauen in der Sprache repräsentiert werden und sichtbar sind. Zu nennen sind zwei Schwerpunkte ihrer Untersuchungen.

Einmal sind sie der Frage nachgegangen, wie Frauen in der Sprache vorkommen. Sie stellten fest, dass das männliche Geschlecht immer als Norm und für die Frauen mit galt. So wird das grammatische Geschlecht von Personenbezeichnungen am männlichen Geschlecht festgemacht und Frauen werden nicht explizit angesprochen. Die feministischen Linguistinnen haben sich also die Sprachnorm angeschaut und festgestellt, dass diese patriarchalisch durchsetzt ist. Mit dieser patriarchalen Sprachnorm werden Männer als das Normale betrachtet und Frauen als das Abweichende. Der zweite Forschungsschwerpunkt war das Gesprächs- und Kommunikationsverhalten von Männern und Frauen. Ein Ergebnis dieser Untersuchungen war, dass es im Gesprächsverhalten entscheidende Unterschiede zwischen Frauen und Männern gibt. Frauen neigen eher zu kooperativem Gesprächsverhalten als Männer, die tendenziell konfliktorientiert kommunizieren.

Stimmst du dieser Kritik zu?

Ich meine, dass die feministische Linguistik viel Positives erreicht und angestoßen hat: Nämlich darüber nachzudenken, wie Frauen sprachlich wahrgenommen werden, wie sie im Diskurs wahrgenommen werden. Zu den heutigen Forschungen kann ich nicht so viel sagen, weil ich mich damit im Augenblick nicht beschäftige. Kritisch sehe ich die starke Konzentration auf Sprache, die ich als eine Sackgasse betrachte. Durch die Fokussierung auf das Sprachsystem wird aus meiner Sicht vernachlässigt, dass es nicht nur um Sprache geht, sondern auch um die Substanz, um die Aussagen, die mit Sprache getroffen werden. Also um das, was mit Sprache und Begriffen ausgedrückt wird. Und da können sich Begriffe ändern, ohne dass sich an den Aussagen etwas ändert. Ich möchte ein Beispiel aus dem Einwanderungsdiskurs nennen. Mitte der 1980er Jahre ist in Untersuchungen herausgearbeitet worden, dass der Begriff „Asylant/in“ negativ geprägt ist und dass damit die Gruppe der Flüchtlinge aufgespalten wird, in dem die Asylant_innen von den politisch Verfolgten abgegrenzt werden. Einige Wissenschaftler_innen, darunter auch unser Institut, haben versucht, diesen Begriff im Diskurs zu ächten. Das ist im Resultat auch gelungen. Allerdings hat sich ein neuer Begriff etabliert: der „Asylbewerber/in“. Die Funktion der Aufspaltung blieb jedoch erhalten – insofern hat sich an der Aussage nichts geändert. Heute ist der Begriff „Asylbewerber/in“ genauso negativ aufgeladen wie der Begriff „Asylant/in“. Es geht also nicht einfach um die Einführung neuer Begriffe, sondern um ein tatsächlich anderes Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Sprache oder auch andere Begriffe können zu dieser Veränderung nur zu einem Teil beitragen.

Die Sprache wird von feministischen Linguistinnen als Ausdruck patriarchaler Gewalt bezeichnet. Was ist deine Meinung zu dieser These?

Margarete Jäger: Wenn die patriarchale Gewalt, die ich in der Tat feststelle, allein an der Sprache festgemacht wird, habe ich damit ein Problem. Die linguistischen Feministinnen reflektieren auch das Verhältnis von Sprache und Realität und verweisen auf die Bedeutung von Veränderungen dieser Realitäten. Doch aus meiner Sicht verdrehen sie dieses Verhältnis, wenn sie glauben, dass durch einen anderen Sprachgebrauch eine Veränderung der kritisierten Realität stattfindet.

Worauf sollten wir noch achten, wenn nicht nur auf die sprachliche Form?

Wir müssen den Diskurs verändern. Und dabei müssen wir berücksichtigen, dass die sprechenden und handelnden Subjekte – Frauen wie Männer – in diese Diskurse eingebunden sind, die es zu verändern gilt. Diskurse betrachte ich dabei als Redeweisen, die institutionalisiert und an Handlungen gekoppelt sind. Insofern sind Diskurse machtvoll. Wenn ich Sprache als Teil von Diskursen betrachte, dann berücksichtige ich immer auch den Inhalt der Äußerungen. Denn wichtig ist, Inhalte und Form im Blick zu haben. Wenn Form und Inhalt als Diskurs betrachtet werden, ist diese Perspektive weitgehender. Denn wie gesagt: Sprachliche Wendungen können sich durchaus verändern, ohne dass sich das, was damit an Bedeutung vermittelt wird, verändert.

In den 1960er Jahren hat der britische Soziologe Brasil Bernstein Untersuchungen zur Verwendung von Sprache gemacht und kam zu dem Schluss, dass die Sprache der unteren Klasse gegenüber der Sprache der oberen Klassen unterlegen ist. Kannst du diesen Schlussfolgerungen zustimmen?

Es ist interessant, dass du auf Bernstein zu sprechen kommst. Siegfried Jäger hat zum schichtspezifischen Sprachgebrauch in den 1970er Jahren Untersuchungen gemacht, an denen ich mitgearbeitet habe. In einer Untersuchung wurde der Frage nachgegangen, ob Kinder aus dem unteren Milieu einen eingeschränkteren Sprachgebrauch haben als Kinder aus der Mittelschicht und was dies für ihre Fähigkeit, Inhalte zu reflektieren, bedeutet. Dies ist ein schönes Beispiel für die Wichtigkeit des Zusammendenkens von Form und Inhalt von Äußerungen. Klar, diejenigen, die sich besser ausdrücken können, kommen auf der gesellschaftlichen Stufenleiter höher. Das hat aber nur bedingt etwas damit zu tun, was die Menschen im Kopf haben. Sicherlich bedeutet die Möglichkeit, sich vielfältig auszudrücken, auch, mehr Wissen zu vermitteln …

… und damit geht ja auch eine gesellschaftliche Anerkennung einher …

… ja genau, eine andere Anerkennung, wohingegen andere sprachliche Formen oder ein eingeschränkter Sprachgebrauch eher eine Ächtung erfahren. Aber auch hier liegt der Blick sehr stark auf den sprachlichen Formen, die verwendet werden. Wenn es aber um die Aufdeckung von sozialen Missständen und gesellschaftliche Veränderung geht, dann halte ich es für erforderlich, darüber hinauszugehen und nicht allein die Form, sondern auch die ausgedrückten Inhalte zum Thema zu machen. Dies ist in der Frauenbewegung ja auch geschehen, keine Frage. Es geht darum, nicht nur eine geschlechtergerechte Sprache zu fordern, sondern zu schauen, wie Positionen und Stellen in der Gesellschaft verteilt sind. Wer sitzt in den Aufsichtsräten? Wie viele Professorinnen gibt es?

Und deshalb ist es wichtig, sich die Diskurse anzuschauen, in denen die Menschen miteinander sprechen?

Margarete Jäger: Ja, über die Analyse von Diskursen kann ich feststellen, welche Aussagen in den einzelnen Äußerungen, die durch Sprache getätigt werden, enthalten sind. Eine solche Analyse kann zum Beispiel den patriarchalen Blick, die patriarchale Perspektive herausarbeiten, die trotz geschlechtsneutraler Ansprachen im Diskurs wirkt. Meiner Ansicht nach sind die Äußerungen im Geschlechterdiskurs mit enormen Machtwirkungen verbunden, die Frauen und Männer „zurichten“. Diese Macht hat Einfluss darauf, was Frauen und Männer wollen.

Wie können wir uns diese Machtwirkungen im Alltag vorstellen?

Der Modediskurs ist hier ein gutes Beispiel. In diesem Diskurs werden Frauen – und zunehmend auch Männer, nur nicht in demselben Maße – ständig angerufen, in bestimmter Weise an ihrem Körper zu arbeiten. Sie sind gehalten, einem bestimmten Schönheitsideal nachzulaufen: sportlich, schlank und wohl proportioniert. Dabei scheitern sie eigentlich täglich daran, weil dieses Ideal faktisch nicht zu erreichen ist. Mit Michel Foucault gesprochen, ist dies Teil einer Selbstführung. Foucault nennt dies Gouvernementalität und meint damit das System von Verhaltensweisen, mit denen sich die Subjekte in einer Gesellschaft führen und geführt werden. Dabei wird in unserer Gesellschaft die Regierung zunehmend in das Subjekt hineinverlagert. Sprich: Wir steuern uns selbst, indem wir darauf achten, uns normal und regelgerecht zu verhalten. In Bezug auf den Diskurs über Frauen kann festgestellt werden, dass die Erwartungen, die an Frauen gerichtet werden und die sie selbst an sich richten, mit ungeheuren Machtwirkungen verbunden sind, die in bestimmte Praktiken münden. Das hört sich jetzt vielleicht alles etwas abstrakt an, aber ich glaube, jede und jeder kennt diese Prozesse nur zu gut, wenn sie (oder er) sich die Frage danach stellt, ob das eigene Verhalten noch normal ist und mit welchen Sanktionen zu rechnen ist, wenn dies nicht der Fall sein sollte.

Mit Blick auf die Diskurse können wir zudem feststellen, wer spricht oder eben nicht und was dadurch überhaupt erst zur Sprache kommt.

Ja genau, wir müssen die Grenzen des Sagbaren ausleuchten. Dies ist sehr wichtig. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass, wenn wir Sprache im Diskurszusammenhang verstehen, es uns leichter fällt, Differenzen zwischen Personen und Personengruppen zu erkennen. In der Wissenschaft wird von Intersektionalität gesprochen. Ich finde diese Perspektive sehr wichtig. Gemeint ist einfach ein Blick auf unterschiedliche Diskurse und auf ihre Verschränkungen und Überkreuzungen. Frauen und Männer stellen keineswegs jeweils homogene Gruppen dar. Die Unterschiede artikulieren sich in den Diskursen. Es gibt Differenzierungen und unterschiedliche Positionierungen. Wenn wir über die Gleichberechtigung von Frauen sprechen, dann müssen wir diese Unterschiede berücksichtigen.

Betrachtest du es als Erfolg feministischer Kämpfe, dass der DUDEN in seiner aktuellen Auflage „Gender Mainstreaming“ als Begriff aufgenommen hat und aus „Bürger“ eine „Bürgerin“ gemacht hat?

Sicherlich ist das ein Erfolg. Und dies müssen wir auch als solchen feiern, weil viele Frauen für eine solche Veränderung gekämpft haben. Erfolgreich ist zudem, dass verschiedene Berufsbezeichnungen verändert worden sind. Ich habe vor vielen Jahren noch „Bankkaufmann“ gelernt. Heute werden Frauen, die eine Banklehre gemacht haben, als „Bankkauffrau“ bezeichnet. Aber wir müssen auch vorsichtig sein, wenn nun Politiker von „Bürgerin und Bürger“ sprechen. Das ist dann kein Grund zum Feiern, wenn die Rede von der „Bürgerin“ zur Floskel verkommt.

Eine Floskel, weil Frauen nicht mehr explizit ausgegrenzt werden, sondern ihre „Weiblichkeit“ als besonders effektiv hervorgehoben wird?

Ja, wie dies bei den Quoten-Diskussionen spürbar war. Hier war ja die Begründung, dass Frauen moderater, kooperativer oder emotionaler seien und deshalb für Führungspositionen in heutiger Zeit gut geeignet. Hier schleicht sich wieder eine sexistische Perspektive ein bzw. es zeigt sich, dass sie gar nicht verschwunden ist. Daran wird wiederum deutlich, wie schwierig es ist, sich aus diesem Denken zu befreien. Deshalb dürfen wir auch nicht bei der Veränderung der Sprachform stehen bleiben.

Aktuelle Kritik an Sprache in queer-feministischen Diskursen bezieht sich auf die zwanghafte Zuschreibung auf zwei Geschlechter. In diesen Diskursen wird die Verwendung des Binnen-I kritisiert, stattdessen wird gefordert, das * zu verwenden, um auch Transgender-Menschen sprachlich sichtbar zu machen. Fokussiert diese Kritik letztlich nicht auch auf die Form und weniger auf den Inhalt?

Wir müssen bei einer Bewertung solcher Diskussionen sehen, dass sie derzeit nicht im Mainstream-Diskurs geführt werden. Insofern ist die Gefahr, dass hier nur formelle Veränderungen erzielt werden, nicht sehr groß. Doch zeigen diese Diskussionen generell, dass Sprache immer auf die mit ihr transportierten Inhalte verweist. Es war sicherlich nicht allein das Binnen-I, das diese Diskussion um den Einbezug von Transgender-Personen hervorgerufen hat, doch hat es offenbar einen Mangel sichtbar gemacht, der nun abgestellt werden soll.

Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast.

Gerne!

Das Interview führte Katharina Volk.