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Frühjahr 1/2019

„Ein braves Mädchen zu sein, kann uns umbringen.“ Die Bloggerin Laurie Penny über Widerstand und Selbstbestimmung

Von Isolde Aigner

Köln: Die dunkle Kneipe ist überfüllt, stickig und heiß. Zahlreiche junge Menschen haben auf Bierbänken Platz genommen, viele müssen sich aufgrund von Platzmangel im Eingangsbereich rumdrücken, um ihr lauschen zu können: Laurie Penny. Die 1986 geborene Bloggerin aus Großbritannien wird ihr Buch „Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und die Revolution“ vorstellen. Es knüpft an Pennys Debüt „Fleischmarkt“ an – eine Streitschrift gegen ein System voll von sexistischen Normen und Schönheitsdiktaten, das uns Frauen in die Knie zwingen will. Ihr neues Buch richtet sich an die Störer_innen dieses Systems: An die „Unsäglichen, die Unnatürlichen, an die, die andere verschrecken“, die unaufgefordert den Mund aufmachen und nicht auf Knopfdruck lächeln. An die, „die schräg sind und immer zu viel wollen.“

Kontrolle als Leitthema

Leitthema ist eine patriarchalische gesellschaftliche Kontrolle von insbesondere Frauen und queeren Menschen, ihren Körpern und ihrem Verhalten. Frauenkörper waren und sind ein Politikum und einer ständigen Bewertung ausgesetzt, wie Penny in Köln am Beispiel von Klatschmedien wie „Promiflash“ deutlich macht, in denen Schwangerschaft und Gewicht von Promi-Frauen öffentlich „ausgeschlachtet“ werden. Schon in „Fleischmarkt“ hat sie die Bewertung des Frauenkörpers in Zusammenhang mit Kapitalismus thematisiert. Denn mit der permanenten Vermittlung wie und wo genau unsere Körper ‚unzulänglich’ sind, werde uns zugleich nahegelegt, was wir denn kaufen müssten, um gegen jene ‚Unzulänglichkeit’ an zu arbeiten. Penny setzt sich zudem intensiv mit dem Begriff „Schlampe“ auseinander. Mit diesem solle Menschen, die nicht der vermeintlichen Norm entsprechen (wollen), permanent Scham vermittelt werden. Frauen, die offen über ihre Lust sprechen und sexuelle Selbstbestimmung einfordern, gelten als „Schlampen“ und sollten sich gefälligst den Männern und ihren Vorlieben unterwerfen – nach dem Motto „Männer haben Sex, Frauen sind Sex“. Penny will den Begriff „Schlampe“ zurückerobern und das rebellische Potential dahinter freilegen. Sie spricht von einer „Schlampenmacht“, in der Schamlosigkeit zur Waffe werde – gerichtet gegen heterosexistische Normen und Zwänge, die Frauen und ihr Begehren einkerkern wollen. Kontrolle werde auch innerhalb einer – wie sie sagt – „Vergewaltigungskultur“ ausgeübt: Frauen würden dazu aufgerufen „zu Hause zu bleiben, die Knie zusammen[zu]pressen und den Blick [zu] senken“, um sich vor Vergewaltigung zu schützen. Ziel sei die Schaffung einer Atmosphäre der Angst, „in der sich Frauen fürchten, genauso am öffentlichen Leben teilzuhaben wie Männer“.

Beeindruckend ist der von ihr beschriebene Einsatz von vermeintlicher „Liebe“ als Mittel der Kontrolle. „Mit dem Wort ‚Liebe’ ist es ähnlich wie mit ‚Freiheit’, ‚Sicherheit’, ‚Demokratie’: Diese Wörter wurden gekapert und gefoltert, bis sie vor ihrem glatten Gegenteil kapitulieren mussten“ – so Penny. „Liebe“ als Mittel, damit Frauen die zahlreichen unbezahlten Arbeiten im Haushalt und der Familie weiter verrichten. „Liebe“ in Form von privatem Trost als Mittel um die Entbehrungen am Arbeitsmarkt auszugleichen und so dazu beizutragen, dass wir dort weiter funktionieren (können) statt auszubrechen. „Liebe“ als Mittel um Frauen in die Rolle zu pressen ‚liebenswert’ zu sein und dem Mann zu gefallen, statt laut, ungehorsam, selbstbestimmt zu sein – „eine romantische Demütigung“, um Frauen klein zu machen.

Was tun?!

Penny kritisiert aktuelle Formen eines unsolidarischen Feminismus, der sich am neoliberalen Lebensentwurf weißer Karrierefrauen orientiere, mit zahlreichen Unfreiheiten verbunden ist, und somit nicht einmal für diese Frauen sein Glücksversprechen einlöse. Sie hat keine Hoffnung mehr auf einen Wandel im System und plädiert für eine „Weigerung, dass eigene Leben und die Persönlichkeit den Konturen einer ungerechten Welt anzupassen“. Penny will eine Meuterei, eine neue soziale Revolution. Sie fordert zum Widerstand auf, ohne jedoch genauer zu beschreiben, wie dieser aussehen könnte oder sollte.

Trotz vager Handlungsempfehlungen und Widersprüche wichtig!

Pennys Handlungsempfehlungen bleiben oft vage, es gibt wenig konkrete Ideen und Impulse, was wir in unseren jeweiligen Handlungsfeldern tun können. Zudem werden in ihren Aussagen Widersprüche sichtbar. Im Buch spricht sie von Meuterei, während sie sich am Abend in Köln auch für einen Marsch durch die Institutionen ausspricht, um etwas zu bewegen. Sie schreibt über Schönheitsdiktate und greift einen karriereförmigen Feminismus an. Aber als in Köln eine Zuhörerin die feministische Haltung der millionenschweren Popsängerin Beyonce als „Soft-Feminismus“ bezeichnet, verteidigt Penny die Sängerin und stellt klar: „Lasst uns nicht das Spiel vom guten und schlechten Feminismus spielen.“

Ist Penny zu beliebig? Meines Erachtens geht es ihr darum den Feminismus zu vereinen sowie Ausschlüsse und Verurteilungen zu vermeiden. Sie ist der optimistische Gegenentwurf zu den kraftraubenden Spaltungstendenzen innerhalb einiger feministischer Debatten. Sie setzt auf Solidarität und will uns alle! empowern. Uns alle, die unter diesem System leiden (wenn auch auf unterschiedliche Weise). Sie inspiriert uns dazu durch Mut, Wut und Ungehorsam wieder stärker und unabhängiger zu werden. Sie ruft uns dazu auf, der Gleichförmigkeit, der (Selbst-)Kontrolle und Unterdrückung ins Gesicht (zurück!) zu schlagen. Wichtige erste Schritte auf einem Weg in ein selbstbestimmteres, widerständiges Leben. Denn „ein braves Mädchen zu sein, kann uns umbringen.“