Logo
Herbst 3/2020

Ein Auto kann man stehen lassen, wenn Feierabend ist, aber nicht ein Kind, das nicht abgeholt wird.

Isolde Aigner sprach mit der Historikerin Tove Soiland über die aktuelle Prekarisierung der Care-Arbeit und über Ideen, wie dem gegengesteuert werden könnte.

Was verstehen Sie unter Care-Sektor, bzw. Care-Arbeit?

Ich verwende den Begriff in Anlehnung an die Arbeiten der feministischen Ökonomin Mascha Madörin. Die feministische Ökonomie hat diesen Begriff aus zwei Gründen gefunden. Zum einen, weil in spätkapitalistischen Gesellschaften der Care-Sektor (im Weiteren mit CS abgekürzt) eigentlich der wichtigste Wirtschaftssektor einer Nationalökonomie ist. Care-Arbeiten beziehen sich auf Arbeiten, die mit zwischenmenschlichen Beziehungen zu tun haben. Dazu gehören im Wesentlichen das Pflegen von kranken Menschen und solchen, die nicht selber für sich sorgen können, das Aufziehen von Kindern, der ganze Bildungsbereich und die Sozialarbeit. Die Gemeinsamkeit all dieser Arbeiten ist, dass hierbei die Beziehung, die zwischen zwei oder mehreren Menschen stattfindet, im Zentrum des Arbeitsprozesses und damit auch des ‚Arbeitsproduktes’ steht.

Der zweite zentrale Punkt ist, das mit dem CS sowohl die bezahlte wie die unbezahlte Arbeit gemeint ist. Die Zusammenfassung von bezahlter und unbezahlter Care-Arbeit unter einen Begriff stellt eine Erneuerung dar. Die feministische Ökonomie geht davon aus, dass eine Gesellschaft wesentlich auf der unbezahlten und der bezahlten Care-Arbeit basiert. Mit dem Begriff des Care-Sektors will die feministische Ökonomie das Wechselverhältnis zwischen bezahlter und unbezahlter Care-Arbeit in ihrer Wechselwirkung mit den übrigen Wirtschaftsbereichen theoretisch erfassen. Die Errungenschaft der feministischen Ökonomie ist, dass sie damit aufzeigt, was wirtschaftlich zählt – und das ist eben weit mehr als nur das, was in der Lohnerwerbsarbeit geleistet wird.

Dazu muss man sich immer wieder vergegenwärtigen, dass nach wie vor in Privathaushalten mehr Stunden gearbeitet werden als in der Erwerbsarbeit. Was gratis in Haushalten gearbeitet wird, ist also für den Lebensstandard einer Gesellschaft ebenso, oder vielleicht sogar noch bedeutender als das, was in der Erwerbsarbeit gearbeitet wird. Das wird in den normalen ökonomischen Diskussionen nie thematisiert.

Wieso kommt es in diesem Sektor aktuell zu einer Prekarisierung?

Die Sorge- und Pflegearbeit hatte noch nie einen guten Stellenwert in unserer Gesellschaft. Aber es gibt heute ein neues Phänomen, das man als Prekarisierung bezeichnen kann. Denn sowohl die bezahlte als auch die unbezahlte Care-Arbeit ist heute einer Art von Ressourcenabzug ausgesetzt.

Der bezahlte CS leidet darunter, dass die öffentliche Hand im Zuge der Finanzkrise dazu angehalten wird zu sparen. Das heißt nichts anderes, als dass die Gelder, die der Staat bislang aufgewendet hat, um den CS mit genügend Ressourcen auszustatten, gekürzt werden. Dabei wird argumentiert, dass man mit angeblichen ‚Professionalisierungs’-Maßnahmen in diesem Sektor viel einsparen könne. Faktisch heißt das: Man versucht mittels Effizienzsteigerungsmaßnahmen diesen Sektor rationeller zu gestalten – als ob es sich um die Produktion von Autos handelt. Aber das spezifische Charakteristikum dieser Arbeit ist ja, dass es sich immer um zwischenmenschliche Beziehungen handelt. Genau das wird aber ausgeblendet, sodass jede Effizienzsteigerung letztlich zwangsläufig immer auf die Qualität der Care-Arbeit zurückschlägt. Man kann das Aufbauen einer Vertrauensbeziehung zwischen einer Pflegeperson und der pflegenden Person nicht effizienter gestalten. Man kann auch Kinder nicht schneller heranziehen und man kann ihnen das Alphabet nicht schneller in ihren Kopf trichtern.

Sparmaßnahmen führen letztendlich also immer dazu, dass die Qualität der Arbeit leidet, sowohl für den Bezüger als auch für die Ausführende. Wenn die Qualität nicht leiden soll, dann heißt das letztlich, dass Frauen – bzw. mehrheitlich Frauen, die diese Arbeit ja leisten – entweder einem massiven Lohndruck ausgesetzt sind oder einfach gratis arbeiten, um das aufzuholen, was sie in der vereinbarten Arbeitszeit nicht unterbringen konnten. Das ist das Spezielle an dieser Arbeit: Man kann ein Auto stehen lassen, wenn Feierabend ist, aber ein Kind, das nicht abgeholt wird, lässt man nicht einfach auf der Straße stehen, weil die Kinderkrippe um 16 Uhr schließt. Die Frauen, die in diesem Sektor arbeiten, werden auch über die Zeiten hinaus, die ihnen bezahlt werden, gratis Arbeit leisten, weil sie sich gebunden fühlen, was ja auch richtig ist.

Der CS ist zudem heute der am meisten deregulierte Sektor. Das heißt, man versucht Geld einzusparen zum Beispiel durch Teilzeitarbeit, deregulierte Arbeitsverhältnisse oder Arbeit auf Abruf. Aber auch durch neue Berufsausbildungen mit Niedriglöhnen, die letztlich zu einer beruflichen Unterschichtung führen.

Es gibt aber auch eine Prekarisierung des unbezahlten CS. Durch den Umstand, dass heute ein Lohn nicht mehr reicht, um eine Familie zu ernähren, sind alle Erwachsenen, die in einem Haushalt leben, gezwungen erwerbstätig zu sein, damit das finanzielle Auskommen des Haushalts gesichert ist. So ist heute niemand mehr zeitlich freigestellt, die Arbeiten im Haushalt zu machen. Denn während früher die Hausfrau Zeit hatte – also ich finde das kein gutes Modell, aber zumindest war die Hausfrau zeitlich für Hausarbeit freigestellt, da sie nicht selber für ihren eigenen Unterhalt aufkommen musste – fehlt genau diese Zeit den Haushalten heute.

Das führt dazu, dass wiederum mehrheitlich Frauen diese Arbeit jetzt neben der Erwerbsarbeit machen müssen. Wer also die Arbeitsmarktintegration von Frauen als Emanzipationsmodell vertritt, muss gleichzeitig eine Lösung anbieten, was denn mit dieser immensen Arbeit in den Haushalten geschehen soll. Wenn wir bedenken, dass es sich bei dieser Arbeit volumenmäßig um mehr handelt als in der Erwerbsarbeit gearbeitet wird, so ist eine Lösung für dieses Problem nicht in ein paar Kindertagesplätzen mehr zu sehen.

Wollte man die Haushalte nennenswert von Arbeit entlasten, wären das wirtschaftliche Restrukturierungen von einem Ausmaß, die alle bisherigen Wirtschaftskrisen und die nachfolgenden Strukturbereinigungen als Klacks erschienen ließen.

Gäbe es dann trotzdem Interventionen, die zu mehr Geschlechtergerechtigkeit führen könnten und wie könnten sie aussehen?

Es gab von feministischer Seite und in der Frauenbewegung immer ein Unbehagen am Sozialstaat, von dem wir eine Umverteilung forderten. Was dieses Unbehagen vielleicht mitbegründete ist, dass die Care-Frage letztlich keine Frage von sozialer Umverteilung ist. Es geht nicht um eine Politik für irgendeine benachteiligte Gruppe, was dann immer nach Fürsorge riecht. Es geht nicht um eine Sozialpolitik im dem Sinne, dass irgendeine Gruppe, nämlich die Frauen, noch ein bisschen Unterstützung brauchen.

Angesichts dessen, das der CS diese Größenordnung angenommen hat und heute bereits ca. 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, müsste diese Sozialstaatsfrage neu diskutiert werden. Der CS stellt eigentlich den wichtigsten Wirtschaftssektor dar und es müsste um die Frage gehen, wie wir das wirtschaftlich organisieren.

Ich plädiere dafür, dass man eine Umverteilung zwischen bestimmten Sektoren vornimmt. Wirtschaftssektoren wie die Industrie und allgemeine Dienstleistungen, wie Versicherungs- und Bankenwesen sowie die IT-Branche sind wertschöpfungsstark, hier werden nach wie vor gute privatwirtschaftliche Profite erzielt, was für den ganzen CS nicht gilt, da er wertschöpfungsschwach ist. Darum müsste man zwischen den Wirtschaftssektoren, die wertschöpfungsstark sind und denen, die wertschöpfungsschwach sind, umverteilen. Man könnte – ähnlich wie CO2-Abgaben – Care-Abgaben oder eine Care-Steuer für diese wirtschaftsstarken Sektoren einführen. Wenn man davon ausgeht, dass ein IT-Fachmann auch Care-Dienstleistungen braucht, die er aber meistens unter ihrem Preis bezieht, weil er sie nämlich in einem Sektor ersteht, der prekarisiert ist, könnte man sagen, dass die IT-Branche Care-Abgaben (ähnlich wie Ökoabgaben) leisten muss, die dann der Staat verwendet, um diesen Care-Sektor zu finanzieren. Wenn man Ökoabgaben machen kann, kann man auch Care-Abgaben machen.

Interview: Isolde Aigner