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Herbst 3/2020

Du bist, was Du isst?

Bringen wir es gleich auf den Punkt: Es geht um vegane Ernährung, sprich: keinerlei tierische Produkte zu essen. Umwelttechnisch ist die Produktion von tierischen Lebensmitteln eine Katastrophe. Keinesfalls alternatives Wissen: 2006 kam der Bericht der UN-Welternährungsorganisation (FAO) zu dem Schluss, dass die globale industrielle Tierhaltung wesentlich für den Klimawandel mitverantwortlich ist. Sogar das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) berichtete 2008, dass sich 40 % der Treibhausemissionen durch eine pflanzliche Ernährung einsparen ließen.
Seit den 1970er Jahren wurden 40 % des Regenwaldes abgeholzt und die dortige Flora und Fauna platt gemacht, um Futtermittel anzubauen oder Weideflächen zu schaffen. Tendenz steigend. Wie alle Wälder fungiert auch der Regenwald als riesiger Kohlenstoff-Speicher, rodet man, wird Kohlenstoff zum großen Teil als Kohlendioxid (CO2) freigesetzt und gelangt dann, zusammen mit den anderen Treibhausgasen, in die Atmosphäre. Aber nicht nur das. Da massenhaft Tiere gehalten werden, haben sie selbstredend auch massenhaft Verdauungsprozesse, die wiederum Treibhausgase wie Methan oder Stickoxid erzeugen. Dazu kommt, dass die Tonnen von Exkrementen Meere und das Grundwasser verschmutzen, denn irgendwo muss der Dreck ja hin. Die Wiederverwendung als Dünger ist auch keine wirkliche Lösung, denn es gibt schlichtweg zu viel davon. In Deutschland wird zu viel Gülle auf zu wenig Land ausgebracht, was uns miserable Nitrate-Werte im Trinkwasser und eine EU-Rüge bescherte, wie etwa Greenpeace informierte. Deutschland oder viel eher den Bauernverband lässt das kalt, der fürchtet einen zu großen bürokratischen Aufwand. Unser derzeitiger Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft ist übrigens Christian Schmidt von der CSU, die dem Bauernverband ja bekanntermaßen sehr nahe ist. Wasser wird aber durch die Tierwirtschaft nicht nur untrinkbar, es wird auch weniger, denn es verbraucht mehr Wasser, ein Kilo Rindfleisch ‚herzustellen‘ als ein Kilo Kartoffeln. Rund 15.500 l Wasser, grob ein Jahr lang täglich duschen, braucht es, um ein Kilo Steak auf dem Teller haben zu können, 1000 l für einen Liter Milch, aber nur 290 l für ein Kilo Kartoffeln. Wasser ist knapp und kostbar, fragen Sie mal bei Nestlé nach.
Womit wir beim Stichwort Globalisierung wären: Laut Fleischatlas 2014 benötigt alleine die europäische Fleischproduktion pro Jahr durchschnittlich 13 Millionen Hektar südamerikanische Anbauflächen für Futtermittel wie Soja. Weil schnell, viel und vor allem kalkulierbar Futter gebraucht wird, wird mit Chemiekeulen verhindert, dass die Natur der Industrie hineinpfuscht. Die großräumige Anwendung des Herbizids Glyphosat beim Sojaanbau in Südamerika führt unter anderem zu vermehrten Fehlbildungen bei Neugeborenen. Sojaanbau in seiner derzeitigen Größenordnung ernährt nicht die Legionen an Veganer*innen oder Vegetarier*innen, sondern Tiere, die dann tot selbst Essen werden. Damit ist Soja nicht allein, gut 40 %, rund 800 Millionen Tonnen, des weltweit angebauten Weizens, Roggens, Hafers oder Mais sind Futtermittel. Laut UN werden drei Viertel aller agrarischen Nutzflächen in irgendeiner Weise für die Tierfütterung beansprucht. Unser einsames Schnitzel auf dem Teller hätte viele Mäuler satt machen können.
Jenseits der ökologischen und globalpolitischen Gründe ist der Konsum von Tier und tierischen Erzeugnissen natürlich auch ethisch hoch problematisch, denn was da massenhaft ‚produziert‘ wird, sind fühlende Lebewesen. Glückliche Milchkühe gibt es nur in der Werbung und ihre lila Farbe ist ein starkes Indiz für ihre Inexistenz. Auch das Bioschnitzel war mal ein Schwein, das viel lieber noch am Leben statt als Schnitzel wäre. Mal ganz davon abgesehen, dass so ein Schwein oder eine Kuh auch so ihren Charme haben, nicht nur Hunde und Katzen, denen wir Namen geben und für teures Geld Futter und Spielzeug kaufen. Bei der Produktion von Eiern werden die männlichen Küken geschreddert. Ja. Geschreddert. Weil sie weder Eier legen können noch genug Fleisch ansetzen, um sie für die Fleischindustrie zu verwenden. Das gilt auch für Bioeier.
Alles, was wir im Supermarkt an Tier zu kaufen bekommen, ist schlichtweg indiskutabel. An dieser Erkenntnis lässt sich nicht rütteln. Sie können das gerne tun. Es gibt schließlich auch Menschen, die daran festhalten, dass der Klimawandel eine Erfindung sei oder darauf beharren, Feminismus sei Geschichte. Aber zu wissen, was ‚richtig‘ ist, ist noch lange keine Lösung.
Vor einigen Jahren eröffnete ich meiner Familie, dass ich jetzt Veganerin sei und was das überhaupt sei. Für sie war es nur eine weitere spinnerte Idee ihrer studierten Tochter. Das machte mich wütend. Aber was wussten die schon? Als ich bei einem meiner seltenen Besuche die Kühlschranktür öffnete, um nach etwas Essbarem zu suchen, dort aber nichts für mich fand, stand auf einmal meine Mutter neben mir. Sie murmelte Entschuldigungen. Sie schämte sich vor mir. Es tut mir heute noch leid. Für meine Eltern ist es immer noch etwas Besonderes, dass sie sich in Deutschland Fleisch leisten können. Meine Eltern können nicht mal ebenso auf Sojamilch umsteigen, weil die teurer ist. Das sollte es ihnen wert sein? Wer bin denn ich, um das zu entscheiden? Ja, sich vegan zu ernähren ist richtig, aber wir müssen uns, wenn wir solidarisch sein wollen, fragen, wer es sich leisten kann, ‚richtig‘ zu leben. Wir müssen uns auch fragen, wen wir in die Verantwortung dafür nehmen wollen, dass die derzeitige Lebensmittelindustrie Menschen, Tiere und unseren Planeten ausbeutet. Ja, wir müssen alle unseren Konsum von tierischen Produkten überdenken und mit ‚wir‘ meine ich vor allem die westliche Welt. Aber der Kühlschrankinhalt meiner Eltern ist nicht für die Abholzung des Regenwaldes verantwortlich, sondern die dahinterstehende Industrie, die den Kühlschrankinhalt produziert hat, die gehört zur Rechenschaft gezogen. Vegane Cupcakes sind noch keine Revolution, denn die Idee, dass wir, jeder Mensch für sich alleine, die Auswirkungen von industrieller Lebensmittelproduktion durch Gegenkonsum ändern könnten, ist nicht nur naiv, sondern auch eine Bankrotterklärung an unser politisches System. Rügenwalder Mühle etwa bietet jetzt auch vegetarische Wurst an, zusätzlich zu der normalen. Die stehen nebeneinander im Kühlregal. Konsumieren ist vielleicht politisch, aber Konsum ist noch lange keine Politik.
Veganismus ist die derzeit einzig ‚richtige‘ Art und Weise, sich in der von uns geschaffenen Welt zu ernähren. Wenn das volle Programm nicht geht, dann ein, zwei, drei Tage die Woche. Viel ist Gewöhnungssache. Veganismus gehört zu den wenigen Dingen, mit denen wir im Alltag ganz konkret politisch handeln können und das möchte ich keinem Menschen nehmen, denn es ist wichtig, sehr wichtig sogar. Aber wenn wir uns auf diesem ‚richtigen‘ Veganismus ausruhen, dann ist er nichts weiter als eine elitäre Essstörung. Quoten für Topmanagerinnen sind auch noch kein Feminismus. Zumindest nicht der, den ich im Sinn habe. Veränderung fängt bei der einzelnen Person an, ja, aber erst, wenn wir alle solidarisch sind, können wir ein System verändern – und eine Veränderung ist überfällig.

Von Anna Schiff
http://www.bund.net/fileadmin/bundnet/publikationen/landwirtschaft/140108_bund_landwirtschaft_fleischatlas_2014.pdf