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Frühjahr 1/2020

Don’t stop moving. Fluchtgrund: Lesbisch

Von Annalena Müller

Gelbe Gardinen mit großen Teddybären hängen vor den Fenstern. Sie schreiben, lesen und tragen riesige Brillen, sie scheinen sehr beschäftigt. Zwei Metallbetten, eine Kommode, ein Fernseher, ein Tisch und vier Stühle stehen in dem kleinen, ordentlich aufgeräumten Raum. Als ich Dinah und Malika aus Algerien erneut besuche, ist morgens jemand in ihr Zimmer eingedrungen als sie nicht da waren, hat Möbel verrückt, ihre persönlichen Sachen weggeräumt und Platz gemacht für einen Spind und ein Bett. Nun müssen sie sich mit einer weiteren Frau auf der Flucht arrangieren, müssen sich verstellen.

Obwohl sie es bis nach Deutschland geschafft haben, sind sie voller Angst. Viele strenggläubige Muslime leben mit ihnen unter einem Dach, auch Männer aus Algerien, die, obwohl sie nicht mit den Beiden verwandt sind, die Ehre der Brüder wieder herstellen wollen. Es gibt andere Paare in der Sammelunterkunft – heterosexuelle – dort kommt niemand auf die Idee, eine fremde Person im Zimmer unterzubringen. Doch ihre Beziehung halten sie geheim. Dinah und Malika sind einer Flüchtlingsunterkunft auf dem Land zugewiesen worden. Viermal in der Woche besuchen sie einen Deutschkurs in der nahegelegenen Stadt. Mit einem Bus überbrücken sie die Distanz von acht Kilometern. Im Monat kostet sie das Ticket 70 Euro pro Person. Doch die Frauen haben ein Ziel. An den Wänden hängen handgeschriebene Zettel mit Vokabellisten. „Das Fleisch, der Fisch, das Bonbon.“ Der bestimmte Artikel macht ihnen zu schaffen. „Anna, warum heißt es das Mädchen? Das macht keinen Sinn. Das Mädchen ist doch kein Neutrum.“ Ich zucke mit den Schultern und bekunde meinen Respekt für ihr Sprachverständnis. Neben Arabisch, Französisch und Englisch lernen sie jetzt eine vierte Sprache.

Immer läuft der kleine Fernseher im Hintergrund, meistens Kika. Gerade schauen sie „Wicki und die starken Männer“. Ihr Versuch eines einfachen Einstiegs in eine Fremdsprache. Warum sie gerade jetzt geflohen sind? Dinah antwortet: „Der Grund ist Malika, meine Prinzessin. Ihr ging es immer schlechter, sie schien die Hoffnung zu verlieren.“ Malika ist die ältere der beiden und mit 37 Jahren noch nicht verheiratet. Sie steht unter dem Schutz ihrer Mutter, doch als diese stirbt, erklärt ihr Bruder sich zum neuen Oberhaupt der Familie. Ihm ist seine alleinstehende Schwester ein Dorn im Auge. Für den Geschmack der Verwandten treffen sich Dinah und Malika viel zu häufig. Die Nachbarn fangen schon an zu reden. Eine fast vierzigjährige Frau hat keine guten Chancen auf dem Heiratsmarkt. Da ist der Bruder froh, als er ein Arrangement mit einem gut situierten 72-Jährigen aus der nahen Umgebung treffen kann. Dieser sucht eine Zweitfrau. Da er schon Söhne hat, sind Kinder ihm nicht so wichtig. Als Malika sich weigert, schlägt ihr Bruder sie fast tot. Eine Nachbarin geht dazwischen, rettet ihr das Leben. Zu bleiben ist nun keine Option mehr.

Dinah hat das alles bereits hinter sich. Sie hat schon drei Jahre in einer arrangierten Ehe verbracht. Vorher fuhr sie Taxi in Algier, doch sie musste aufhören zu arbeiten, da sie in der Öffentlichkeit Hosen trug und selber ihre Reifen wechselte, sie wurde als falscher Junge beschimpft. Ihre Familie suchte der damals 27-Jährigen einen Ehemann, bevor das Gerede überhandnahm. Ihr Erzählfluss gerät ins Stocken. Nach einer mir unendlich lang vorkommenden Pause fragt Dinah: „Möchtest du die Bilder sehen? Sie sind hier drin.“ Sie tippt auf den Bildschirm ihres Handys. Als sie mir die Hochzeitsfotos zeigt, wird mir schlecht. Was ich sehe, ist eine Person, die nichts mit der Frau zu tun hat, die vor mir sitzt. Dinahs Haare sind blondiert, sie trägt ein Strass-Krönchen und ist bis zur Unkenntlichkeit geschminkt. Das glitzernde Kleid mutet wie ein Kostüm aus Disneys Cinderella an. Cremefarbene Handschuhe reichen hoch bis zu ihren Oberarmen. Ihre Brust steckt in einer engen Korsage. Wir blicken betroffen auf das Telefon.

Dinah merkt schon mit sechzehn, dass sie anders leben will, als es von ihr erwartet wird. Doch sie kann sich keinem anvertrauen. Ihr Wissen, dass sie niemals einen Mann küssen oder mit ihm zusammenleben will, behält sie für sich. Sie schluckt alles herunter, bis ihr ein Geschwür den Hals verstopft. Ich sehe die Narbe nahe der Halsschlagader deutlich, der letzte Überrest eines bösartigen Tumors. Ihre Ehe wird nach drei Jahren geschieden, da ihr Ehemann sich bei seinen zahlreichen beruflichen Auslandsaufenthalten in eine Engländerin verliebt hatte. Das ist Dinahs Glück. Zunächst. Als sie versucht, als alleinstehende Frau eine Wohnung zu mieten, wird sie erneut mit einem Geschwür konfrontiert. In der algerischen Gesellschaft ist es schlicht nicht möglich, dass eine Frau alleine lebt. Dass zwei Frauen sich gemeinsam eine Wohnung nehmen, ist utopisch. Geschiedene Frauen dürfen nicht aus dem Haus der Familie, bis man sie erneut gesellschaftsfähig gemacht hat, durch eine weitere Heirat. Der Druck auf das lesbische Paar erhöht sich. Die gläubigen Frauen werden immer wieder damit konfrontiert, dass ihr Umfeld den Koran dahingehend auslegt, dass eine gleichgeschlechtliche Beziehung illegitim sei.

Was geschieht, wenn ihr abgeschoben werdet? Die Beratung von Pro Asyl nannte uns den statistischen Wert von unter 1% der bewilligten Anträge Asylsuchender aus Algerien. Dort herrscht kein Krieg. Kein sichtbarer jedenfalls. Die beiden geben kehlige Geräusche von sich. „Anna, uns gibt es dort nicht. Homosexualität existiert nicht. Und damit das so bleibt, wird uns bei Wiedereinreise die Kehle durchgeschnitten.“ Kurz vor ihrer Flucht wird ein schwuler Freund von Malika ermordet. Man ersticht ihn und wirft die Leiche vor eine Straßenbahn. Es kursieren Videos auf YouTube. Die Schwulenjäger zeigen sie als Trophäe. „Mein Name, Dinah, heißt übersetzt so etwas wie kleiner, schützender Platz. Wir gehen nicht zurück.“

Vor mir sitzen zwei stolze Muslimas, zwei mutige Frauen, mein Blick bleibt auf dem bedruckten T-Shirt von Dinah hängen. Don’t stop moving steht darauf.

Weitere Informationen zu queeren Menschenrechten und sexueller Identität:

www.queeramnesty.de