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Sommer 2/2020

DISCOVER FOOTBALL on tour

Frauenfußball in Polen und der Ukraine

DISCOVER FOOTBALL ist ein engagiertes Frauenfußballprojekt aus Berlin, das sich zur Aufgabe gemacht hat, Frauen und Fußball sichtbar zu machen, zu fördern und über nationale Grenzen hinweg zu vernetzen. Zu diesem Zweck tourten im Juli bis zu 10 Frauen und 4 Männer durch Polen und die Ukraine.

Ganz Europa feiert den Männerfußball. In den Kneipen, Cafés und Restaurants laufen die Spiele der Männer-EM, in den Fanzones überbieten sich die zumeist männlichen Fans im Anfeuern, Trinken und mit Schmähgesängen. Ob Herkunft, Hautfarbe, (vermeintliche) Sexualität oder Religion, nichts bleibt verschont im Versuch, den Gegner verbal niederzuringen. Bis in die Wohnzimmer in Berlin, Toulouse oder anderswo dringen die „Sieg! Sieg!“-Rufe aus den Fernsehlautsprechern, wenn die deutsche Nationalelf spielt.

Ganz Europa? Mit zwei Kleinbussen, vollgepackt mit Spielerinnen, Fußbällen, einer mobilen Ausstellung und viel Enthusiasmus, machen wir uns auf, den Frauenfußball mitten im Getöse der Europameisterschaft der Männer aufzuspüren. Unsere dreiwöchige Reise wird uns von Berlin über Posen, Breslau, Kiew, Lviv, Warschau und zurück führen.

Das Ziel: Die Spuren des Frauenfußballs zu verfolgen, engagierte Teams und Initiativen zu vernetzen und ihr gesellschaftspolitisches Engagement strukturell zu unterstützen.

Die Entdeckungstour beginnt im polnischen Mikuszewo. Beim interkulturellen Mädchenaustausch, zu dem wir Teams aus Deutschland, Polen und der Ukraine eingeladen haben, zeigt sich schnell, dass die gemeinsame Leidenschaft für den Fußballsport, das Spielen in gemischten Teams und verschiedene Workshops helfen, Sprachbarrieren zu überwinden und neue Freundschaften zu knüpfen. Hier tanken wir Kraft für die nächsten Wochen auf Reise, merken aber auch, dass es ohne ein hohes Maß an Improvisationskunst, Engagement und Basiskenntnissen der polnischen und ukrainischen Sprache schwer werden wird, in die Welt des polnischen und ukrainischen Frauenfußballs einzutauchen. Fast alle Frauen sind ehrenamtlich hier, haben sich Urlaub genommen und bereits Monate zuvor ihre freien Abende geopfert, um diese Tour möglich zu machen.

Motiviert von so viel Freude der Mädchen am Sport geht es auf zur Spurensuche in Posen, Breslau, Kiew, Lviv und Warschau. Miniturniere mit regionalen Teams und Podiumsdiskussionen mit Spielerinnen, Aktivist_innen und Politiker_innen in den einzelnen Städten zeichnen nach und nach ein genaueres Bild des Frauenfußballs: Immer wieder stellen sich Gender-Stereotype und Vorurteile dem sportlichen Eifer der Mädchen und Frauen in den Weg. Auch bezüglich der finanziellen und strukturellen Förderung gibt es Verbesserungsbedarf – vor allem im direkten Vergleich zum bessergestellten Männerfußball.

In der Ukraine existiert nur eine einzige Frauenliga, sodass die meisten Frauenteams auf privat organisierte Turniere angewiesen sind, um sich ein, zwei Mal im Jahr mit anderen messen und austauschen zu können. Zu unserem Miniturnier in Kijow reisen die Frauen sogar aus dem 500 Kilometer entfernten Odessa an, damit sie an einem Nachmittag beim Vier gegen Vier im Soccer Court ihr Talent zeigen können. Auf dem Metallboden liegt ein alter Kunstrasen, der immer wieder Falten wirft oder sich umklappt. Wer fällt, kann sicher sein, mit blutigen Knien und Ellbogen und jeder Menge Prellungen nach Hause zu gehen. Auch die drückende Hitze bei 35 °C, die fehlenden Umkleiden und die Dixiklos ohne fließend Wasser hindern sie nicht daran, bis zum Umfallen um den ersten Platz zu kämpfen. Der kleine Pokal für den ersten Platz wird mit einer Ernsthaftigkeit gefeiert, die jeder Siegerinnenehrung im Berlin-Pokal zur Ehre gereichen würde.

Bei der Podiumsdiskussion verfestigt sich das Bild vom Spiel mit Hindernissen. Fragen nach der Verhältnismäßigkeit der finanziellen Zuwendungen im Frauen- und im Männerfußball werden vom Vertreter des Ministeriums mit verblüffender Selbstverständlichkeit ignoriert oder offen abgeblockt und die im Privaten oft geäußerte Kritik traut sich keine der Spielerinnen so richtig öffentlich zu formulieren.

Umso beeindruckter sind wir vom Engagement Einzelner, die nichtsdestotrotz eine lebendige und spannende Frauenfußballszene in der Ukraine aufrechterhalten.

Mit beeindruckender Hartnäckigkeit setzen sich einige Frauen und Männer dafür ein, am Frauenbild zu rütteln und Mädchen andere Möglichkeiten und Perspektiven der gesellschaftlichen Teilhabe zu eröffnen. Im Frauenfußball treffen sich Feministinnen, Lesben, Mütter, People of Colour oder einfach sportbegeisterte Mädchen, die ehrgeizig ihren Platz in dem männlich dominierten Feld des europäischen Fußballs verteidigen.

In unseren zahlreichen Begegnungen zeigt auch der polnische Frauenfußball ein buntes Gesicht: Er ist blond und dunkelhaarig, groß und klein, dick und dünn, weiblich und auch manchmal männlich, er ist sportlich, ehrgeizig, spielerisch und auch politisch. Vor allem aber ist er voller Leidenschaft und Freude.

Was uns sicher noch eine Weile begleiten wird, ist die Frage, warum der Frauenfußball sich so wenig über Ländergrenzen hinweg vernetzt und unterstützt und warum die Diskussion über Freiräume und Integration durch Fußball für zum Beispiel nicht weiße oder nicht heterosexuelle Frauen in einer Zeit größerer Offenheit nicht endlich in breitem Maße öffentlich geführt wird.

Die Tour hat uns den Spiegel immer wieder vors Gesicht gehalten und uns daran erinnert, dass auch in Deutschland der Frauenfußball vor allem im Breitensportbereich in großem Maße vom ehrenamtlichen Engagement abhängig ist und wir weit von einer Gleichstellung im Sinne von monetärer und sportlicher Anerkennung entfernt sind.

Müde und erschöpft kommen wir zum Finale in Berlin an. Das Fußballspiel zwischen Spanien und Italien wird schnell zur Nebensache, als wir die Tour in unseren Köpfen Revue passieren lassen. Was haben wir erwartet und gesucht und was haben wir vorgefunden?

In der Symbolik der EM gesprochen ist der Frauenfußball in Polen und der Ukraine ein Mauerblümchen: Manchmal schwer zu entdecken, oft wenig geschätzt, aber wer einen genaueren Blick wagt, sich Zeit lässt, der_dem offenbart sich eine lebendige, mutige Frauenfußballszene, die widerspenstig ihren Platz behauptet.

Wir wissen schon jetzt: Wir kommen wieder!