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Frühjahr 1/2019

„Dieser Krieg braucht einen Namen!“

Jede dritte Frau wird in ihrem Leben einmal vergewaltigt, geschlagen oder auf andere Weise misshandelt. Weltweit wurden schätzungsweise 130 Millionen Frauen genital verstümmelt. Jedes Jahr erleiden weitere 2 Millionen Frauen dieses Schicksal. Mehr als 60 Millionen Frauen „fehlen“ auf der Welt als Folge von geschlechtsselektiven Abtreibungen und Mädchenmorden. Jährlich werden schätzungsweise 5.000 Frauen im Namen der „Ehre“ ermordet. 4 Millionen Frauen und Mädchen werden weltweit jährlich zum Zweck der Heirat, Prostitution oder Sklaverei verkauft. Vergewaltigung wird in allen Kriegen systematisch als Waffe eingesetzt. Vergewaltigung geht mit Ausbeutung, Vereinnahmung, Beschlagnahmung, Fremdbestimmung und Kolonialisierung auf der Grundlage sexistischer und militaristischer Ideologien einher.“

Aus dem Aufruf „Stoppt den Feminizid! Gemeinsam für ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung!“, initiiert vom Kurdischen Frauenbüro für Frieden Ceni e.V. zur Demonstration am 19.11.2011 in Köln anlässlich des Internationalen Tages gegen jegliche Form von Gewalt an Frauen.

Am 17.9.2011 folgten 150 Teilnehmerinnen der Einladung von Ceni e.V., UTAMARA e.V., agisra e.V. sowie der Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW und diskutierten in Köln auf der Konferenz „Kampf dem Feminizid“ über Erscheinungsformen und Ursachen des Feminizids sowie die Vernetzung des internationalen Widerstands. Diskutiert wurde die Frage, ob es hilfreich sei, die verschiedenen Formen körperlicher, seelischer, ökonomischer und struktureller Gewalt, die Frauen ihrer Lebensgrundlage und ihres Rechts auf Selbstbestimmung berauben, als Feminizid zu bezeichnen. „Dieser Krieg braucht einen Namen!“, so eine Teilnehmerin der Konferenz. Eine andere Position lautet, den Begriff Feminizid enger zu fassen und vorsätzlichen und durch extreme Gewalt gekennzeichneten Morden an Frauen aufgrund ihres biologischen Geschlechts vorzubehalten.

Wie ein roter Faden zog es sich durch die Berichte der Fachfrauen aus dem Irak, Mexiko, den Philippinen, Deutschland, Türkei und Kurdistan: Armut, ökonomische Abhängigkeit und Ausbeutung sind der Nährboden und zugleich Ausdrucksformen der Gewalt gegen Frauen. Ökonomische Abhängigkeit hält Frauen in Gewaltverhältnissen fest und bindet sie an übergriffige Arbeitgeber und prügelnde Partner. Die Praxis der Beschneidung/Genitalverstümmelung währt auch deshalb so hartnäckig fort, weil sie den ausführenden Frauen Anerkennung und Einkommen in ihren Dorfgemeinschaften sichert. Ökonomische Perspektiven und Zugang zu Bildung wären dringend geboten, um diesen Praktiken den Boden zu entziehen.

Maria Mies, Mitgründerin des ersten autonomen Frauenhauses in der BRD, beschrieb in ihrem Beitrag den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Patriarchat. In Mexiko werden in erster Linie die in den Maquiladores zu Hungerlöhnen arbeitenden Frauen Opfer von Feminiziden. Hunderte wurden ermordet oder gelten als verschwunden. Weder Arbeitgeber noch Politik und Justiz scheinen an der Sicherheit der Frauen interessiert. Lucía Melgar schreibt in diesem Zusammenhang von einer patriarchalen Ideologie, die Arbeiterinnen (und generell arme, zugewanderte Frauen) als austauschbar und „Wegwerfkörper“ betrachtet. Unter den Bedingungen des Freihandelsabkommens sei die Souveränität des Staates in Frage gestellt und er könne die Rechte seiner Bürgerinnen nicht mehr schützen. (Lucía Melgar: Labyrinthe der Straflosigkeit. Frauenmorde in Ciudad Juárez und extreme Gewalt in Mexiko heute. In GENDER, Heft 2, 2011, S. 90–97)

Als weitere Ursache bzw. Bedingung für Mord und Gewalt gegen Frauen wurden Kriege und Militarisierung identifiziert. Nirgendwo gedeiht Zwangsprostitution so gut wie im Umfeld von Militärbasen. Am Körper von Frauen wird die Demütigung des Gegners inszeniert. Sexuelle Gewalt ist ein elementarer Bestandteil des Krieges – auch psychologisch, ökonomisch und ideologisch. Eindrücklich schilderte Patricia Zapata (Projektkoordinatorin der Rosa Luxemburg-Stiftung in Mexico) das Ausmaß des Feminizids in Guatemala und Mexiko – in beiden Ländern nehmen die Morde an Frauen kontinuierlich zu. Im guatemaltekischen Bürgerkrieg (1960–1996) wurden schätzungsweise 150.000 bis 250.000 überwiegend indigene Menschen durch die Armee und rechte Paramilitärs ermordet, ganze Dörfer niedergemetzelt. Zurück blieb eine zutiefst traumatisierte, weitgehend brutalisierte Gesellschaft, in der Menschenleben wenig zählen – Frauenleben noch weniger. Mittlerweile werden in Guatemala täglich zwei Frauen Opfer von Feminizid.

Houzan Mahmoud (Organisations of Women’s Freedom in Iraq) schilderte das Erstarken islamischer Fundamentalismen im Irak. Der sogenannte „Krieg gegen den Terror“, den sie als staatsterroristischen Akt bezeichnete, habe den Irak zwar von einem Diktator befreit, dabei aber gleich mehrere weitere Diktatoren beschert. Zwar würden Frauenrechte gerne dazu benutzt, Kriege zu legitimieren, letztendlich gehe es aber in Afghanistan und Irak in erster Linie um die Aufrechterhaltung (neo-)kolonialer Ausbeutung. Der Fundamentalismus erweise sich in mehrfacher Hinsicht als nützlich: Er bremse demokratische Bestrebungen, sichere die Stabilität, diene damit bestens den ökonomischen Interessen und legitimiere zugleich immer wieder aufs Neue Besatzung und militärisches Eingreifen. Es gehe weder um Religion noch um Kultur, sondern um Unterdrückung – und diese sei nicht zuletzt ein Erbe des Kolonialismus.

Fehlende Bürgerinnenrechte, kein oder nur erschwerter Zugang zur Justiz, faktische Straffreiheit für die Täter – auch das ist generell symptomatisch für Feminizide.

In Mexiko z. B. agieren die Drogenkartelle vielerorts gänzlich straflos und als eigentliche Macht im Staat. Patricia Zapata berichtete u. a. von den sogenannten Maras, nach dem Vorbild US-amerikanischer Gangs organisierte Jugendliche, die sich als Auftragskiller empfehlen wollen – je exzessiver ihre Gewalt, um so größer ihr „Renommee“. 98 % der Morde würden gar nicht erst verhandelt und blieben straffrei. In Guatemala seien die Opfer des Feminizids meist indigene Frauen, die noch größere Probleme damit haben, bei Polizei und Justiz Gehör zu finden.

In allen Berichten wurde deutlich: Feminizid wird in der Regel geleugnet oder bagatellisiert. Selbst bei offenkundigen Fällen konstatieren Polizei und Justiz „Selbstmord“ oder „Unfall“. „Staatsmisogynie“ oder „Vergewaltigungskultur“ sind Begriffe, die Gesellschaften beschreiben, in denen Gewalt gegen Frauen als normal, Privatsache oder nicht der Rede wert erachtet wird. Indem sie die Frau zum Eigentum des Mannes erklären, tragen auch die monotheistischen Religionen zur Durchsetzung patriarchaler Herrschaft bei.

Ein zentrales Motiv von Feminiziden ist offenbar die Disziplinierung von Frauen. Mord und Gewalt funktionieren als permanente Drohung. Frauen, die sich von ihrem Partner trennen, sind besonders gefährdet. Frauen werden „bestraft“ für die Arbeit außer Haus (Mexiko), weil sie sich ein Kleid gekauft haben oder weil ein Mann von ihnen geträumt hat (Kurdistan). Figen Aras Kaplan (Sprecherin des Komitees „Stoppt den Feminizid!“ aus der Türkei) berichtete, dass insbesondere um die Kampftage 8. März und 25. November (Tag gegen Gewalt gegen Frauen) die Morde an Frauen zunähmen und auch als Antwort auf die Freiheitsbestrebungen von Frauen zu verstehen seien. An vielen Beispielen illustrierte Figen Aras Kaplan die Kultur der Gewalt, die das Leben in der Türkei und Kurdistan prägte. Als Mittel der nationalen Aussöhnung würden Politiker der AKP türkischen Männern empfehlen, sich einfach eine kurdische Zweitfrau zu nehmen.

Der letzte Teil der Konferenz war dem Widerstand von Frauen gewidmet. „Wir brauchen keine karitativen Initiativen, sondern Mitbestimmungsrechte!“, so Houzan Mahmoud, die zudem die Darstellungen arabischer Frauen als unterdrückt und fügsam kritisierte. Zum einen entspreche dieses Klischee nicht den komplexen und widersprüchlichen Realitäten – zum anderen leiste es der Instrumentalisierung Vorschub.

Maitet Ledesma (International Women’s Alliance IWA) stellte die Purple-Rose-Kampagne gegen die sexuelle Ausbeutung philippinischer Frauen und Kinder vor. Astrid Rund (Marche mondiale des femmes) berichtete vom Weltfrauenmarsch und der Abschlusskundgebung 2010 in der DR Kongo. Teilnehmerinnen brachten die Heroes-Kampagne gegen Unterdrückung im Namen der Ehre in die Diskussion ein, ebenso die Weltfrauenkonferenz sowie die wehrhaften Frauen der Gulabi-Gang, die im indischen Uttar Pradesh das Recht in die eigenen Hände nehmen.

Weitere Schritte wurden auf der Konferenz diskutiert, eine Resolution ist in Arbeit:

  • Als Alternative zu den Gesetzen von Staaten, die das patriarchale System manifestieren und Feminizide legitimieren, braucht es neue, alternative Gesellschaftsverträge. Diese gilt es zu entwickeln und entsprechende Initiativen zu unterstützen.
  • Kampagnen und Kämpfe gegen den Feminizid, die in verschiedenen Ländern und Regionen durchgeführt werden, sollen mit dem Ziel vernetzt werden, einander zu stärken und einen universellen Frauenkampf zu entwickeln.
  • Es soll weiter daran gearbeitet werden, den Feminizid parallel zum Genozid als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu ächten.
  • Um Feminizide anzuklagen und zu verurteilen, soll der Aufbau eines Frauenrechtssystems mit alternativen Mechanismen (z. B. Veranstaltung öffentlicher Tribunale) entwickelt werden.

Melanie Stitz

 

Mehr Informationen

agisra Informations- und Beratungsstelle für Migrantinnen und Flüchtlingsfrauen

UTAMARA e. V.

ceni e. V.

Marche mondial – Weltfrauenmarsch

Weltfrauenkonferenz

Heroes – gegen Unterdrückung im Namen der Ehre