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Winter 4/2018

Diese jungen Leute von heute

Von Anna Schiff

„Die jungen Leute hören nicht mehr auf ihre Eltern. Das Ende der Welt ist nahe.“
(N.N. Steintafel der Chaldäer, circa 2000 vor Christus)

Bianca „Bibi“ Heinick ist eine millionenschwere junge Geschäftsfrau, die sich ein kleines Imperium aus dem Boden gestampft hat. In der öffentlichen Wahrnehmung ist der Social Media Star, der aktuell seine Schwangerschaft vermarktet, gerne mal der Inbegriff all dessen, was mit der Jugend von heute nicht stimmt: oberflächlich, konsumorientiert, macht irgendwas mit diesem Social Media auf ihrem Smartphone und verfällt in traditionelle Rollenmuster.

Rettet die Jugend!
Klagen darüber wie die Jugend von heute ist oder eben nicht ist, sind immer auch ein Spiegel der Gesellschaft. Jugendliche sind Projektionsfläche für Hoffnungen und Sorgen um die Zukunft, aber auch die Gegenwart der Gesellschaft. 2008 wirbelte das Buch „Deutschlands sexuelle Tragödie: wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist“ von Bernd Siggelkow (Pastor und Arche-Gründer) und dem Journalisten Wolfgang Büscher durch die Medien. 2015 verboten mehrere Schulen in Deutschland ihren Schülerinnen, „Hot Pants“ zu tragen. Das Thema wurde von den Medien aufgegriffen. „Ab wann ist ein Höschen zu heiß für die Schule?“, fragte beispielsweise die Welt, in der Süddeutschen wähnte man deutsche Schulen „[h]ilflos vor den Hotpants“. „Aufreizend? Am Arsch!“, konterte hingegen die taz. Eine eigens vom Meinungsforschungsinstitut YouGov erstellte Umfrage ergab, dass eine knappe Mehrheit der Deutschen ein „Hot-Pants-Verbot“ befürworte.

Die Idee von Jugend als einer eigenständigen Lebensphase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter ist eine neuzeitliche. In der Weimarer Republik änderten sich die gesellschaftlichen Vorstellungen von und die Erwartungen an diese Lebensphase grundlegend. Jugend erfuhr eine enorme Positivbesetzung. Eigenständige Jugendbewegungen entstanden ebenso wie eine Konsum- und Freizeitkultur, die sich an Jugendliche richtete, es wurde nach Jugendelixieren gesucht. Gleichzeitig etablierte sich ein Diskurs, der Jugend mit Zukunft gleichsetzt – in der Jugend hatte die Zukunft schon jetzt begonnen. Entsprechend konnten mit dem Zugriff auf die Jugend die Weichen für die Zukunft gestellt werden. Hitlers Ausspruch „Wer die Jugend hat, hat die Zukunft“ ist damit keinesfalls eine genuin nationalsozialistische Idee. 1922 wurde das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz erlassen. Es schuf erstmals eine einheitliche gesetzliche Grundlage, um Jugendliche – auch gegen ihren und den Willen ihrer Eltern – in Erziehungsheime einweisen zu können, sollte „Verwahrlosung“ drohen. Jugend und ihr Schutz war von nun an auch Aufgabe des Staates. Sie wurde in den eigens neu gegründeten Jugendämtern verwaltet und in sich neu formierenden Disziplinen wie der Jugendpsychiatrie erforscht. Der Historiker Detlev Peukert nennt diesen Grundstein der staatlichen Jugendhilfe „Janusgesicht der Moderne“. Einerseits wurde ein gesetzliches Instrumentarium geschaffen, um der Not der Jugend der Nachkriegszeit wohlfahrtsstaatlich begegnen zu können, andererseits wurde normiert, wie eine normale Jugend zu sein hatte und was als Anzeichen eine Abwärtsentwicklung galt.

Bewegt euch!
Was Jugendliche tun oder lassen ist seitdem von gesellschaftspolitischer Bedeutung; es gilt sie zu schützen und dadurch auch die Gesellschaft zu schützen. Werte- und Normenverfall der Zukunft können im Jetzt verhindert werden, wenn Jugendliche auf Kurs gebracht werden, so das Deutungsmuster. Zu diesen Werten gehört auch das politische Engagement. Die Sinus-Studie 2016 ergab, dass Jugendliche sehr wohl nicht mit dem Ist-Zustand zufrieden sind. Themen wie Umweltschutz und Klimawandel bewegen sie. Aber sie bewegen sich nicht. Projektleiter Peter Martin Thomas erklärt im Interview mit dem Deutschlandradio Kultur, es herrsche die Einstellung: „Wenn ich’s alleine mache, nutzt es ja eh nichts.“ Er wolle den Jugendlichen „nicht Trägheit zuschreiben, aber ich würde schon sagen, dass es wenige Einzelne gibt, die da schon was tun, aber die große Menge wartet darauf, bis das als Massenbewegung spürbar wird.“ Genau diese Tatenlosigkeit warf Meredith Haaf 2014 ihrer Generation in ihrem Buch „Heult doch. Eine Generation und ihre Luxusprobleme“ vor. 2008 hatte sie das Buch „Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das Leben schöner macht“ veröffentlicht.

Die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) appellierte bei ihrer Rede auf einer Bundeskonferenz der kommunalen Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an junge Frauen: „Mit Nettsein kommt man nicht immer sehr weit.“ Damit hat die Ministerin sicherlich Recht. Jungen Frauen von heute, die nicht gerade zu den Glücklichen gehören, die einen Stück vom milliardenschweren jährlich Erbschaftskuchen abbekommen werden, kann frau nur raten: Hängt euch rein! Was die Familienministerin übersieht ist: Hätten sie und die Frauen vor ihr ihren Job besser gemacht, dann könnten die jungen Frauen von heute sich auch das Nettsein leisten.

Bibi hat sich zweifelsfrei reingehangen. Die britische Kulturwissenschaftlerin Angela McRobbie würde sie wohl als ein „Top Girl“ bezeichnen. Gemeint sind junge Frauen, die die Spielregeln des Neoliberalismus akzeptieren, bestimmte Aspekte des Feminismus aufrufen (Emanzipation durch Karriere und Geld), nur um ihn wieder zu verwerfen (traditionelle Rollenbilder). McRobbie gehört zu den Begründerinnen der Girls Studies. Sie hat in den späten 1970er Jahren aufgezeigt, dass weibliche Jugendliche als Gegenstand der Erforschung der Jugendkultur auch deshalb so lange übersehen wurden, weil ihre Subkultur nicht als solche erkannt und ernst genommen, sondern als Mädchenkram abgetan wurde.

Die Frage, warum die aktuelle junge Generation nicht wütend(er) wird, ist durchaus berechtigt. Aber ist politisches Engagement tatsächlich das Vorrecht und die Hauptaufgabe der Jugend? Können wir uns tatsächlich zurücklehnen und zurückziehen und der Jugend von heute das Feld überlassen? Ist Politik nicht vielmehr eine Lebensaufgabe?

Und würden wir uns tatsächlich uneingeschränkt über eine politischere Jugend, eine wütendere Jugend freuen? Sie wären dann nämlich wütend auf uns. Auf diejenigen, die ihnen Neoliberalismus, Rechtsruck und Klimawandel eingebrockt haben. Die es bis heute nicht geschafft haben, §219a abzuschaffen. Stattdessen muten die Apelle, die Jugend solle sich politisieren, wie die Fantasie einer Staffelweitergabe an. Entsprechend gibt es keine Vision, wie respektvolle und solidarische generationsübergreifende politische Zusammenarbeit aussehen könnte. Denn wenn sie sich denn endlich engagieren, die Jugendlichen, ist es häufig nicht das richtige Engagement. Zu viele Sternchen, zu viele Trigger-Warnungen, zu viel Identität und Poststrukturalismus. Zu viel Social Media, zu wenig Straße. Es ist nicht einfach für die Enkel der Revolution, das war es schon für die Kinder nicht.