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Sommer 2/2020

„Die Stadt sollte auch in der Gegenwart zeigen, dass sie aus der Vergangenheit gelernt hat!“

Solinger Jugendliche starten Projekte gegen Alltagsrassismus  und Diskriminierung von Musliminnen

Von Isolde Aigner

Schon von weitem erblickt sie den Bus an der Haltestelle, aber sie kann sich Zeit lassen. Der Bus hat noch ein paar Minuten Aufenthalt. Sie läuft auf den Bus zu und will gerade einsteigen… da schaut der Busfahrer zu ihr auf und schließt urplötzlich die Tür. Nur, weil die Busfahrertür dabei ihr Kopftuch einklemmt, öffnete er sie wieder, so dass sie einsteigen kann. Sie ärgert sich: „Wieso bin ich überhaupt eingestiegen?!“ Zwei Stationen später steigt sie aus und macht ein Foto vom Buskennzeichen.

Diskriminierungserfahrungen, wie diese von Merve Şahin, gehören für viele Jugendliche mit Migrationshintergrund und insbesondere für junge Musliminnen in Solingen zum Alltag.

Solingen in den 1990ern und Heute

Mit der Stadt Solingen verbinden viele Menschen immer noch den rechtsextremen Brandanschlag vor über 20 Jahren: 1993 wurden hier fünf türkischstämmige Frauen und Mädchen ermordet. Anfang der 90er ist ganz Deutschland von Rassismus und rechter Gewalt geprägt: Es gibt rassistische und emotional aufgeladene Asyldebatten und rechtsextreme Brandanschläge und Pogrome. Im Mai 1993 schränkt die Politik das Asylgrundrecht ein, drei Tage später verüben vier Jugendliche den Brandanschlag in Solingen.

Heute ist in Solingen die Auseinandersetzung mit Rassismus – vor allem bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund – allgegenwärtig. Immer wieder machen sie auf Alltagsrassismus aufmerksam. Besonders junge Musliminnen berichten von zahlreichen Diskriminierungen im Alltag oder auch bei Bewerbungen – hier bekommen sie oft zu hören, dass sie aufgrund ihrer Kopfbedeckung für die Stelle nicht in Frage kämen. Dagegen wollen sie etwas unternehmen. Merve Şahin setzt sich schon seit 2013 unermüdlich dafür ein, dass in Solingen Maßnahmen und Projekte gegen Rassismus und Diskriminierungen auf den Weg gebracht werden. Als ehemaliges Mitglied des Jugendstadtrats engagiert sie sich gemeinsam mit jugendlichen Mitstreiter_innen in der kommunalen Jugendpolitik. Jetzt stehen die ersten jugendpolitischen Projekte in den Startlöchern.

Filmprojekt zu Rassismuserfahrungen junger Musliminnen

Junge Musliminnen planen ein Filmprojekt, in dem die Erfahrungen mit Rassismus in Filmszenen umgesetzt werden sollen. So können sie auf die verschiedenen Formen des (selbst erlebten) Alltagsrassismus aufmerksam machen.

Idee: Anfragen über das „Nicht-Einstellen“ von jungen Musliminnen in der Verwaltung

Wie sieht es eigentlich bei der Stadtverwaltung in Bezug auf die „Nichteinstellung“ von jungen Frauen mit Kopftuch (zum Beispiel bei städtischen Kitas) aus? Es gibt die Idee, den Jugendstadtrat darum zu bitten bei der Stadtverwaltung mal nachzuhaken, um auf diese Weise sichtbar zu machen, wo auf städtischer Seite noch Handlungsbedarf besteht, um Diskriminierungen abzubauen.

Checkliste mit Tipps im Umgang mit Diskriminierungserfahrungen

Die Jugendliche haben Diskriminierungserfahrungen gesammelt, besprochen und dann überlegt, was man dagegen tun kann. Jetzt entwickeln sie zusammen eine Checkliste mit Tipps im Umgang mit Diskriminierungserfahrungen. Das Fotografieren des Buskennzeichens ist ein Beispiel dafür, wie man sich gezielt gegen Diskriminierung wehren kann: Durch das Autokennzeichen kann der Busfahrer, der seine Bustür geschlossen hat, ausfindig gemacht und sein Verhalten geahndet werden. Mit diesem Projekt werden die (betroffenen) Jugendlichen zu sich selbst ermächtigenden Expert_innen und Multiplikator_innen: Sie entwickeln zusammen Handlungsstrategien und unterstützen andere Betroffene, um selbstbestimmt gegen Diskriminierungen im Alltag vorzugehen.

In der Gegenwart zeigen, dass man aus der Vergangenheit gelernt hat

In der Auseinandersetzung mit Strategien gegen Rassismus sind aber nicht nur die Jugendlichen gefragt. Auch die Kommunalpolitik soll in die Pflicht genommen werden, Maßnahmen in Solingen umzusetzen. So forderte Merve Şahin auf einer jugendpolitischen Veranstaltung: „Gerade Solingen hat eine besondere Verantwortung. Und diese sollte sich nicht nur auf Erinnerungsarbeit konzentrieren. Die Stadt sollte auch in der Gegenwart zeigen, dass sie aus der Vergangenheit gelernt hat!“

 


 

Jugendpolitik in NRW

Jugendpolitik in NRW? Das ist noch Neuland. Deshalb fördert die Initiative Jungdenken Umdenken – Frische Ideen für NRW des Landesjugendrings Kommunen, die die Jugendbeteiligung vorantreiben. In Solingen führen der Stadtjugendring, der Jugendstadtrat, die Jugendförderung und die AWO Solingen jugendpolitische Veranstaltungen durch, so dass die Forderungen der Jugendlichen in der Politik Gehör finden und umgesetzt werden. Es gibt außerdem Arbeitsgruppen, in denen Solinger Jugendliche, der Jugendstadtrat (als Vertretung der Jugend) und die Kommunalpolitik zusammen kommen, um Projekte und Forderungen umzusetzen.