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Sommer 2/2018

Die Scham ist vorbei! Oder?

Von Tina Berntsen

Die sexuelle Revolution, die mit der 68er Bewegung und der Anti-Baby-Pille begann, ist ein halbes Jahrhundert alt. Anja Meulenbelts persönliche Erzählung „Die Scham ist vorbei“ analysiert die Auswirkungen auf die Geschlechterbeziehungen und wird zum Klassiker. Als das Buch erschien, 1976, waren es noch acht Jahre bis zu meiner Geburt. Ich lerne, dass die neue Freiheit neue Zwänge brachte – die Verfügbarkeit der Frau: „die Wahl zwischen Hausfrau und freier Frau, die Wahl zwischen zwei unwirklichen Idealen“. Hinter der propagierten sexuellen Freiheit entblößt Meulenbelt eine Machtfrage.

Sexualität habe nichts mit weiblicher Lust zu tun, sondern mit Macht von Männern über Frauen. „In die Scham ist vorbei“ erzählt Meulenbelt von ihrem eigenen Leben und dabei doch von Erfahrungen einer ganzen Generation. „Was ist nun verwirklicht von der ganzen Emanzipation?“, fragt sie. Die Antworten: Frauen, die sich den Männernormen unterwerfen und keine Forderungen nach Liebe stellen sollen – auf dem enttabuisierten Sex folgt das Tabu Liebe; Frauen, die als frigide beschimpft werden, wenn sie nicht verfügbar sind; wenn man länger befreundet ist, schläft man halt miteinander; Sexismus. Die Befriedigung der Frau sei nicht Teil des progressiven Modells dieser „Revolution“. Meulenbelts Fazit: „Die ganze sexuelle Revolution ist nur kalter Kaffee. Und außerdem eine typisch kleinbürgerliche Überbauerscheinung.“
Meulenbelts autobiographische Erzählung ist eine Geschichte der „Bewusstseinswerdung“: Schwangerschaft mit 16, frühe Heirat und Gewalt in der Ehe, Isolation, psychische Probleme, Scheidung, Existenzängste als Alleinerziehende und viele schwierige Beziehungen, dann Politisierung, Frauenbewegung und bisexuelle Erfahrungen. Sie erkennt die „Scheinprogressivität von Wegwerfbeziehungen“ und ihre Blindheit gegenüber der eigenen Geringschätzung und Unterdrückung, wenn sie sich als freie, politische Frau mit Männern auf gleicher Stufe wähnt und auf (Haus-)Frauen herabsieht.

Aus ihrer Einsicht in die konservativen Geschlechterrollen, die „einverleibten Normen, mit denen die Frauen sich selbst klein halten“, entsteht ein langer Prozess der Entkonditionierung. Als nicht mehr „dufte Frau, problemlos und sexy und flexibel, was [sie] früher für den Gipfel der Weiblichkeit hielt“, hat sie sich der Wut und Aggression von Männern, aber auch der Angst von Frauen ausgesetzt.

In Frauengruppen findet Meulenbelt Solidarität und erkennt, dass sie nicht allein ist. Sie sprechen über viele Themen, die nichts an Aktualität verloren haben: über die Scham gegenüber dem eigenen Körper, Orgasmen, die eigene Lust und entdecken die „Möse“. Besonders das Gespräch über sexuelle Belästigung, Gewalt und Vergewaltigung in und außerhalb der Ehe, an denen frau selber Schuld haben soll, lässt aufhorchen. Die Jahre haben den kruden Argumenten keine Kraft genommen. Was das mit den Frauen macht, ist bedrückend. Meulenbelt beschreibt es als „[g]ewöhnliche tägliche Angst. Wir wussten es nicht einmal mehr, so einfach. Es geht nicht darum, ob es dir einmal passiert – es geht darum, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der es passieren kann, wir sind vogelfrei.“ Sind diese Sätze nicht heute noch gültig? Vielleicht auf Twitter oder Facebook gepostet mit dem Hashtag #metoo?

Wo sind die 40 Jahre geblieben?

Das öffentliche Reden über Sex, die „Errungenschaft“ der sexuellen Revolution ist heute selbstverständlich. Frauen sind aufgeklärt und können sexuell selbstbestimmt leben. Frau muss nicht sexuell verfügbar sein, kann ungezwungen Sex und Liebe trennen, sich ausprobieren. Die geschlechtliche Vielfalt ist gewachsen. Die Wahl von Meulenbelt zwischen Hausfrau und freier Frau stellt sich uns nicht. Unsere Freiheit ist größer. Theoretisch kann frau alles – sexuelle Selbstverwirklichung, Familie, Beruf. Superwoman ersetzt heute das „liebe untertänige Frauchen“. Eine Frau, die in der Theorie alles kann und schaffen soll. Wenn es nicht gelingt, liegt es an jeder selbst. Selbstoptimierung ist ein Markt geworden.
Obwohl Sex überall medial erhältlich ist, ist Sexualität auf verschiedenen Ebenen schambesetzt geblieben. Studien zeigen, die Zeiten der selbstlosen Frau, die beim Orgasmus an das männliche Ego und ihre Wirkung im Bett denkt, sind nicht vorbei. Frauen reden nicht immer frei und offen über ihre sexuellen Erfahrungen. Die Scham anders zu sein, hindert uns ebenso wie die Schubladen, die nur darauf warten geöffnet zu werden. Die Etikettierungen, Fremdbild wie Selbstbild von Frauen, sind Zeichen, dass die Emanzipation nicht weit genug vorangeschritten ist. Die Scham ist für viele Mädchen und Frauen nicht vorbei, wenn es um den eigenen Körper geht. Teile des weiblichen, intimen Körpers sind für viele ein unbekanntes Universum oder ein Gegenstand, der optimiert werden muss.

So ist Meulenbelts Buch von 1976 an vielen Stellen immer noch modern und lesenswert. Ihre Erkenntnisse bleiben relevant: „Es geht nicht darum, die Normen zu erfüllen, die wir nicht selber aufgestellt haben. Wir stellen unsere eigenen Bedingungen, ob sie nun progressiv sind oder nicht. Niemand zwingt uns, Erwartungen zu erfüllen, die wir nicht selber geweckt haben.“

Keine Revolution

Bei Shulamith Firestone liest Meulenbelt, dass die sexuelle Revolution sexuell aber nicht revolutionär ist. Seither haben auch wir keine Revolution erlebt. Es gab keinen Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Geschlechterverhältnisse haben sich lediglich transformiert. Die tradierten Muster geschlechtlicher Arbeitsteilung sind zumindest mancherorts aufgehoben. Wahlmöglichkeiten der Frauen haben sich geändert – im Rahmen eines kapitalistischen Systems. Frauen können sich sexuell und beruflich entfalten, kinderlos leben, mit Mann, Frau oder ohne, verheiratet oder nicht. Der persönliche Lebensentwurf von frau bleibt oftmals jedoch nicht kommentarlos, wird (von beiden Geschlechtern) hinterfragt und bewertet.

Alte patriarchalische Debatten scheinen in erstarkenden rechtspopulistischen und konservativen Strömungen sogar wieder populär zu sein. Meulenbelt beschreibt das Bild, das noch immer in vielen Köpfen existiert: dass „Männer darunter leiden müssen, wenn Frauen etwas für sich selbst gewinnen. Von sich selbst nicht einmal kapieren, dass sie unbewusst von einem Interessengegensatz ausgehen.“ Die Annahme, dass der Feminismus Frauen bevorzuge und Männern etwas wegnehme, besteht nach wie vor in verschiedenen Diskussionen, z.B. um Frauenquote und gleichen Lohn.

„Wirst du nun glücklich davon, von dem Feminismus?“

Die Stellen, an denen Meulenbelts autobiographische Erzählung vielleicht veraltet scheint, bleiben geschichtlich interessant. Es zeigt woher die Frauenbewegung kommt. Welchen Weg sie schon gegangen ist. Es offenbart aber auch, was noch zu tun bleibt. So wie Meulenbelt schon damals schrieb: Wir brauchen starke Frauen, „um uns mit ihnen zu identifizieren, (…) stark genug, um öffentlich zu sagen, was gesagt werden muss, ohne sich abschrecken zu lassen durch die Tatsache, dass viele Menschen sie dann nicht mehr nett finden.“


Anja Meulenbelt: Die Scham ist vorbei. Eine persönliche Erzählung, 1976 (dt. Übersetzung Verlag Frauenoffensive München, 1978).

Anja Meulenbelt wurde 1945 in Utrecht geboren wurde. Sie studierte als alleinerziehende, geschiedene Frau Sozialwissenschaften in Amsterdam und unterrichtete Frauengruppen. Früher vor allem feministische Aktivistin engagiert sie sich heute für eine bunte und gerechte Gesellschaft. Von 2003 bis 2011 war sie Mitglied des niederländischen Parlaments für die Sozialistische Partei, aus der sie 2014 austrat. Seit 2017 ist sie Vorstandmitglied der neuen politischen Partei „Artikel 1“, benannt nach dem Antidiskriminierungsparagrafen der Verfassung. Anja Meulenbelt hat über vierzig Titel veröffentlicht.