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Sommer 2/2020

Die erste Frauenkonferenz des Mittleren Ostens

Die 1. Frauenkonferenz des Mittleren Ostens fand vom 31.5. bis 2.6.2013 in Amed (Diyarbakir) statt, organisiert von DÖKH (Demokratische Freie Frauenbewegung). Was ist das genau für eine Bewegung, seit wann gibt es sie? Die Demokratische Freie Frauenbewegung (DÖKH) wurde 2003 von sozial und politisch engagierten kurdischen Aktivistinnen gegründet, um Frauen aus verschiedenen sozialen, kulturellen und politischen Bereichen zusammenzubringen und als Dachverband gegen Geschlechterungleichheit, Rassismus, Nationalismus, Militarismus, Sexismus, Umweltzerstörung und die ökonomische Ausbeutung zu kämpfen. Zur Konferenz interviewte Mareen Heying Münevver Azizoglu Bazan.

frauenkonferenzDer Nahe Osten und Nordafrika erleben zurzeit politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche Veränderungen. Jedoch sind weder die gegenwärtigen Herrschenden noch die neuen Machthaber bereit, in dieser Entwicklungs- und Veränderungsphase die untergeordnete Position der Frauen und patriarchale Strukturen zu überwinden, obwohl Frauen eine führende Rolle in den Widerstandskämpfen gespielt haben. Die sexistische Diskriminierung von Frauen wird in diesen angeblichen Lösungs- und Demokratisierungsprozessen erneut mit neuen Gesetzen festgeschrieben. Es kann keine Befreiung im Nahen Osten oder in Nordafrika geben, wenn Frauen nicht eigenständig ihre Positionen und Interessen in diesen Lösungsprozessen vertreten können. Das war ein ausschlaggebender Punkt für die Einberufung der Konferenz. Hiermit haben sich Frauen eine Plattform geschaffen, ihre Erfahrungen des Widerstands auszutauschen. Als Angehörige verschiedener Kulturen und Glaubensrichtungen, die alle durch ein männerdominiertes System geprägt sind, konnten Frauen so ihre Probleme diskutieren und neue Perspektiven des Widerstands und der Solidarität entwickeln. Das ist eine wichtige Grundlage, um den Freiheitskampf von Frauen zu verbreiten, zu leben und zu stärken.

Welche Frauen wurden zur Konferenz eingeladen? Wer ist gekommen, wer nicht? Welche Länder waren vertreten? Wie viele Frauen waren da (ich habe 250 gelesen, waren sie die ganze Zeit da?)?

Es waren Frauen eingeladen, die sich mit der Geografie des Mittleren Ostens identifizieren. Insbesondere waren Frauen vertreten, die in Frauenstrukturen organisiert sind, sowie Aktivis-tinnen verschiedener Widerstandskämpfe im Mittleren Osten, Akademikerinnen, Schriftstellerinnen und Journalistinnen. 250 Delegierte haben Frauen aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen vertreten. Frauen aus mehr als 20 Ländern haben an der Konferenz teilgenommen. Fast ein Viertel der Delegierten waren im Exil lebende Frauen. Neben kurdischen und türkischen Delegierten aus der Türkei haben Frauen aus Ländern wie Afghanistan, Iran, Irak, Ägypten, Libanon, Tunesien, Palästina, Indien, Pakistan, Bahrain, Nepal, Armenien, Syrien, Iran, Jemen, Libyen, Jordanien, Algerien, aus der autonomen Region Kurdistan im Irak und aus den Teilen Kurdistans im Iran und Syrien sowie Vertreterinnen der assyrisch-keldanischen Völker an der Konferenz teilgenommen. Alle Delegierten verfolgten mit großem Interesse 3 Tage lang die Konferenz. Nach der Konferenz hatten die Frauen die Möglichkeit, die Arbeiten der DÖKH in verschiedenen Stadtteilen von Amed und in den Nachbarstädten kennenzulernen. Einige Teilnehmerinnen der Konferenz haben das Grab von Sakine Cansiz in Dersim besucht. Sakine Cansiz war eine der drei kurdischen Aktivistinnen, die am 9. Januar 2013 in Paris ermordet wurden und denen die Konferenz gewidmet wurde.

Warum wurde Amed als Ort gewählt? Wo habt ihr getagt (Kulturzentrum?) und wie? Gab es Workshops? Diskussionsrunden?

Für die Wahl des Austragungsortes gibt es wichtige Argumente. Die Initiative für die Organisation der Konferenz ging von kurdischen Frauen aus, die einem Volk ohne Land angehören. Die Stadt Amed ist ein Symbol für den Widerstand des kurdischen Volkes und wird als „heimliche Hauptstadt“ bezeichnet. Zugleich ist die Frauenorganisierung in Amed sehr stark. Es gibt eine starke Basisorganisierung, Frauenräte und auch viele Fraueneinrichtungen und Frauenkooperativen in der Stadt.

Die Tagesordnung war sehr intensiv und die große Zahl der Teilnehmerinnen verlängerte die Diskussionen. Es war ein erstes Kennenlernen und Zusammentreffen der verschiedenen Frauen und Frauenorganisationen im Mittleren Osten, das eigenständig und unabhängig von staatlichen Institutionen organisiert wurde. Deswegen fanden die Diskussionen im gemeinsamen Plenum statt. Nach jedem Themenkomplex wurden Diskussio-nen durchgeführt, in denen fast alle Delegierten das Wort ergreifen wollten. Es wurde deutlich, dass die Frauen nicht nur ihre Probleme erläutern wollten, sondern auch viele Gedanken zu Lösungsansätzen austauschen wollten.

Welche Themen wurden besprochen?

Die wichtigsten Tagesordnungspunkte waren die Diskussion über die Konstruktion der sozialen Geschichte von Frauen und über den gesellschaftlichen Sexismus im Nahen Osten. Die Erfahrungen von Frauenbewegungen im Nahen Osten und ihre Rolle in den jüngsten politischen Veränderungen wurden genauso bewertet wie die Gemeinsamkeiten der gesellschaftlichen Erfahrungen von Frauen. Zu diesen Themen fanden sehr wertvolle Diskussionen statt. Besonders die gemeinsamen Erfahrungen der vielschichtigen Unterdrückung und des Widerstands von Frauen aus unterschiedlichen Ländern hat uns klar gezeigt, wie das patriarchale System gegen Frauen vorgeht.

Wie hat die Konferenz geendet, mit einem Positionspapier, mit konkreten Plänen? Welche Ziele wurden erarbeitet? Welche Kampagnen wird es geben?

Die Konferenz wurde mit einer Abschlusserklärung beendet. Bei den Diskussionen über die Abschlusserklärung wurden u. a. diese Ziele erarbeitet: Ein Kommunikationsnetzwerk für alle Konferenzteilnehmerinnen soll aufgebaut werden. Eine Beobachterinnengruppe soll zusammengestellt werden, um Frauen zu begleiten und zu unterstützen, die vor dem Krieg in Syrien geflohen sind und in Flüchtlingslagern leben.

Des Weiteren sollen der gemeinsame Kampf gegen Vergewaltigung, Steinigung, weibliche Genitalverstümmelung, Frauenmorde, neoliberale Politik, staatliche und gesellschaftliche patriarchale Männergewalt gegen Frauen gestärkt und besser vernetzt werden.

In der Abschlussresolution wurde beschlossen, gemeinsame Kampagnen zu organisieren, um Frauen zu schützen, die von der Todesstrafe bedroht sind. Durch internationale Öffentlichkeitskampagnen sollen diese Frauen unterstützt werden sowie ein gemeinsamer Kampf gegen Folter und Misshandlungen in Haft organisiert werden. Sexistische Gewalt gegen Frauen im öffentlichen und privaten Raum soll sichtbar gemacht und bekämpft werden. Solche Kampagnen sollen u. a. in Bezug auf den 25. November, den internationalen Kampftag gegen Gewalt an Frauen, durchgeführt werden.

Wird es eine 2. Konferenz geben? Wenn ja, wann und wo? Wenn nein, warum nicht?

Fast alle Delegierten sprachen sich dafür aus, eine 2. Frauenkonferenz des Mittleren Ostens durchzuführen. Denn eine einzige Konferenz reicht nicht aus, um konkrete Lösungen für die vielen Probleme von Frauen im Mittleren Osten zu erarbeiten. Die 1. Frauenkonferenz des Mittleren Ostens hatte eine sehr wichtige Mission, wobei es darum ging, die Probleme festzustellen und zu analysieren. Diese Mission wurde erfüllt. Um gezielte Vorhaben verwirklichen und unter den Frauen die Zusammenarbeit und den gemeinsamen Widerstand verstärken zu können, sollen ähnliche Konferenzen weiterhin organisiert werden.

Was war für dich das Schönste an der Konferenz?

Die an der Konferenz beteiligten Frauen besaßen alle eine Tradition und Geschichte des Aufstands. Viele haben für ihr Beharren auf Freiheit einen großen Preis bezahlen müssen. Deswegen war bei allen Frauen die Motivation zum Widerstand sowie ein Vertrauen in die Zukunft und in die Kraft von Frauen zu spüren. Das Vertrauen, die Überzeugung und das Selbstvertrauen als Frauen waren das Schönste an dieser Konferenz. Außerdem haben alle Frauen ihre eigene kulturelle, farbenfrohe Kleidung angezogen.

Was ist deine persönliche Meinung über die Zukunft von organisierten Frauenstrukturen? Was wünschst du dir für die Frauen weltweit?

Wie auch in der Abschlusserklärung erwähnt wurde, können wir als Frauen keine Befreiung erwarten, wenn wir uns nicht selbst organisieren und uns selbst vertrauen. Durch gemeinsamen, organisierten Widerstand können Frauen gegen Angriffe des patriarchalen und kapitalistischen Systems kämpfen und sich schützen. Aus dieser Perspektive ist es wichtig, dass weltweit alle organisierten Frauen versuchen, sich gegenseitig zu kennen und zu verstehen. Nur durch diese Empathie kann ein gemeinsamer Frauenwiderstand entstehen.

Ich wünsche mir eine Welt, in der sich alle Frauen von der Kategorisierung als „zweites Geschlecht“ befreien, ihre Kraft wahrnehmen, weiblich und unabhängig leben.

Interview: Mareen Heying

Münevver Azizoglu Bazan ist 36 Jahre alt und Vorsitzende von Ceni e. V. – Kurdisches Frauenbüro für Frieden. Sie hat in Hamburg Politik, Geschichte und Gender Studies studiert, ist verheiratet und hat eine Tochter. Wegen politischen Gründen war sie fünf Jahre in der Türkei im Gefängnis.