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Sommer 2/2020

„Den Nagel auf den Kopf getroffen“

Eure Zuschriften bestätigen, dass wir mit dem Themenschwerpunkt in der letzten Ausgabe richtig lagen:
Sonja Schmid aus München schreibt: „… Feminismus und Kapitalismuskritik zusammenzudenken.“ Mit diesem Satz habt Ihr den Nagel auf den Kopf getroffen. Vielen Dank für dieses Heft, es war hoch interessant und ich habe es mit viel Freude gelesen. So komplett habe ich wohl kaum ein Heft bisher gelesen. Für die nächsten Hefte, natürlich auch für Euch selbst, viel Erfolg!“

Auch Heike Friauf ist voll des Lobes: „Ein tolles Themenheft ist Euch da gelungen! Ich habe besonders genau Euer Editorial gelesen, weil ich mir diese Kritiklinien (zu feministisch, nicht feministisch genug, zu allgemein, zu unpolitisch, zu politisch …) genau vorstellen kann. Mir fehlt selbst öfter in Wir Frauen die politische Einbindung der einzelnen Themen in eine größere Zeitdiagnostik. Aber das macht nichts, denn die Vielfalt der Themen ist auch wichtig. Und mit diesem Heft und seinem Schwerpunkt habt Ihr den Zweiflerinnen gezeigt, was eine diagnostische Harke ist, danke! (…) Gender forsale: Sehr hilfreich auch die vielen Hinweise zum Weiterlesen. Rosa ist noch gar nicht so lange „Mädchenfarbe“. In dem Zusammenhang ist die Kampagne „Pinkstinks“ wichtig, die in Deutschland jetzt einen Ableger hat.“

Pinkstinks ist eine Kampagne gegen Produkte, Werbeinhalte und Marketingstrategien, die Mädchen eine limitierende Geschlechterrolle zuweisen. Diese „Pinkifizierung“ trifft Mädchen und Jungen gleichermaßen. Pinkstinks wirbt für ein kritisches Medienbewusstsein, Selbstachtung, positive Körperbilder und alternative weibliche Rollenbilder für Kinder. Aktuell mobilisiert die Kampagne für die Petition „Gegen sexuelle Verfügbarkeit in der Außenwerbung! Kinderschutz jetzt!“. Sie richtet sich gegen die Kriterien des Deutschen Werberats, der Beschwerden über sexistische Werbung stets mit dem Kommentar abwehrt, sie würde mit einem Augenzwinkern agieren, sie sei nur ironisch. Doch Kinder verstehen Ironie frühestens ab dem Schulalter, sexistische Geschlechterstereotype in der Werbung treffen sie somit tagtäglich unvermittelt und direkt, siehe www.petition-werberat.de. Und auch viele Erwachsene haben es satt, dummen Sexismus immer noch und derzeit wieder als „witzig“ oder „gar nicht so gemeint“ durchgehen zu lassen.

Diesmal wollen wir das Thema Utopie vertiefen. Hierzu fragt Melanie Stitz, wie ein von direkter Demokratie durchdrungener Alltag aussähe und eine Welt, in der soziale Beziehungen, gegenseitige Sorge und andere lebensentwickelnde Tätigkeiten ganz oben auf der Agenda stehen.

Florence Hervé hat sich mit der Lebensgeschichte von Flora Tristan befasst. Die Schriftstellerin tritt fünf Jahre vor dem Kommunistischen Manifest für eine eigenständige Organisation aller ArbeiterInnen aus allen Nationen ein – eine wahrlich utopische Idee für diese Zeit. In den vergangenen 200 Jahren haben sich immer wieder Feministinnen für lebenswerte Arbeitsbedingungen von Prostituierten, heute: Sexarbeiter_innen, eingesetzt. Mareen Heying hat eine Fachtagung hierzu besucht und ist mit einer visionären Geschichte zurückgekommen.

Auch die Utopie einer Welt ohne Gewalt hat Frauen immer wieder und überall geeint. Am 14. Februar hat es die V-Day-Bewegung geschafft, weltweit Menschen gemeinsam gegen Gewalt tanzen zu lassen. Redakteurinnen der Wir Frauen waren in Düsseldorf und Duisburg dabei, wir dokumentieren ein erstes Fazit von Maria Braig, Ansprechpartnerin für die One-Billion-Aktionen in Deutschland. Wie die Vision einer Hochschule mit mehr Beteiligung und Gerechtigkeit aussehen könnte, beschreiben drei Insiderinnen auf den Seiten der „Feministischen Wahrheit“.

Infos zum Schwerpunkt

Klassiker

„Politische Utopien von Frauen. Von Christine de Pizan bis Karin Boye“
von Bettina Roß, edition ebersbach 1998.

Umfassend und einführend ist das Stichwort Utopien von Renate Wurms in „Das Weiberlexikon“ und das Kleine Lexikon zur Utopie im Wir Frauen-Kalender 2000

Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis, Themenheft „Utopie“ von 1995.

Marge Piercy: Frau am Abgrund der Zeit. Argument Verlag 2000
Der Roman aus den 1970er Jahren, der dringlich einer Neuauflage harrt, erzählt von Connie, einer Migrantin aus Puerto Rico in den USA der 1970er Jahre, die unerträglichen Schikanen und Missständen ausgesetzt ist. Ausgebeutet, misshandelt, geschlagen, von Behörden drangsaliert, kriminalisiert, ihre Tochter wird ihr genommen, landet sie wiederholt in der Psychiatrie. Da nimmt Lucien-te aus der Zukunft Kontakt mit ihr auf und ermöglicht ihr zeitweise die Flucht in ihre Welt. Mitunter fällt es Connie dort schwer, „Männer“ und „Frauen“ zu unterscheiden, denn die Frauen bewegen sich so selbstverständlich und sicher, wie Connie es nur von Männern gewöhnt ist. Auch sprachlich wird zwischen Männern und Frauen nicht unterschieden, „per“ hat „sie“ oder „ihn“ ersetzt. Freiheit und Eigensinn werden hoch geachtet. Zwar lebt das Gemeinwesen der Zukunft von der Mitarbeit aller, zugleich aber gilt „Per kann nicht tun, was per nicht tun kann!“. In langen Diskussionsprozessen vereinbart die zukünftige Gemeinschaft sich darauf, was und wie produziert wird und erforscht wird, welche Bedürfnisse gestillt werden müssen und können. Da man nicht in der Lage ist, täglichen Kaffeekonsum ökologisch verantwortbar sicherzustellen, geniest „per“ ihn nur zweimal die Woche. So ergänzen sich Reichtum für alle und verantwortlicher „Verzicht“. Unterliegt eine Partei in einer Auseinandersetzung (z. B. um die Nutzung von Gentechnologie, neuen Bauvorhaben usw.), richten die „Gewinner_innen“ ein großes Fest für sie aus. Es gibt Konflikte, Widersprüche und auch Krieg. Lieben, Lernen, sich entwickeln, Kunstmachen, Feiern, Arbeiten, Verhandeln, Kinderbekommen und Aufziehen … in Piercys Roman wird alles radikal neu gedacht. Der Roman macht Lust, ihn mit Freundinnen zu diskutieren.

Gisela Notz: Theorien alternativen Wirtschaftens. Fenster in eine andere Welt, Schmetterling Verlag 2012
Praktisch, handlich, gut: Das Buch bietet einen fundierten Überblick über eine Vielzahl von Ansätzen alternativen Wirtschaftens, skizziert die Theorie, ihre praktische Umsetzung und deren Akteur_innen. Erwähnung finden u. a. Frühsozialist_innen, Genossenschaften und Kommunen, Tauschen, Schenken und sich selbst versorgen. Im Kapitel zu den feministischen Ansätzen geht Gisela Notz ausführlich ein auf Subsistenzwirtschaft, Wirtschaften für das „gemeine Eigene“ und Ökosozialismus sowie auf Dualwirtschaft und Eigenarbeit.

Michael Kaufman und Michael Kimmel: The Guy’s Guide to Feminism. Seal Pr-Feminist Verlag Berkeley 2011
Die Autoren wollen veranschaulichen, warum Feminismus auch für Männer von Nutzen ist: „one of the things, we want to show is that in spite of all the garbige jokes an media stereotypes, feminism is also an amazing gift to us guys“. In Form von Cartoons, Dialogen und Statements widmen sich die beiden Autoren von A bis Z Begriffen rund um Feminismus und Geschlechterverhältnisse und beziehen eine profeministische Stellung. So profitieren beispielsweise Männer davon, mehr Hausarbeit zu übernehmen, da dies der Harmonie in der Partnerschaft zugute kommt. Es werden aber auch Mythen, wie zum Beispiel zu biologistisch begründeten Geschlechterunterschieden, ausgeräumt. Trotz der fast durchgängig heteronormativen Perspektive eine unverzichtbare Einstiegslektüre für feministische Männer oder die, die es werden wollen.