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Herbst 3/2019

Das Wort zurück erobern! 30 Jahre widerständige Medienarbeit in Costa Rica

von Liliana León und Mette Gutjahr, Asociación Voces Nuestras

(aus WIR FRAUEN Heft 3/2019, Schwerpunkt: Zwischen Ost und West)

Costa Rica wird als grünes naturbelassenes Land mit nachhaltigem Tourismus und politischer Stabilität wahrgenommen. Zugleich ist Costa Rica ein Land mit hoher sozialer Ungleichheit und territorialen Konflikten: Trotz des „Ley Indígena“ von 1977, gibt es weiterhin Besetzer, die in den indigenen Territorien leben. Insbesondere indigene Frauen nehmen eine prominente Position bei den „Landrückeroberungen“ und im Kampf gegen staatliches Land-Grabbing ein. Gerade jetzt braucht Costa Rica starke Frauen, denn das Land befindet sich an einem Wendepunkt. Menschenrechtsverachtende evangelikale Politiker_innen gewinnen an Popularität. Insbesondere die Rechte von Frauen und anderen marginalisierten und diskriminierten Gruppen, wie der LGBTIQ+-Community, sind bedroht. Die erneute Legalisierung von Schleppnetzfischerei, eine neue Saatgutgesetzgebung, die einheimische Sorten bedroht, und die zunehmende Expansion von Monokulturen, allen voran der Ananas, gefährden die aktuelle Nachhaltigkeitsstrategie. Insbesondere bei den Monokulturen geht es nicht nur um die Folgen für die Umwelt, sondern auch um die Stärkung eines postkolonialen kapitalistischen Wirtschaftssystems. Aber die Costa Ricaner_innen geben nicht auf, eine Vielzahl von NGOs, Bürger_innenbewegungen und Aktivist_innen kämpfen für mehr Rechte, die Umwelt und eine gerechtere Gesellschaft.

Voces Nuestras ist eine der ältesten NGOs Costa Ricas und seit den 80er Jahren tätig. Der Name von Voces Nuestras (Alle unsere Stimmen) beruht auf der Überzeugung der Gründerinnen, dass alle Stimmen einen Platz in den Medien und Gehör verdienen.

Ausschlaggebend für die Gründung war die fehlende Repräsentation der Frauen im Radio. Die Gründerinnen hatten die einzige Radiosendung von Frauen im ganzen Land. Als diese aus dem Programm genommen wurde, beschlossen sie eine NGO zu gründen, die eine Alternative zu den traditionellen und kirchlichen Medien und ihren diskriminierenden Strukturen darstellt. Sie begannen, Frauen aus Costa Rica, Panama und Honduras in journalistischen und technischen Fertigkeiten aus- und fortzubilden. Einige der sich daraus entwickelnden Radioprogramme bestehen noch heute. Auch heutzutage bleibt die fehlende Repräsentation von bestimmten Gesellschaftsgruppen in den Medien ein Problem. Dies liegt u.a. daran, dass in Costa Rica freie Radios verboten sind, was die Gründung alternativer Kommunikationsräume erschwert.

In den letzten 30 Jahren ist es Voces Nuestras gelungen, feministische Radios und alternative Kommunikationsmedien in Mesoamerika zu inspirieren. Damit wurden Räume der Kommunikation und Teilhabe für Personen geschaffen, die in den traditionellen Medien keinen Platz hatten.

Die Arbeit von Voces Nuestras zielt darauf ab, Bewusstsein für die Bedeutung von Kommunikation in der Rückeroberung und der Verteidigung der drei Territorien Körper, Luft und Boden zu schaffen. Das Territorium Luft bezieht sich auf das Recht auf Kommunikation und politische Teilhabe, das Territorium Boden bezieht sich auf das Recht auf Land (bei den Indígenas) und den Schutz der Umwelt. Am wichtigsten für die Arbeit ist das Territorium Körper. Hierbei geht es um die Eroberung der Entscheidungsgewalt der Frauen über ihr Territorium Körper.

Von Anbeginn an produziert Voces Nuestras feministische “Radionovelas” und “Dramatizados” (Lateinamerikanische Abwandlungen von Hörspielen). Die wöchentlichen Radioprogramme “Informativo Mesoamericano” (Zentralamerika & Mexiko) und “La Cabuya” (Costa Rica) informieren über zivilgesellschaftliches Engagement, NGOs und Aktivismus. Seit Kurzem gibt es ein eigenes Online-Radio. Als Mitglied des “Observatorio de Género y Comunicación para Centroamérica” bildet Voces Nuestras Journalist_innen im genderbewussten Schreiben aus und kontrolliert andere Medien, um die mediale Gewalt gegen Frauen zu minimieren und für das Thema Gender zu sensibilisieren. So macht Voces Nuestras problematische Nachrichten (z.B. über Facebook) publik und weist das Medium auf diskriminierende Ausdrucksweisen oder Formatehin. Unter anderem geht es um sexistischen Sprachgebrauch, patriarchale und machistische Gesellschaftsbilder und Werte, das Verantwortlichmachen von Frauen für sexuelle Übergriffe. Auch das regelmäßige Fehlen von weiblichen Perspektiven und Stimmen sowie das Weglassen der Rolle und Verdienste der Frauen bei erfolgreichen Protesten und gesellschaftlichem Engagement sind Formen medialer Gewalt.

Seit fünf Jahren unterstützt Voces Nuestras mit dem Projekt “Radio móvil” NGOs und Aktivist_innen beim Aufbau eigener alternativer Kommunikationsmedien. (Online-)Radios erfreuen sich großer Beliebtheit, da das Parlament ein “Anti-Streik”-Gesetz debattiert, welches Protest kriminalisieren würde. Infolgedessen müssen NGOs, Bewegungen und die Zivilgesellschaft neue Plattformen finden, um gegen die Regierung und deren neoliberale Politik protestieren zu können. Voces Nuestras unterstützt NGOs und Bewegungen auch in der Durchführung von Kampagnen, wie z.B. “Métele un gol al machismo” (Setzt dem Machismus ein Ende).

Seit der Gründung arbeitet Voces Nuestras eng mit Frauenkollektiven und -bewegungen zusammen. Der Feminismus in Costa Rica fokussiert sich auf die aktive Verteidigung des Territoriums Körper, theoretisch-ideologischer Feminismus spielt eine untergeordnete Rolle. Aktuell steht das Thema Abtreibung im Mittelpunkt, da selbst medizinisch notwendige Abtreibungen, trotz entsprechender Gesetzgebung, nicht durchgeführt werden. Deshalb baut Voces Nuestras mit der “Colectiva Caminando” das Radio “Calles y Cuerpos” auf, das über das Selbstbestimmungsrecht der Frau, reproduktive Rechte, Gender und Femizide informiert. Strukturelle genderbezogene Gewalt und Diskriminierung sind Folgen einer Gesetzgebung, die Frauen nur wenig Rechte gibt. Die wenigen Gesetze, die Frauen schützen, werden jedoch kaum durchgesetzt, und Frauen, insbesondere im ländlichen Raum, werden nicht über ihre Rechte aufgeklärt.

Voces Nuestras arbeitet mit Frauen an der Rückeroberung des Wortes. Dies bedeutet, dass Frauen lernen, sich mit ihrem eigenen Körper, Worten und Kunst gegen das Patriarchat zu wehren. Auch die Wiedereinnahme von gesellschaftlichen Räumen und die emanzipierte Teilhabe am öffentlichen und politischen Leben sind zentral für die Verteidigung von und den Kampf für Frauenrechte.

Das neue Projekt, die “Casa Voces de las memorias y las culturas” (Haus der Stimmen der Erinnerung und der Kulturen) zielt darauf ab, eine neue Geschichtskultur zu etablieren. Bewegungen erarbeiten dazu die eigene Geschichte, die im Kontrast zur offiziellen Geschichte der politischen und wirtschaftlichen Elite steht. In der “Casa” werden die alternativen Geschichten präsentiert. Unsere Hoffnung ist, dass die alternativen Geschichten die Zivilbevölkerung zum Hinterfragen der politischen und wirtschaftlichen Machtverhältnisse anregen. Die erste Ausstellung wird die Geschichte der Rechte und Bewegungen der Frauen in Zentralamerika thematisieren. Weitere Ausstellungen über die Geschichte von Rechten und Bewegungen von Afroamerikaner_innen, Migrant_innen, Indigenen und der LGBTIQ+ Community sollen folgen.

Anlässlich des 30-jährigen Bestehens freut sich Voces Nuestras auf viele weitere Jahre der Zusammenarbeit mit NGOs, Bewegungen und Aktivist_innen. Der tägliche Austausch und die Zusammenarbeit mit starken Frauen ist eine große Inspiration und gibt uns die nötige Kraft, weiterhin gemeinsam für Frauen-, Menschen-, Kommunikations- und Umweltrechte zu kämpfen. Wir wünschen allen Bewegungen, Organisationen und Aktivist_innen für Frauenrechte in Deutschland ebenso viel Kraft und Freude bei ihrem Engagement.