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Winter 4/2022

„Das Recht zu leben, wo man will“

(aus WIR FRAUEN Heft 4/2022)

Gabriele Bischoff sprach für Wir Frauen mit Sarah von Women in Exile & Friends (W.i.E&F) darüber, warum es für geflüchtete Menschen so schwierig ist, in Deutschland heimisch zu werden. Sarah kommt aus Kenia und ist eine Asylbewerberin in Deutschland. Sie sagt über sich: „Ich bin jetzt 4,5 Jahre in Deutschland. Ich habe von W.i.E&F durch einen Sozialarbeiter in Henningsdorf erfahren, als ich in Dublin abgeschoben werden sollte. Das war vor 3 Jahren und seitdem bin ich Mitglied. W.i.E&F hat mir meine Stimme durch Empowerment zurückgegeben. Durch die Gruppe bin ich in der Lage, nicht nur für meine Rechte zu kämpfen, sondern auch für die anderer Flüchtlingsfrauen.“

WF: Was muss passieren, damit Frauen – trotz Flüchtlingslager und den damit verbundenen Einschränkungen – schneller in Deutschland heimisch werden können?
Sarah: Die Frage sollte nicht ‚trotz Flüchtlingslager‘ lauten, sondern stattdessen gerade die Integrationsschwierigkeiten beleuchten, die durch das Leben in diesen isolierten Flüchtlingslagern herbeigeführt werden. Genderspezifische Gewalt, Depressionen und Angst vor Abschiebungen helfen dir nicht wirklich dabei, dich einzuleben, und beim Versuch, dich an einem Ort zu integrieren, wo du dich unerwünscht fühlst. Die gemachten Gesetze bestimmen unseren Lebensweg, z.B. das gerade verlängerte Gesetz, das besagt, dass Asylsuchende bis zu 18 Monate – das heißt oft zwei Jahre – in den Erstaufnahmeeinrichtungen leben können. Zwei Jahre Leben in Ungewissheit und Angst.

Wir sollten auch beachten, dass es in diesen Lagern im Grunde keine Gemeinschaft gibt, weil sie sich in isolierten Gegenden befinden. Dazu kommt die von der ortsansässigen Gemeinschaft ausgehende Gewalt, wenn Asylsuchende in die Ortschaften gehen. Rassistische Angriffe, die meistens gewaltsam werden. Bedauerlicherweise mussten wir erleben, dass diese bis zum Tod führen. Leider haben wir auf diese gewaltsame Weise unsere Schwester Rita verloren und bis heute hat die Polizei ihre Ermittlungsarbeit nicht vorangetrieben. Wir kämpfen weiter für Gerechtigkeit und werden dies so lange tun, bis wir sie erreicht haben.

Darüber hinaus gibt es eine Unterteilung von Asylsuchenden durch die Regierung, wie sie etwa in Gesetzen deutlich wird, die besagen, dass Asylsuchende aus bestimmten Ländern das Recht auf den Zugang zu Leistungen haben, die die Integration erleichtern, wie z.B. Sprachschulen und angemessene Unterbringung. Das haben wir kürzlich in Bezug auf Flüchtende aus der Ukraine deutlich gesehen. Wir stehen der Ukraine 100 Prozent zur Seite, doch was wir fordern, ist die Gleichberechtigung aller.

Was verhindert eine schnelle Migration?
Die beschlossenen Gesetze spielen eine große Rolle bei der Verhinderung von Migration genauso wie die Behörden, die mit der Ausführung dieser unsinnigen Gesetze beauftragt sind und diese auch besonders gewalttätig durchsetzen. Die Festung Europa, die nun Wirklichkeit geworden ist, wo Migrant_innen – besonders aus dem globalen Süden – die Einreise nach Europa verwehrt wird. Im Mittelmeer sterben Tausende von Menschen. Die Errichtung von Zäunen, die unrechtmäßigen Inhaftierungen von Migrant_innen, die es gewagt haben, Europa zu betreten, und die regelmäßig stattfindenden Massenabschiebungen senden die eindeutige Botschaft, dass Europa, und in diesem Fall insbesondere Deutschland, Flüchtende und Migrant_innen nicht willkommen heißt.

Bleibt das Land, aus dem sie geflohen sind, für sie Heimat? Oder empfinden sie Deutschland oder den Landstrich, in dem sie wohnen, als Heimat?
Zunächst müssen wir verstehen, wovor eine Person flieht, z.B. Krieg, kulturelle Praktiken, die zu Gewalt gegen Frauen*körper führen, wie etwa FGM (weibliche Genitalverstümmelung), oder aufgrund der Sexualität. In solchen Fällen kannst du nicht in deine Heimat zurückkehren, da die Bedrohung weiterbesteht, und damit ist dein Herkunftsland auch nicht mehr deine Heimat. In Hinblick auf Deutschland als Heimat: ja und nein. Denn du versuchst hier zwar ein Leben aufzubauen, doch du erfährst dabei Hindernisse an jeder Ecke, wie etwa Rassismus, Angst vor Abschiebungen und einen unsicherem Asylprozess. Das Leben in den Lagern spielt auch eine große Rolle dabei, wie du Deutschland wahrnehmen kannst. Im Wesentlichen dienen Lager auch als Abschiebezentren.
Außerdem spielt die Dauer des Aufenthaltes in den Erstaufnahmeeinrichtungen eine bedeutende Rolle dabei, wie du es hier wahrnimmst. Wenn ich in einem Lager lebe, dann ist das zweifellos nicht meine Heimat.
Außerdem ist es wichtig festzuhalten: Wenn du dich hier nicht zu Hause fühlst, heißt das nicht, dass du es in deinem Herkunftsland tust. Noch einmal: Wir alle haben Gründe für unsere Flucht und diese Gründe sind für uns sehr valide!

Wie schnell muss die Residenzpflicht aufgehoben werden, wie schnell braucht es eine Arbeitserlaubnis und eine Perspektive, hier bleiben zu können, damit geflüchtete Frauen hier heimisch werden?
Die Residenzpflicht sollte gar nicht erst existieren. Gleiches gilt für die Arbeitserlaubnis: Jede_r hat Ziele und einen Traum. Die Verweigerung des Rechts auf Arbeit beschneidet diesen Traum unmittelbar und lässt dich in einem Ohnmachtszustand zurück (aufgrund der fehlenden Möglichkeit den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten, ohne auf externe Quellen, wie die Sozialhilfe des Staates, angewiesen zu sein). Jede Hilfe sollte dazu da sein, die Eigenständigkeit zu verwirklichen. All die Gesetze, die diese Rechte verweigern, werden zuerst im Parlament ausgehandelt, wo sie Obergrenzen dafür festlegen, wer diese Rechte erhält und wer nicht, wodurch dann marginalisierte Communities innerhalb einer marginalisierten Community entstehen.

Gibt es Unterschiede zwischen Frauen, die schon in ihrer Heimat politisch engagiert waren, und Frauen, die „einfach nur überleben“ wollen?
Ja und nein. Diejenigen, die bereits politisch engagiert waren, sind hier schnell in der Lage, Communities zu finden, die für ihre Rechte kämpfen, und sich zu organisieren. Diejenigen, die überleben wollen, machen viele Erfahrungen, in denen ihre Rechte verweigert werden und sie nicht wissen, wie sie sich für ihre Rechte einsetzen können. Es ist wichtig festzustellen, dass beide Gruppen die Verweigerung von Rechten alltäglich erfahren.
Das ist der Grund, warum Women in Exile & Friends es sich zur Aufgabe macht, die Lager zu besuchen, um Frauen zu unseren Treffen einzuladen. Hier finden sie einen geschützten Raum, in dem sie frei über ihre Probleme und Frustrationen reden können. Sie können ihre Stimme wiederfinden, indem sie an Workshops wie etwa zum Empowerment teilnehmen, bei denen wir die Peer-Education Methode verwenden. Wir veranstalten auch Bildungsworkshops, wie z.B. zum Thema Recht und Gesundheit, die darauf abzielen, die Frauen über ihre Menschenrechte aufzuklären und sie mit solidarischen Fachleuten zusammenzubringen. Denn diejenigen, die mit Wissen ausgestattet sind, sind mächtig und erheben ihre Stimme, wenn sie fühlen, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Welche (Menschen-)Rechte müssen schneller gewährt werden? Wie wichtig sind Bürger*innen-Rechte?
Das Recht zu leben, wo man will, weil die isolierten Lager die Mutter allen Übels sind: von geschlechtsspezifischer Gewalt bis zu Depressionen, die bedauerlicherweise zu Suiziden führen, und rassistischen Angriffen, die in den isolierten Lagern ungemeldet und ungelöst bleiben. Tod der eigenen Hoffnungen und Träume. Leben in Angst vor Gewalt und Abschiebung. ABOLISH ALL LAGERS. Recht auf Arbeit! Recht zu studieren! Recht zu wählen! Die Gesellschaft wählt die Menschen, die über den Verlauf unseres Lebens entscheiden, und wir sollten auch ein Mitspracherecht haben, wer diese Sitze bekommt.

© Women in Exile 2021

Women in Exile‘ ist eine Initiative von Flüchtlingsfrauen, die sich 2002 in Brandenburg zusammengefunden haben, um für ihre Rechte zu kämpfen. Sie organisieren sich als Flüchtlingsfrauengruppe, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass Flüchtlingsfrauen doppelt Opfer von Diskriminierung sind: Sie werden als Asylbewerberinnen* durch rassistische Gesetze ausgegrenzt und als Frauen* diskriminiert. Der Kampf dagegen wird von geschlechtergemischten Flüchtlingsselbstorganisationen ihrer Erfahrung nach wenig mitgetragen, da diese häufig von Männern dominiert sind, die andere Themen als wichtiger ansehen.
www.women-in-exile.net