Das Internationale Frauenfriedensarchiv Fasia Jansen
Frieden in feministisch
von Anne Niezgodka, Archiv für alternatives Schrifttum
(aus: WIR FRAUEN – Das feministische Blatt Ausgabe 2/2026)
Das Internationalen Frauenfriedensarchiv (IFFA) wurde 1989 von Ellen Diederich, Fasia Jansen und weiteren Frauen in Oberhausen gegründet, um die Friedensarbeit von Frauen überall auf der Welt zu dokumentieren. Nach ihrem Tod 1997 wurde der Name des Archivs um Fasia Jansen ergänzt.
Wir im Archiv für alternatives Schrifttum (afas) haben das IFFA übernommen und erschließen es derzeit. Wir haben die Ehre, das dort versammelte subversive Wissen archivieren und für Wissenschaftler*innen, Künstler*innen und alle anderen Interessierten bereitstellen zu dürfen.1
Das rund 600 Aktenordner, hunderte Fotos und Dias, Plakate, Audios und Textilien umfassende IFFA erzählt von Kämpfen um globale Gerechtigkeit wie von regionalem Engagement.
Organisatorische Unterlagen, mannigfaltiger Korrespondenzen, Protokolle und Manuskripten ermöglichen eine Innenschau. Zudem umfasst das Archiv einen dokumentarischen Teil, in dem thematisch zugeordnete Flugblätter, Presseartikel und sonstige Schriftstücke über feministische und pazifistische Themen versammelt sind.
Ellen Diederich beschrieb ihre Prioritäten:
„Meistens ist es so, daß wir gar keine Zeit haben, Archivarbeit zu machen, weil immer wieder neue Kriege anfangen, wie zum Beispiel der im ehemaligen Jugoslawien. Dann ist anderes gefordert, als zu archivieren.“
Diederichs und Jansens Politikverständnis lässt sich auch an Aufbau und Inhalt des IFFA ablesen: Sie mischten sich zeitlebens ein, übten ganz praktische Solidarität, arbeiteten immer an der Basis. Dabei scheuten sie die kritische Auseinandersetzung in den eigenen Reihen nicht.
So geht es in zahlreichen Ordnern um den „Frauenfriedenszug“, der 1995 in Helsinki startete, um rund 22 Tage und 14 Grenzübergänge später in Peking zur Weltfrauenkonferenz der Vereinten Nationen anzukommen. Der Zug passierte – nur wenige Jahre nach Zusammenbruch der Sowjetunion – auch Länder mit, wie es damals umschrieben wurde, „Übergangsgesellschaften“.
Diederich nahm an der Reise teil, in einer Hoffnung, die sich aus den Erfahrungen während der Weltfrauenkonferenz in Nairobi 1985 speiste: Genau wie bei den Diskussionen im dortigen Frauenfriedenszelt wollte sie erneut Feindbilder und Missverständnisse abbauen, mit Frauen2 in den jeweiligen Ländern in Kontakt kommen und von ihnen lernen. Schon in den ersten Tagen wurde Diederich klar, dass die mitreisenden Frauen alles andere als divers waren.
Die Reise wurde von der Women’s International League for Peace and Freedom (WILPF) organisiert, einer 1915 gegründeten bürgerlichen Frauenfriedensorganisation. Die Zugfahrt schlug mit 3.500 DM zu Buche, hinzu kamen u.a. Kosten für Hin- und Rückflüge. Kurz vor Abfahrt wurde den Frauen mitgeteilt, dass sie zusätzlich 340 Dollar für Transfer und Essen zahlen müssen:
„Für eine ganze Reihe von Frauen ist das eine Katastrophe. Sie haben die teure Zugfahrt mühselig zusammenbekommen und sehr knapp kalkuliert (…). So entsteht von Anfang an fast ein ,Mehrklassensystem‘ im Zug. Die Frauen, die sich alles leisten können, diejenigen, die sich nicht alle Essen leisten können und die Frauen, die im Zug arbeiten (…). Für mich ein Unding in einem Frauenfriedenszug.“
Zudem schätzte Diederich, dass etwa 90% der teilnehmenden Frauen weiß waren, aus den USA, Kanada oder Westeuropa und nur einzelne aus den durchfahrenen Ländern kamen. Von anderen Kontinenten waren nur eine Sudanesin und drei Südamerikanerinnen an Bord.
Die Frauen waren in 16 Zugwagen à 40 Personen untergebracht. Hierneben gab es zwei leere Waggons, die als Räume für Arbeitsgruppen und Treffen dienten, in denen es allerdings so laut war, dass die Frauen sich oft schreiend verständigen mussten.
Ellen Diederich war empört über die hierarchische Struktur, die von der WILPF vorgegeben wurde: Es gab kaum Möglichkeiten, sich einzubringen oder gemeinsame Strategien gegen die Ungleichheiten zu entwickeln. Beispielsweise wurden Vorschläge, den unterschiedlichen finanziellen Möglichkeiten Rechnung zu tragen und die Verpflegung umzuorganisieren, von der WILPF abgewehrt.
Auch am Programm ließ Diederich kein gutes Haar: Die WILPF hatte in St. Petersburg, Kiew, Bukarest, Sofia, Odessa, Alma Ata oder den anderen Stationen vor allem Treffen mit Regierungsorganisationen und offiziellen Vertreter*innen organisiert – wohingegen Diederich wie viele andere die Reise angetreten hatte, um auf Grassroots-Ebene Menschen zu treffen und von den alltäglichen Problemen der Frauen zu erfahren. Diederich blieb den Veranstaltungen daher meist fern und erkundete auf eigene Faust die Städte, um ein ungeschöntes Bild vom Leben der Frauen einzuholen und Gespräche mit ihnen führen zu können.
Trotz vieler gelungener Kontakte und lehrreicher Erlebnisse resümierte Diederich nach der Reise:
„Wir haben es nicht geschafft, in diesem Zug Gleichberechtigung herzustellen (…). Wir fuhren nach Beijing, wo wir einklagen wollten, daß Frauen an Entscheidungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen beteiligt sein müssen. In diesem Zug jedoch war das nicht der Fall (…).“
Fasia Jansen und Ellen Diederich haben ihre eigenen Reisen völlig anders gestaltet. Sie fuhren in den 1980er und 1990er Jahren mit ihrem „Frauenfriedensbus“ monatelang und insgesamt rund 250.000 km durch Europa, um Frauen und Initiativen zu treffen. Sie mitorganisierten die Kampagnen zur Unterstützung der Mütter der Verschwundenen aus El Salvador, der Women for a Meaningful Summit, der Fraueninitiative im Arbeitskampf bei Krupp-Rheinhausen, der Nachbarinnen in Not für Betroffene sexualisierter Gewalt während des Jugoslawien-Krieges und immer wieder Aktionen zur Abrüstung und gegen Atomwaffenversuche.

Im Frauenfriedenszug war Ellen Diederich ohne Fasia Jansen unterwegs. In einem Reisemanuskript beschreibt Diederich die Verabschiedung von Jansen am Flughafen: Im letzten Moment lief Jansen los und kaufte eine Polaroid-Kamera. Sie reichte sie Diederich:
„Hier, sagt sie, unterwegs wirst du Menschen treffen, die sich freuen, wenn du ein Foto machst und es ihnen schenken kannst. Ich weiß, wie traurig sie ist, so gerne würde sie diese Zugreise machen. Ihr so schmal gewordener Körper, durch Krankheit gezeichnet, würde dies nicht verkraften.“
Nur zwei Jahre später verstarb Fasia Jansen. Die Erinnerung an sie wird nicht nur im IFFA, sondern inzwischen auch in zahlreichen künstlerischen, wissenschaftlichen und politischen Projekten aufrechterhalten.
- Der Nachlass von Fasia Jansen wird im Fritz-Hüser-Institut in Dortmund verwahrt. Ein Bestandssplitter des IFFA wurde in der Queer*Feministischen Bibliothek und Archiv Lieselle an der Ruhr-Universität Bochum zugänglich gemacht. ↩︎
- Die Materialien des IFFA sind zum Großteil aus den 1980er und 1990er Jahren und sprechen von „Frauen“ (durchaus verstanden als politische Kategorie). „LGBTIQ*“ oder ähnliche Formulierungen, wie wir sie heute verwenden, werden daher in diesem Text nicht benutzt. ↩︎












