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Sommer 2/2020

Billig ist ungerecht

Der feministische Verein FEMNET e.V. setzt sich für eine sozialgerechte Bekleidungsindustrie ein – und sucht das Gespräch mit deutschen Modeschulen

Es ist Samstag. Die Sonne lacht, der Himmel ist blau. Endlich Wochenende! Endlich Zeit, mal wieder durch die Geschäfte zu bummeln und den Kleiderschrank aufzufüllen. Erste Station: H&M, na klar! Die Schlange vor den Kabinen ist lang. Egal, die Vielzahl an T-Shirt-, Rock- und Jeanskollektionen ist beispiellos, da wartet man gerne. Außerdem steht H&M synonym für besonders billig. Das Standard-T-Shirt, das das schwedische Modehaus in allen Farben dieser Welt für 4,95 Euro an die Frau und den Mann bringt, kostet – den Berechnungen des ZEIT-Redakteurs Wolfgang Uchatius zufolge – in der Produktion 1,35 Euro. Für diesen Preis bezahlt die Textilarbeiterin in Bangladesch. Ihr Lohn pro T-Shirt: 5 Cent, 42 Euro im Monat für Akkordarbeit bis zu 100 Stunden die Woche. Gewerkschaftlich oder betrieblich organisieren darf sie sich nicht – zumindest wird es nicht gerne gesehen. Die Produktion muss laufen, die Konkurrenz in China und Indien schläft nicht und das von den Auftraggeber/innen – meist europäischen oder amerikanischen Unternehmen – über den Preisdruck gesteuerte Produktionstempo erhöht sich stetig.

Um jene Textilarbeiterinnen, die hauptsächlich in der Türkei, in Osteuropa, Süd- und Ostasien Kleidungsstücke für global agierende Unternehmen und damit auch für Konsument/innen in Deutschland produzieren, dreht sich unter anderem die Arbeit von FEMNET e.V. Rund 20 Frauen, quer durch die Bundesrepublik verteilt, beleuchten seit 2007 die feministische Perspektive auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und setzen sich für soziale Rechte im internationalen Kontext ein. Weltweit sind in diesem Sektor mehrheitlich Frauen beschäftigt – teilweise bis zu 90 Prozent. Ihre Arbeitsbedingungen – ganz gleich, ob hierzulande bei KiK an der Kasse oder in Dhaka an der Nähmaschine – sind oftmals prekär: niedrige Löhne, unbezahlte Überstunden, keine Organisationsfreiheit, Diskriminierung am Arbeitsplatz, unsichere Beschäftigungsverhältnisse. FEMNET e.V. will Bewusstsein schaffen für die Missstände in der Bekleidungsindustrie, für die strukturellen Zusammenhänge, für den unreflektierten Konsum.

„Unser Verbraucherinformationsgesetz ist ein Skandal! Es vermittelt keine Informationen über die Arbeitsbedingungen, unter denen ein Produkt hergestellt wurde“, sagt Gisela Burckhardt, Vorstandssprecherin von FEMNET e.V. Wer sich informieren will, muss lange recherchieren, um die tatsächliche Herkunft eines Kleidungsstücks und den Produktionsprozess zu rekonstruieren. Aufträge werden an Sub-Sub-Sub-Unternehmen weitergegeben und die Namen der Betriebe geheim gehalten. Für ihre Arbeit nutzen die FEMNET-Frauen alle klassischen Instrumente der Öffentlichkeitsarbeit: Sie halten Vorträge, verteilen Flyer, beteiligen sich als Mitglied der deutschen Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) an bundesweiten Aktionen, informieren über ihre Internetseite.

Deutschland gilt als bedeutender Modestandort. Große Marken wie s.Oliver, Escada, Hugo Boss, Joop und Gary Weber haben ihren Sitz in der Bundesrepublik. Hier entstehen die Schnitte für die nächste Kollektion, hier entscheidet sich, welcher Zulieferbetrieb den Zuschlag für die Produktion bekommt. An rund 100 modebezogenen Bildungseinrichtungen studieren bundesweit tausende junge Menschen Modedesign, Bekleidungstechnik oder Textilmanagement. Und weil die Lernenden von heute die Modemacher/innen von morgen sind, gilt es, sie über die globale Produktionskette zu informieren und ihr Bewusstsein für ökologische und soziale Arbeitsbedingungen zu schärfen. Dies will FEMNET e.V. mit ihrem neuen Projekt „Fair Schnitt – studieren für eine sozialgerechte Modeindustrie“ erreichen. Gefördert von der Stiftung Umwelt und Entwicklung sucht die Projektverantwortliche Steffi Holz seit Juni das Gespräch mit modebezogenen Bildungseinrichtungen. Ziel ist es, das Thema „Soziale Verantwortung in der Modebranche“ zum Standardlehrstoff zu machen.

Anna Hoff