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Frühjahr 1/2019

Bildet Banden! Zur Notwendigkeit feministischer Kämpfe nach der „Silvesternacht“ und darüber hinaus

Von Isolde Aigner

Es ist der 11. Januar 2016, mittags. Ich stehe am Gleis, um in die S-Bahn zu steigen. Ein Typ steigt ein. Er stellt sich in mein Sichtfeld, schaut mich an und fasst sich an den Penis. Ich denke: „Ist das gerade wirklich passiert?“. Er macht weiter, stöhnt dabei. Ich überlege wegzugehen, aber dann müsste ich an ihm vorbei, weil das Zugteil hinter mir endet. Ich sage ihm, dass es jetzt reicht. Er lacht höhnisch. Er sagt mir, dass ich es doch geil fände und dass wir Frauen dieses Verhalten provozierten. Er sagt mir, dass ihm eh nichts passiere. Ich werde richtig laut und nehme ihn verbal auseinander. Niemand hilft, unterstützt mich. Schließlich steigt er aus. Niemand sagt etwas – ein Schweigen breitet sich aus, verbunden mit dem mir vermittelten Eindruck, dass ich gerade den sozialen Frieden gestört habe. Die „Silvestervorfälle“ in Köln, in denen hunderte Frauen sexuelle Gewalt erfuhren, liegen gerade mal 10 Tage zurück. Die Ereignisse haben mich sehr mitgenommen und aufgewühlt – sie tun es noch! Den Betroffenen möchte ich meine tiefste Solidarität aussprechen. Und mein Erlebnis in der S-Bahn muss ich mit der Silvester-Nacht zusammendenken. Denn es symbolisiert für mich, wie wertlos die aktuellen Debatten werden, wenn sie kaum Power für selbstermächtigende, feministische Kämpfe entfalten –  Kämpfe, um die hegemoniale Männlichkeit solidarisch und zivilcouragiert im öffentlichen Raum und überall zurückzudrängen.
Seit den „Silvestervorfällen“ gibt es in den öffentlichen Debatten eine massenhafte Instrumentalisierung von Frauenrechten auf körperliche und sexuelle Selbstbestimmung für die Abwehr von Geflüchteten (inkl. der Forderung nach einer Verschärfung des Asylrechts). Eigene Sexismen werden dabei nicht hinterfragt. Aber auch die Kritik am Sexualstrafrecht („ein Gesetzestext von Männern für Männer“ so Hagen Rether) wird jetzt endlich gehört. Auf Grundlage dieses Sexualstrafrechts werden zahlreiche sexuelle Übergriffe – die ich und viele, vermutlich alle Frauen und auch queere Menschen regelmäßig erfahren – strafrechtlich nicht verfolgt. Warum aber gibt es im Zusammenhang mit der Kritik kaum Protest gegen die damit verbundenen Verhältnisse, die männliche Macht(positionen) immer wieder absichern und strukturelle Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zementieren? Warum gibt es stattdessen unzählige Forderungen nach staatlicher Repression? Und wo ist das feministische, zugleich empowernde Moment? Die medienwirksame Kampagne Ausnahmslos!, die in kürzester Zeit 10.000 Menschen unterzeichneten, ist ein erster, ganz wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Aber wie geht es jetzt weiter? Wichtig ist z.B. eine differenzierte, rassismuskritische (Diskurs-)Analyse der Debatten um die „Silvestervorfälle“. Aber darauf werde ich hier nicht den Fokus legen. Diesen Text verstehe ich als Appell:

Bildet feministische Banden!

Lasst uns immer und immer wieder feministische Solidarität praktizieren, lasst uns einander wertschätzen und Vertrauen schenken, füreinander da sein und uns verbünden. Es gibt kaum etwas, was mich je so empowert hat, wie feministische Solidarität und Freund_innenschaft. Sie macht uns stark– sie ist wichtiger Ausgangspunkt feministischer Kämpfe.

Lasst uns gegenseitig unterstützen, schützen und helfen, wenn unser Recht auf körperliche und sexuelle Selbstbestimmung verletzt wird!

Lasst uns untereinander vernetzen, einander zuhören, Differenzen aushalten, diskutieren und solidarisch um Positionen streiten. Lasst uns dabei die eigenen blinden Flecken ausleuchten und reflektieren – ich selbst bin voll davon. Aber lasst uns endlich damit aufhören, uns zu spalten und gegeneinander ausspielen zu lassen! Lasst uns Positionen, die bisher wenig gehört werden (z.B. von geflüchteten Frauen, queeren Menschen, sozial benachteiligten Mädchen) zusammen stark machen, politische Forderungen entwickeln und protestieren. Lasst uns nicht im „Wissensfetisch baden“ (Kübra Gümüşay), aber unser Wissen teilen und es vernetzen, ohne es neoliberal zu verwerten: von Jurist_innen, Programmier_innen (für z.B. Apps mit Strategien gegen sexuelle Gewalt), Mechaniker_innen, Aktivist_innen, Blogger_innen, Care-Arbeiter_innen, Selbstverteidigungstrainer_innen, feministischen Theoretiker_innen und und und. Und lasst uns zusammen ein „Einmaleins“ offensiver und widerspenstiger (Alltags-)Strategien entwickeln und uns gegenseitig ermächtigen, um hegemoniale Männlichkeit leidenschaftlich und zivilcouragiert zu stören, zu durchbrechen! Lasst uns neue Aneignungsweisen entwickeln und erproben um den öffentlichen Raum mutig (zurück) zu erobern: ungehorsam, subversiv, irritierend, widerständig, wunderschön! Lasst uns dabei laut und lauter werden – überall!

Lasst uns unsere Kämpfe nicht der Politik von StellvertreterInnen oder weißen heterosexuellen Männern überlassen, die meinen zu wissen, was richtig für uns ist – oder uns mit Schutzgebärden kommen. Das sind unsere Kämpfe! Lasst uns diejenigen Männer als Verbündete mitnehmen, die hegemoniale Männlichkeit aufbrechen wollen, die dies auch glaubwürdig selber zu leben versuchen, die unsere feministischen Kämpfe unterstützen und bereit sind, uns zuzuhören.

Und lasst nicht zu, dass diese Kämpfe gegen Rassismuskritik ausgespielt werden – niemals! Lasst uns vielmehr diejenigen entlarven, die unsere feministischen Ideale instrumentalisieren oder verhöhnen – ob in Form von antifeministischen oder rassistischen Aufladungen oder Asylrechtverschärfungen.

Lasst uns für eine flächendeckende, kritische geschlechterpolitische Bildung gegen (Hetero-)Sexismus, Rape Culture und für Zivilcourage eintreten – eine politische Bildung, die Fragen nach Macht und Herrschaft miteinbezieht – ob in Kommune, Jugendarbeit, Schule: überall!

Lasst uns überall feministische (Diskussions-)Räume schaffen, gemeinsam feministische Utopien und Praxen entwickeln und zusammen ausprobieren – inklusive geschützter Räume, um uns über Erfahrungen der sexuellen Gewalt auszutauschen und ihre Mechanismen zu verstehen. Lasst uns strukturelle Macht- und Ausbeutungsverhältnisse mit- und körperliche und sexuelle Selbstbestimmung queer-feministisch weiterdenken. Lasst uns in diesen Räumen füreinander sorgen, lachen und tanzen. Gegen Ohnmacht, für Mut und eine unbändige Power, Liebe, Wertschätzung, Leidenschaft und Solidarität für die feministischen Kämpfe und füreinander!

Lasst uns diese Gedanken diskutieren, neu-, anders- und weiterdenken. Lasst uns den Text zusammen lebendig werden lassen.
Wenn nicht jetzt, wann dann?! Bildet Banden!

Ich danke den WIR FRAUEN und meinen feministischen Mitstreiter_innen und Freund_innen Şefik_a, Sandrix und Lydia. Ohne Euch alle wäre dieser Text so nicht möglich gewesen.



Infokasten:

Hegemoniale Männlichkeit beschreibt ein Dominanzmodell innerhalb von Machtbeziehungen, in denen sich der männliche Männertypus durchsetzt und die bestehende hierarchische Geschlechterordnung stabilisiert wird. Wie kein anderer Begriff verdeutlicht er für mich das, was wir mit unseren feministischen Kämpfen auf körperliche und sexuelle Selbstbestimmungstören und durchbrechen sollten.