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Frühjahr 1/2021

Beziehungsarbeit – der unsichtbare Klebstoff

von Pamela Strutz

(aus WIR FRAUEN Heft 4/2020, Schwerpunkt: Humor)

Das Geschenk besorgen, wenn das Kind zum Geburtstag eingeladen ist. Was muss mit in die Schultasche, wann ist es aufgebraucht, was muss besorgt werden, ist auch das Klassenkassen- und Kopiergeld rechtzeitig da? Ach ja, und Winterschuhe brauchen die Kinder auch, am besten schon im Oktober, sonst sind die schönen Modelle wieder vergriffen…. Man kann inzwischen viel lesen zur unsichtbaren und meist von Frauen ausgeübten Planungs-, Koordinierungs- und Organisationsarbeit vor allem im Kontext von Kindern und Familie.

Das erste Mal, dass ich bewusst mit dem Thema „Mental Load“, zu Deutsch „mentale Last“, konfrontiert wurde und es einen Namen bekam, war durch den Comic „You should’ve asked“ von Emma (Nein, nicht die Zeitschrift, sondern der Blog einer Zeichnerin: www.english.emmaclit.com/2017/05/20/you-shouldve-asked). Ich war erleichtert, dass ich mit meinem Gefühl offenbar nicht alleine bin, und fand auch eine Erklärung, warum mein Partner fest überzeugt ist, 50 Prozent zuhause beizutragen, obwohl ich das häufig ganz anders sehe. Der Comic endet damit, dass Emma sagt: „In a future comic, I’ll talk about emotional work, which also get heaped onto women”, übersetzt etwa: „In einem folgenden Comic werde ich über emotionale Arbeit sprechen, die auch überwiegend von Frauen geleistet wird.” Leider habe ich den angekündigten Comic noch nicht entdeckt.

Emmas Comic beginnt mit einer Situation, als sie zu einer Freundin eingeladen war. Während diese das gemeinsame Essen zubereitet und nebenher ihre zwei Kinder versorgte, sitzt der Partner mit Emma zu-sammen, sie unterhalten sich. Die Freundin wird abgelenkt durch die Bedürfnisse der Kinder, das Essen kocht über und läuft über den Herd bis auf den Boden. Die Reaktion des Partners: „Was hast du getan?“ – die Antwort der Freundin: „Was ich getan habe? ALLES, das habe ich getan!“ Daraufhin der Partner: „Du hättest mich doch fragen können, ich hätte dir geholfen.“ Anhand dieser Geschichte macht Emma deutlich, welche men-tale Last von Frauen als „Haushalts- bzw Familienmanagerinnen“ getragen wird. Sie stellt die Organisations- und Planungsprozesse anschaulich dar und ordnet sie in den Kontext der Geschlechterverhältnisse ein. Die Ungerechtigkeit und der Ärger, den ich selbst seit einer ganzen Zeit empfand, bekamen plötzlich einen Namen, und ich war froh, endlich auch mein eigenes Empfinden einordnen zu können.

Was ist eigentlich mit der Beziehungsarbeit in Paarbeziehungen? Emotionale Arbeit – genau diese wird im Zusammenhang mit Mental Load in vielen Artikeln total ausgespart. Ich lehne mich mal aus dem Fenster und behaupte, dass auch diese oft – nicht immer – und überwiegend von Frauen geleistet wird.

Als ich die Idee zu diesem Artikel hatte, habe ich Freundinnen in heterosexuellen Beziehungen gefragt, was ihr Partner für die gemeinsame Paarbeziehung tut. Die Antworten meiner Freundinnen waren ganz unterschiedlich. Eine hatte ihre gescheiterte Beziehung gerade hinter sich gebracht, bei der Mental Load ein großes Thema war. Eine andere stört die Alleinzuständigkeit, sie kann und will es aber nicht ändern, unter anderem, weil sie nicht raus kann aus ihrer Haut. Klassisch sozialisiert mit einer Mutter, die ausschließlich Hausfrau war, hat sie selber für sich den Anspruch übernommen, ausnahmslos für die Familie da zu sein, damit alle sich wohl fühlen, auch wenn sie dabei mal mehr, mal weniger auf der Strecke bleibt. Interessant waren aber auch die – teils vermeintlich – positiven Antworten. Eine schrieb, ihr Mann nähme „ihr die Kinder ab“ und „übernehme“ Aufgaben im Haushalt. Nur eine einzige schrieb mir: „Mein Partner sieht Arbeit und nimmt sie mir ab, er leiht mir immer sein Ohr und hört sich aufmerksam meine Sorgen an, er sorgt dafür, dass wir zusammen lachen können und schafft uns gemeinsame Entspannungsmomente.“ Dies war aus meiner Sicht die einzige Antwort, die zumindest teilweise etwas enthielt, worauf meine Frage eigentlich abzielte. Es überraschte und machte mich betroffen, dass Frauen die Übernahme von Haushaltsarbeiten als Beziehungsarbeit empfanden. Einige von uns haben offensichtlich so verinnerlicht, die Haushaltsmanagerinnen zu sein, dass wir es als „Arbeit für die Paarbeziehung“ empfinden, wenn un-sere Partner uns etwas in diesem Zusammenhang ganz oder teilweise, regelmäßig oder ab und an „abnehmen“. Puh. Da musste ich erstmal tief durchatmen.

Eine Freundin berichtete mir, wie getrieben sie sich fühle, etwas Positives zur Paarbeziehung beizutragen: Gespräche zu initiieren, gemeinsame Aktivitäten vorzuschlagen oder auch Probleme anzugehen, wenn es gerade nicht gut lief. Der Partner reagierte oft mit Abwehr, sei genervt. Wenn Probleme auftraten, schwieg er, zog sich mehr und mehr zurück. So lange, bis sie wieder das Gespräch suchte, weil sie es nicht mehr aushielt, worauf er erneut genervt reagierte. Ein Teufelskreis. Sie entschied sich an einem Punkt, diese Arbeit einfach nicht mehr zu leisten. Es entstand eine Lücke, die zunächst schwer auszuhalten war. Denn niemand übernahm nun die Beziehungsarbeit. Sie blieb liegen. Wie das dreckige Geschirr, wenn sie nicht spült, oder die Legosteine auf dem Boden, die nach einer Woche noch an Ort und Stelle liegen, wenn sie nicht aufräumt. Wie die Geschichte weitergeht, bleibt offen, aktuell, sagt sie, sei es eben ein freundschaftliches Umgehen im Alltag.

Ich frage mich, warum Männer nicht in diese freie Lücke springen? Ich finde, wir sollten nicht nur erwarten, dass die heterosexuellen Männer Aufgaben im Haushalt und im Rahmen von Mental Load sehen und selbstverständlich übernehmen. Wir sollten dies auch für unsere Paarbeziehungen einfordern, uns nicht mit Weniger zufriedengeben. Insbesondere meine ich: sich zu öffnen, Schwäche und Fehler einzugestehen, Empathie für die Partnerin aufzubringen und sich einfühlen wollen, Selbstreflexion, am anderen Wachsen, liebevoll mit Fehlern umgehen, verzeihen, vergeben. Das ist aber schwierig, weil viele Männer, durch das Patriarchat geprägt, Gefühle nur schwer artikulieren können. Probleme, Konflikte und Gefühle werden zunächst und vor allem mit sich selbst ausgemacht – wenn überhaupt. Kritik wird nicht als Kritik am Ver-halten, sondern gleich an der ganzen Person verstanden und abgewehrt. Entscheidungen zu treffen und durchzusetzen, gilt dagegen immer noch als männlich. Partnerinnen werden also lieber vor vollendete Tatsachen gestellt, auch vor Trennungen, ohne dass sie eine Chance hatten, an dem Prozess dieser Ent-scheidung teil zu haben. In einer Paarbeziehung mit Sprachlosigkeit auf der männlichen Seite wird die Partnerin mit ihren Gefühlen und Problemen und damit, dass irgendwas nicht stimmt, und mit der gan-zen Beziehungsarbeit allein gelassen.

So bleibt nur die Frage: Was sind wir uns selbst wert? Bleiben wir oder gehen wir? Dazu sagt Clementine Morrigan: „Emotionale Arbeit ist der unsichtbare Klebstoff, der unsere Beziehungen, Gemeinschaften, Bewegungen und unser Selbst zusammenhält. Es ist unverzichtbare Arbeit, die die Welt verändert. […] Wir brauchen mehr davon, nicht weniger, und wir müssen diese Arbeit teilen. Anstatt sich aus Angst vor der Ausbeutung von emotionaler Arbeit zurückzuziehen, können wir uns fragen: Ist sie einvernehmlich? Wird sie anerkannt? Beruht sie auf Gegenseitigkeit? Und wenn wir diese Fragen wirklich mit “Ja” beantworten können, können wir diese Arbeit mit Dankbarkeit und Respekt akzeptieren.“


Emma:
The Mental Load: A Feminist Comic,
Verlag Seven Stories Press, 2018.

Clementine Morrigan:
Three Thoughts on Emotional Labour“, 12. Juni 2017,
www.gutsmagazine.ca/emotional-labour

Patricia Cammarata gibt auf der Website der Initiative zum EqualCareDay ein anschauliches Beispiel für Mental Load, in dem sie alle Planungs- und Koordinierungsprozesse aufzählt, die vor, während und nach dem Ereignis „Das Kind ist zum Geburtstag eingeladen“ stattfinden, siehe www.equalcareday.de/was-ist-mental-load.