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Winter 4/2018

Aufbruch zu neuen Ufern: Der weibliche Dadaismus

Von Christiana Puschak

„Hört auf, euch mit Männern zu vergleichen!“
(Mina Loy)

Dada, die Kunstbewegung zwischen Futurismus und Surrealismus, die alles in Frage stellte, feierte 2017 den hundertsten Geburtstag. Dada wandte sich entschieden gegen die Normen und Werte der Gesellschaft, welche die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg prägten. Ohne ein bestimmtes Konzept zu haben, einte die Mitwirkenden vor allem, dass sie gegen den Wahnsinn und die Absurdität des Ersten Weltkriegs einstanden. Sie revoltierten gegen den bürgerlichen Kunstbetrieb wie die herrschende Kunst, gegen Nationalismus und Hurra-Patriotismus. Für die Erreichung ihrer Ziele setzten die Künstlerinnen und Künstler das Mittel der Provokation ein. Den Dadaisten wurden die Negation und Destruktion kulturell-historischer Werte zum Stilprinzip. In der Verneinung des Bestehenden sahen sie höchste Freiheit.

Ob in Zürich, Berlin, Paris oder New York – überall waren Zentren des Dadaismus entstanden und in jeder dieser Städte waren Frauen nicht nur maßgeblich beteiligt, sondern auch tonangebend und richtungweisend. Es gab zahlreiche und vielseitige Künstlerinnen, die dichteten, malten, tanzten, fotografierten oder auf der Bühne standen und diese avantgardistische Bewegung zwischen Revolte und Utopie formten und verbreiteten. Bemerkenswert ist: Viele der Dada-Künstlerinnen verbanden zwei Kunstformen miteinander wie Sophie Taeuber-Arp, die malte und tanzte, Mina Loy, die malte und schrieb, Emmy Ball-Hennings, die im Kabarett auftrat und Gedichte verfasste, ihre Freundin Lotte Pritzel, die neben dem Zeichnen als Kostümbildnerin und Puppenkünstlerin arbeitete oder die Grafikerin Käte Steinitz, die fotografierte und Kinderbücher gestaltete. Die meisten dieser Frauen lösten sich, wie Ina Boesch jüngst in „DADA, ganz weiblich“ schrieb, aus ihrer bisherigen bürgerlichen Existenz, befreiten sich von Traditionen und Konventionen, eroberten den öffentlichen Raum und pochten auf das Recht auf Selbstbestimmung über ihren eigenen Körper. So zog die Tänzerin Katja Wulff nach einer Ausbildung zur Zeichen- und Turnlehrerin auf den Monte Verità, wurde Wigman- & Laban-Schülerin und gründete zusammen mit Suzanne Perrottet (s.u.) eine Schule für Eurythmie. Da inszenierte Elsa von Freytag-Loringhoven Dada mit ihrem Körper, er wurde gleichsam zum Kunstwerk. Beeindruckend auch ihre Lyrik, die weibliches erotisches Begehren wahrnehmbar werden ließ. Emmy Hennings reiste nach einer gescheiterten Ehe als Schauspielerin durchs Land, arbeitete zeitweise als Prostituierte und schrieb als Autodidaktin ihren ersten Gedichtband „Die letzte Freude“. Mit ihrem späteren Ehemann, dem Dramaturgen und Pazifisten Hugo Ball, eröffnete sie im Frühjahr 1916 in Zürich das Cabaret Voltaire: Wiege des Dadaismus und Voltaire als philosophische Bezugsgröße. Dort glänzte „der Stern des Cabaret Voltaire“ durch diverse Kunstaktionen und experimentelle Poesie, ja die Zukunft des Cabarets hing von ihrem Erfolg oder Misserfolg ab. Emmy Hennings, die hochkarätige Avantgardistin, war Dada. Neben Hennings gehörten viele Künstlerinnen, anders als von der männlichen Dada-Historiographie behauptet, zu den aktiven Mitgliedern der Zürcher Dada-Gruppe, u.a. die Malerin Jacoba van Heemskerck, die Kabarettistin und Lyrikerin Marietta di Monaco und die Tanzpädagogin, Komponistin und Pianistin Suzanne Perrottet.

Mit Hennings tanzten die Choreografin und Tanzpädagogin Mary Wigman und die vielseitige Künstlerin Sophie Taeuber-Arp für den Frieden. Sophies innovative Idee war es, angewandte und freie Kunst zu integrieren. Statt fester Regeln für Farben und Formen vorzugeben, regte sie an: „Wir müssen uns in uns selbst vertiefen.“ Während ihrer Zeit als Dozentin zeigte sie den Studierenden neue Wege mit ungewohnten Materialien und forderte, „keine Angst zu haben vor den Problemen des Lebens“. Bei Mary Wigman hatte sie Tanzunterricht genommen und entwickelte als Solotänzerin einen eigenen Stil, der eine Nähe zum Traum aufzeigte: „Sophie tanzte und träumte“, so ihr Mann Hans Arp rückblickend. Emmy Ball-Hennings nannte sie eine „dadaistische Tänzerin“. Mit Hugo Ball teilte Sophie das Interesse an afrikanischen Kunstformen, tanzte zu seinem Lautgedicht „Die Karawane“, schuf avantgardistische Marionetten und Dada-Köpfe.

Auf die Rolle als Muse wollte die amerikanische Künstlerin Mina Loy niemals reduziert werden. In Italien entdeckte sie zwar den Futurismus, aber dessen Lobpreisung von Gewalt und Geschwindigkeit wie dessen Verachtung von Frauen widersprach ihrem feministischen Selbstverständnis zutiefst. Sie wollte, dass Liebe und Sexualität von „Vorstellungen wie Ehre, Stolz oder Eifersucht befreit werden“. In ihrem als Antwort auf Marinettis „Manifeste du Futurisme“ formulierten „Feminist Manifesto“ beschwört sie die Frauen: „Hört auf, euch mit Männern zu vergleichen, um zu wissen, was ihr nicht seid. Bemüht euch, in euch selbst herauszufinden, was ihr seid.“ Mina Loy gehört zu den Dadaistinnen, die wie Céline Arnauld über literarische wie ästhetische Fragen programmatisch reflektierten.

In der Berliner Dada-Gruppe war die Malerin und Grafikerin Hannah Höch der Mittelpunkt der künstlerischen Avantgarde: „Ich möchte die festen Grenzen verwischen, die wir Menschen – selbstsicher – um alles uns erreichbare zu ziehen geneigt sind.“ Sie wollte die Eindrücke der Zeit vor allem bildlich einfangen. Bei der ersten Internationalen Dada-Messe war sie die einzige Frau zwischen bekannten Künstlern wie Raoul Hausmann und Max Ernst. In jener Zeit entstand ihr berühmt gewordener „Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands“, angefertigt mit einer von ihr selbst entwickelten Technik aus Collage und Fotomontage. Mit ihren Montagen wollte sie „Kritik, Sarkasmus, aber auch Trauer und Schönheit zum Ausdruck bringen“. War Hannah Höch in Berlin die einzige Frau unter den bildenden Dada-Künstlern, so war es Suzanne Duchamp in Paris. Suzanne schuf als erste Frau ein Maschinenbild und ein eigenständiges dadaistisches Werk, das sie allein in der Galerie Montaigne präsentierte und nicht im männerdominierten Salon Dada. In New York gab die Schriftstellerin und Objektkünstlerin Beatrice Wood das Kunstmagazin The Blind Man heraus, eine der frühesten Manifestationen der Dada-Art-Bewegung. Kaum bekannt war lange Zeit die früh verstorbene Angelika Hoerle, die es verstand, das bildliche Vokabular ihrer männlichen Kollegen zu verwandeln, um ihre eigene feministische Perspektive wie in der Zeichnung „Reiterin“ wiederzugeben, so Sabine T. Kriebel in „Verflechtungen: Angelika Hoerles Avantgardismus“.

Im Dadaismus waren Frauen nicht nur „dabei“, sondern sie beeinflussten das Werk ihrer männlichen Kollegen. Vorbei die Zeit, in der Céline Arnaulds literarisches Werk und ihre künstlerische Präsenz in der Dada-Geschichte mit keinem Wort erwähnt wurde. Endlich tragen auch wissenschaftliche Untersuchungen dazu bei, dass „die vergessenen, verniedlichten oder zu einer Fußnote degradierten Frauen (…) aus dem Dunkeln“ geholt werden.