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Herbst 3/2020

Allgegenwärtige Simone de Beauvoir

Neuerscheinungen zum 100sten Geburtstag. Kongresse, Konferenzen, Bücher, Fernseh- und Rundfunksendungen, Aktionen …

Nach dem 50. Jahrestag von Das andere Geschlecht 1999 (vgl. Wir Frauen 1 und 2/1999 sowie 3/2003) wird nun der 100. Geburtstag von Simone de Beauvoir (9.1.1908–14.4.1986) mit Aufwand und Akribie begangen. Allein in Deutschland sind vier neue Biografien und ein Essay über Simone de Beauvoir und Das andere Geschlecht erschienen. Ein Buch über die Beauvoir-Sartre-Beziehung und zwei neue Lesebücher sind angekündigt. Insgesamt acht Bücher plus eine Audio-CD!

Simone de Beauvoir gilt in Deutschland als Modell der emanzipierten Frau. Unter den von den Leserinnen der Zeitschrift Brigitte ausgewählten zehn „wichtigsten Frauen des 20. Jahrhunderts“ kam sie 1999 auf Platz 5 – wenige Jahre später stand sie unter den 200 Idolen der Deutschen (Stern-Umfrage).

Ist aber nicht alles über sie schon gesagt worden?

Bis Ende der 1990er Jahre erschienen mehrere Biografien über die Philosophin, die die posthum veröffentlichten Werke berücksichtigen – das Kriegstagbuch (deutsch 1994) und der Briefwechsel (Sartre, Beauvoir, Nelson Algren – deutsch 1997 und 1999); Werke, die neue Aspekte über Simone de Beauvoirs privates Leben zum Ausdruck brachten, z. B. ihre Beziehungen zu Frauen. Die Widersprüche von Beauvoir, ihr Nicht-Engagement in der Résistance, ihr Engagement gegen Kolonialismus (Algerien- und Indochina-Kriege) und ihre eigene Rolle im Beziehungsgeflecht wurden aber meist zu wenig wahrgenommen.

2004 kam in Frankreich der Briefwechsel zwischen Beauvoir und ihrem langjährigen Liebhaber und Freund Sartres, Jacques-Laurent Bost, heraus, dem sie auch Das andere Geschlecht widmete.

Und nun die vielen neuen Bücher zum 100sten. Da ist viel Bekanntes drin. Aber es ist gut, Beauvoir wieder zu Wort kommen zu lassen. Ihre Philosophie der Einmischung und des Handelns bleibt aktuell. Ebenso ihre Gedanken zur Entmystifizierung der Weiblichkeit, zur Autonomie der Frau, zur Freiheit als bestimmend für die Menschheit, zur Verantwortung des Einzelnen und zur Möglichkeit von Veränderung.

Frauen nicht nur Opfer

Monika Pelz (Suhrkamp-BasisBiographie) bietet eine kleine, schnelle und übersichtliche Einführung in Leben und Werk der Philosophin, mit Erklärungen zu den Beauvoir-Veröffentlichungen, Zeittafel und ausführlicher Bibliografie. Ärgerlich ist allerdings, dass der berühmte Satz „Man wird nicht als Frau geboren, sondern man wird es“ in der alten, falschen Übersetzung steht: „Man wird nicht als Frau geboren, sondern man wird dazu gemacht“. Beauvoir, der an der Zwei- und Mehrdeutigkeit von Phänomenen lag, wollte hiermit die Dimension der eigenen Verantwortung, des Mitmachens der Frauen bei der Konstruktion ihrer Rolle zeigen – Frauen eben nicht nur als Opfer und Dulderinnen.

Ingeborg Gleichauf (dtv Reihe Hanser) wendet sich mit ihrer gut recherchierten, faktenreichen, flott geschriebenen und chronologisch angelegten Biografie (mit Zeittafel, Literaturliste und einem Stadtplan von Paris) an junge Leser/innen. Es entsteht ein sehr lebendiges Beauvoir-Bild. Schade, dass der Briefwechsel Beauvoir-Bost nicht einbezogen wurde.

Enttäuschend ist das Buch von Barbara Brüning: Simone de Beauvoir. Der Tod ist der Stachel des Lebens in der Reihe Gelebte Philosophie. Es ist eine Art Mischung aus philosophischen Weisheiten und Klatschgeschichten – schlecht lektoriert, mit vielen Fehlern. Der Titel verspricht mehr, zumindest eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Tod.

Auskunft über die Beziehung zwischen den Schwestern Simone und Hélène de Beauvoir – Hélène war Malerin und engagierte Feministin – gibt die französische Historikerin und Freundin der Beauvoir-Schwestern Claudine Monteil. Hélène de Beauvoir stand oft im Schatten ihrer berühmten älteren Schwester. Sie war eine der 343 Unterzeichnerinnen des Manifestes, in dem sich Frauen zu einer Abtreibung bekannten, und half in Straßburg bei der Schaffung eines Hauses für geschlagene Frauen. Hélène de Beauvoirs Illustrationen zur Luxusausgabe von Simones Werk Eine gebrochene Frau sind ein Beispiel für die Zusammenarbeit der beiden Schwestern.

Ausgehend von Beauvoirs Das andere Geschlecht setzt sich schließlich Hans-Martin Schönherr-Mann u. a. mit der Frage auseinander, ob in Zeiten von Geburtenrückgang und alternder Gesellschaft der Beauvoir-Feminismus der aktuellen Feminismuskritik (Stichwort Eva Hermann) eine Perspektive und „eine Ethik der verantwortungsvollen Selbstverwirklichung“ entgegenstellen kann.

Ob die zwei angekündigten (und bei Redaktionsschluss noch nicht erschienenen) Lesebücher Neues bringen können? In der Verlagsankündigung heißt es: „Alice Schwarzer, die mit Simone de Beauvoir gut befreundet war, zieht Bilanz … und liefert ein ganz persönliches Porträt der französischen Kollegin.“ In der Forschung zu Beauvoir ist eine solche ‚gute Freundschaft’ nicht bekannt.

Neues und Unbekanntes

Neues über Beauvoir erfährt man vor allem in französischen Büchern: So in den Dokumenten des von Ingrid Galster 1999 in Eichstätt organisierten Kolloquiums, die eine kritische Auseinandersetzung mit dem Anderen Geschlecht aus heutiger Sicht beinhalten, u. a. mit einer Neuinterpretation der Sartre-Beauvoir-Beziehung von Margarete Mitscherlich. Außerdem auch in einer Anthologie der ersten Rezensionen zum Anderen Geschlecht, die die Brisanz des Werks verdeutlichen. Das letzte Buch der Paderborner Professorin für Romanistik – eine Sammlung von Texten, Interviews, Rezensionen, die sie im Laufe der letzten Jahre veröffentlicht hat – bringt unbekannte Aspekte zum Ausdruck, wie das Verhältnis von Beauvoir zum Vichy-Regime. Die sachliche Auseinandersetzung ist wohltuend, da sie sowohl Verherrlichung wie Verdammung meidet.

Beauvoir bleibt aktuell. Das zeigt auch eine Resolution von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und von verschiedenen Gruppen linker Parteien, die Anfang Oktober an die Parlamentarische Versammlung des Europarats ging: Vorgeschlagen werden im Beauvoir-Jahr 2008 u. a. eine europäische Aktion zugunsten der Gleichstellung von Frauen und Männern, politische, künstlerische und kulturelle Veranstaltungen für die Rechte der Frauen.

Florence Hervé