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Herbst 3/2020

Absolut Austen

Sie ist die berühmteste englische Schriftstellerin. Die Verfilmungen ihrer Romane wie „Stolz und Vorurteil“ mit Keira Knightley sind Kassenknüller oder erhalten wie Ang Lees „Sinn und Sinnlichkeit“ schon mal einen Oscar in Hollywood. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen wird sie gerne ins Romantikfach geschoben. Bücher einer alten Jungfer, die über nichts anderes geschrieben hat als die Liebe. Dabei sind Jane Austens Bücher beißendste Gesellschaftskritik, und auch das Bild, das wir über die Schriftstellerin selbst haben, muss dringend überarbeitet werden.

In diesem Cottage in Chawton, wo Jane Austen ihre letzten Lebensjahre verbracht hat, hatte sie einen kleinen, runden Tisch, der stand am Fenster. Jeder, der vorbeiging, konnte reingucken und sah: Ah, Miss Austen schreibt. Dann heißt es, es gab eine quietschende Tür, die sie gewarnt hat, dass Besuch kommt, und sie hätte schnell ihr Manuskript unter die Handarbeit geschoben. Aber das halte ich für eine Legende. „Also die Tür, die jetzt in dieses Wohnzimmer führt, wenn man da eintritt, dann quietscht die Tür und man ist da“, rückt ihre Biografin Elsemarie Maletzke Jane Austen aus dem Schatten, in dem sie als verhuschte Person dargestellt wird, die nur zufällig zur bedeutendsten Schriftstellerin Englands wurde. Mehr noch: Englands Jane schrieb auch eigentlich nicht, sondern „trällerte ihre Texte wie die Singdrossel“.

Vogelfrauen waren für ihre Zeitgenossen anscheinend weniger bedrohlich als intellektuell arbeitende Autorinnen. Dazu hatte Jane Austen das Glück und Pech, eine sie liebende Familie zu haben, die alles daran setzte, sie vor Skandalen zu schützen. Der Nachruf ihres Bruders Henry, der noch heute als Autorität zitiert wird, ist eine Hymne an die gute Seele. Maletzke: „Er hat gesagt: Nie sprach sie ein böses oder unüberlegtes Wort über ihre Mitmenschen. Das ist natürlich eine sehr gefilterte Wahrnehmung. Jedenfalls in den Briefen, die sie an Cassandra geschrieben hat, das ist gegen all diese Konventionen und Zwänge. Sie sagt: Mrs. Sowieso ist mit einer Frühgeburt niedergekommen, verursacht durch einen Schock, sie hat vermutlich ihren Mann aus Versehen angeschaut.“

„Ich könnte eine Romanze ebensowenig schreiben wie ein episches Gedicht. Es sei denn, es ginge um Leben und Tod; und wenn dies der Fall wäre und ich niemals zu meiner Erholung über mich oder andere Leute lachen dürfte, würde ich mich ganz bestimmt aufhängen, noch ehe ich das erste Kapitel beendet hätte“, schrieb Jane Austen über sich selbst. Henry überlas all das geflissentlich, als er sie der Queen in Sachen Sittenstrenge und Moralität gleichstellte. Der nächste Verwandte, der aus besten Absichten ihr Schriftstellerinnenimage beschädigte, war ihr Neffe James Edward Austen-Leigh, der gleichzeitig ihr erster Biograf war. Von ihm stammt die berühmte Aussage: „Jane Austens Leben verlief absolut ereignislos.“ Die Austen-Biografin Claire Tomalin kommentierte: „Die Ereignislosigkeit von Austens Leben ist maßlos übertrieben worden.“

Geboren wurde Jane Austen am 16. Dezember 1775 als Tochter eines Landpfarrers. Über ihre Kindheit ist wenig bekannt bis auf die kurze Erwähnung, dass sie in dem Pensionat, auf das sie mit 7 Jahren geschickt wurde, beinahe gestorben wäre.

Mit 11 war ihre Bildung beendet. Mit 12 begann sie ihren ersten Roman. Die Entscheidung, zu schreiben, war allerdings auch die einzige, die sie selbst treffen konnte. Sogar die Frage des Wohnorts entschieden Verwandte für sie. Da weder Jane noch ihre Schwester Cassandra heirateten, fiel ihnen die Rolle der altjüngferlichen Tanten zu, die von Bruder zu Bruder geschickt wurden, um die Kinder zu hüten, den Ehefrauen bei ihren zahlreichen Geburten beizustehen und sie – nicht selten – auch zu begraben. „Zwei ihrer Schwägerinnen sind nach der 11. Geburt im Kindbett gestorben. Das hat sie sehr nah miterlebt“, berichtet Elsemarie Maletzke.

„Man wünschte sich eigentlich, dass in ihrem Leben ein paar Neffen und Nichten weniger aufgetaucht wären und ein paar Romane mehr. Sie war eben wirklich sehr beansprucht. Das wurde ihr auch nie abgenommen. Ihre Schwester Cassandra hat sie sehr unterstützt, aber zu sagen: Hier, wir haben ein Genie im Haus, lasst sie mal in Ruhe schreiben – das hat es nicht gegeben.“ Doch genau das forderte Jane Austen, allerdings nur ‚durch die Blume‘ in ihren Romanen und natürlich in den Briefen an Cassandra, die nun in deutscher Übersetzung vorliegen: „Es ist mir unmöglich, etwas zu Papier zu bringen, wenn ich den Kopf voller Hammelknochen und Rhabarber habe.“

„Sie hat dann die Ehe, auch die Erbfolgen hat sie kritisiert, dass die Mädchen oft mittellos dastehen, oder dass das Haus dann an irgend einen entfernten Verwandten ging. Und was macht man mit den 5 Töchtern? Weiß keiner. Dann wurde das Essen schon mal gestrichen oder Zucker und Tee wurden rationiert“, erklärt Kerstin Flintrop, Administratorin der ersten deutschen Jane-Austen-Seite im Internet. Bei den 5 mittellosen Töchtern handelt es sich um die Bennet-Schwestern aus Austens berühmtestem Roman „Stolz und Vorurteil“. Im wirklichen Leben waren es nur zwei Schwestern und eine Mutter, die nach dem Tod von Reverend Austen mittellos dastanden und auf die Mildtätigkeit der Brüder angewiesen waren.

„Wenn Jane geheiratet hätte, dann hätte sich die Lage doch finanziell sehr entspannt, aber da war sie sehr eindeutig. Ich glaube, sie hat wirklich diese Alternative gesehen, dann wird sie nicht mehr schreiben können“, bemerkt Maletzke.

Allerdings war sie auch als unverheiratete Frau keineswegs ihre eigene Herrin. Raum für die Romane gab es, wenn alle anderen Pflichten erledigt und die zahllosen sozialen Besuche durchgestanden waren. In den Briefen an Cassandra hört sich das so an: „Lady Eliza Hatton und Annamaria besuchten uns heute morgen. Ja, sie waren hier, mehr kann ich, glaube ich, über sie nicht sagen. Sie kamen, saßen und gingen. Ich ziehe es vor, wenn die Menschen nicht allzu liebenswürdig sind. Das erspart mir die Mühe, sie zu mögen.“

Elsemarie Maletzke bemerkt dazu: „Die beste und kreativste Phase waren ihre letzten Jahre in Chawton, als sie tatsächlich – kein Zimmer für sich – aber wenigstens einen kleinen Tisch für sich alleine hatte. Der ist wirklich nicht größer als ‘ne mittlere Tortenplatte und da hat sie hunderte von Seiten geschrieben. Und das mit ‘nem Federkiel. Allein das Handwerk ist schon unvorstellbar.“

Jane Austens erster Roman erschien 1811 nicht unter ihrem Namen, sondern „von einer Dame“. Er war ein solcher Erfolg, dass auf dem zweiten Roman „von der Verfasserin von ‚Verstand und Gefühl‘“ stand. Ihren eigenen Namen sah Jane Austen auf keinem ihrer Bücher. Weil sie es nicht wollte? Weil ihr Realismus und ihre schonungslose Art, über Geld und Klassendünkel zu schreiben, zu schockierend waren? Der Lyriker W. H. Auden deklarierte, dass neben Jane Austen Joyce wie ein Unschuldsknabe wirkte. „Das war auch eine Methode, die sie zur Vollendung gebracht hat, die Handlung in Dialogen vorwärts zu treiben und die Leute sich selbst entblößen zu lassen.“

Bei Jane Austen wird immer gesprochen. Ununterbrochen. Doch wo die Charaktere, denen eine Weiterentwicklung verwehrt ist, nur über sich selbst reden, lernen ihre Heldinnen und Helden zu sprechen, zuzuhören und mit sich selbst zu sprechen, also zu reflektieren. Von daher ist Jane Austens berühmteste Erfindung die freie indirekte Rede. Das bedeutet, dass die Autorin die Gedanken ihrer Figuren paraphrasiert und es den Lesern damit erlaubt, in die Köpfe der Figuren zu schlüpfen und sie gleichzeitig von außen zu betrachten. Vor ihr hatte dieses Verfahren noch niemand benutzt. Seitdem ist es aus dem Werkzeugkasten von Schriftstellerinnen und Schriftstellern nicht mehr wegzudenken.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass mit zunehmender Berühmtheit gerade diejenigen Aspekte an Jane Austens Werk, die sie herausragend machen, in den Hintergrund treten. Der Medienkritiker Robert Moor bemerkt: „Das Problem mit Jane Austen ist, dass sie sich einfach zu gut verfilmen lässt. Deshalb ist sie heute weniger für ihre Ironie bekannt als für ihre Liebesszenen. (…) Jane Austen zu lieben galt nicht immer als klischeehaft weiblich.“

Und weiter: „Im I. Weltkrieg wurde ‚Stolz und Vorurteil‘ den traumatisierten Soldaten in den Lazaretten zum Lesen gegeben. Churchill erklärte, dass er in den dunkelsten Stunden des II. Weltkriegs nur ein Mittel kannte, um weiter zu machen: Jane Austen lesen. Außerdem sind die Männerkostüme einfach großartig. Das ist ein weiterer Grund, warum Männer sich immer auch für Jane Austen interessiert haben. Heute dürfen wir uns nicht mehr so flamboyant kleiden. Nach Mr. Darcy begann die Männermode ihren Abstieg in die Banalität.“

Generationen von Kritikern rätselten, welcher Mann des 18. Jahrhunderts das Vorbild für den hochfahrenden Mr. Darcy war, der sich in „Stolz und Vorurteil“ beinahe um Kopf und Kragen redet. Dabei war Austen selbst weniger an Darcy interessiert als an der Frau, in die er sich verliebte – die intelligente und eigenwillige Elizabeth Bennet. „Ich muss zugeben, dass ich meine Elizabeth für das entzückendste Geschöpf halte, das je im Druck erschienen ist, und ich weiß nicht, wie ich diejenigen ertragen soll, denen nicht wenigstens sie gefällt.“

Bis Mitte des letzten Jahrhunderts wurde Jane Austen in Literaturlexika als Autorin beschrieben, die man getrost lesen konnte, wenn man nicht Gefahr laufen wollte, mit irgendetwas konfrontiert zu werden, das auch nur im Entferntesten an Sex erinnerte. 1995 schockierte die renommierte Literaturzeitschrift „London Review of Books“ die Austen-Gemeinde mit der Frage auf der Titelseite: War Jane Austen homosexuell? Ein Artikel von Terry Castle auf der Grundlage der Briefe an ihre Schwester Cassandra. Die britische Tageszeitung „Independent“ griff dies als Politikum der Woche auf und schimpfte: „Der idiotische Mr. Castle hat rein gar nichts verstanden.“

Ebenso wenig wie der „Independent“, da es sich bei Mr. Castle um Ms. Castle handelt, Professorin für englische Literatur an der Universität Stanford und laut Susan Sontag die wortgewandteste und inspirierendste Kritikerin ihrer Generation.

Ob sie tatsächlich Liebende waren, wird ungeklärt bleiben, geliebt haben sich Jane und Cassandra Austen zweifellos sehr. Ihr Leben lang teilten sie ein Zimmer und in der Regel auch ein Bett – wie übrigens viele Frauen ihrer Zeit. Als Jane Austen am 18. Juli 1817 mit nur 41 Jahren an einer unbekannten Krankheit starb, hielt Cassandra ihren Kopf in ihrem Schoß.

Der letzte Brief in der Sammlung stammt von Cassandra: „Ich habe einen Schatz verloren, eine unübertreffliche Schwester und Freundin. Sie war die Sonne meines Lebens. Nicht einen Gedanken verbarg ich vor ihr, und mir ist, als hätte ich einen Teil meiner selbst verloren.“

Noch mehr als den Blick auf die Intimität und Zuneigung in den Briefen eröffnete Terry Castles provokanter Einwurf eine neue Lesart der Austen-Romane, die nun – so der offizielle Jargon – gequeert wurden, d. h., gegen den Mainstream gelesen und auf ihre unterschwellige Sexualität untersucht.

Jane Austen ist nach wie vor überaus lebendig: „Bitte grüße jeden, der nicht nach mir fragt. Die, die nach mir fragen, erinnern sich ohnehin an mich.“

Mithu M. Sanyal