Logo
/2026

Abenteuer

Von Klara Schneider

(aus: WIR FRAUEN – Das feministische Blatt Ausgabe 2/2026)

Klassische Abenteuergeschichten folgen meist einem vertrauten Muster. Sie verschweigen dabei nicht selten die Voraussetzungen, die solche Abenteuer überhaupt erst ermöglichen: finanzielle Sicherheit, soziale Absicherung, Menschen im Hintergrund, die Care-Arbeit übernehmen. Abenteuer erscheinen so als Privileg weniger.

In Filmen wie „Indiana Jones“ oder der Serie „Relic Hunter“ finden sich (post-)koloniale Romantisierung, männlicher Heldenmythos und ausgeprägt sexualisierte Protagonistinnen. Mara Luise Günzel beschäftigt sich in ihrem Artikel mit dem Genre der Abenteuerfilme und der Darstellung weiblicher und männlicher Protagonist:innen.

Für diese Ausgabe möchten wir den Abenteuerbegriff öffnen – und zugleich radikal ernst nehmen. Denn Abenteuer beginnt nicht erst dort, wo jemand einen Kontinent durchquert oder ins All fliegt. Es beginnt dort, wo eine rote Linie überschritten wird. Wo eine Frau etwas tut, das sie zuvor nicht für möglich gehalten hat. Wo sie gegen Erwartungen handelt, gegen Routinen, gegen das, was ihr Leben bislang begrenzt hat.

Für die eine kann das bedeuten, sich tatsächlich hoch in die Lüfte zu erheben: Anna Schiff schaut auf die Geschichte des Fliegens und analysiert anhand von Fliegerinnen im 2. Weltkrieg, wie Frauen zu Kollaborateurinnen wurden bzw. sich korrumpieren ließen, um ihre Abenteuerlust auszuleben zu können.

Für die andere ist es der erste Schritt in einen Volkshochschulkurs, Monate oder Jahre nach dem Tod des Partners. Für manche das Bleiben, das Aushalten, das bewusste Verändern eines scheinbar kleinen Alltagsmoments. Für manche ist es auch die erste Reise allein: Nerocy Chanthirakanthan beschreibt Reisen als einen „Akt der Freiheit“, für den sie sich manchmal auch heute noch in ihrer Community erklären muss.

Abenteuer sind nicht vergleichbar – und sie müssen es auch nicht sein. Nur jede selbst kann entscheiden, ob sie eine Grenze überschritten hat und das Erlebte als Abenteuer definiert. Gerade darin liegt die politische Kraft.

Wenn wir Abenteuer nicht mehr nur als spektakuläre Ausnahme verstehen, sondern als individuelle Grenzüberschreitung, verschiebt sich der Blick. Plötzlich treten Erfahrungen in den Vordergrund, die bis dahin unsichtbar waren. Geschichten, die nicht laut sind, aber mutig. Entscheidungen, die keine Schlagzeilen machen, aber Leben verändern. Davon handelt auch der Artikel „Abenteuer Deutschland“ von Gabriele Bischoff, der beschreibt, auf welche Hürden in den 1970er Jahren südkoreanische Gastarbeiter:innen in der Pflege trafen.

Gleichzeitig fordert dieser Blick auch heraus, die traditionellen Heldenerzählungen zu hinterfragen. Viele der Abenteuer, die als universell gelten, sind in Wahrheit eng mit männlich geprägten Vorstellungen von Risiko, Freiheit und Unabhängigkeit verbunden. Vielleicht wäre das größere Abenteuer für manche Männer nicht die nächste Expedition, sondern das ehrliche Gespräch mit der eigenen Mutter darüber, wo sie verzichtet, getragen und ermöglicht hat. Dem Zusammenhang von toxischer Männlichkeit und Abenteuer widmet sich Isolde Aigner und wirft dabei unter anderem einen Blick auf das in sozialen Medien diskutierte Phänomen „Alpine Divorce“, bei dem Frauen von ihren Partnern bei Wander- oder Klettertouren am Berg zurückgelassen werden – zum Teil mit tödlichen Folgen.

Abenteuer erwarten uns nicht nur an fernen Orten, sondern in der Bewegung, im Moment zwischen Aufbruch und Ankommen, im Überschreiten. Manchmal beginnt es genau dort, wo jemand zum ersten Mal sagt: Ich gehe jetzt trotzdem. Leser:innen, Freundinnen und Mitstreiterinnen haben wir nach solchen Momenten gefragt: Wo habt ihr euch als Abenteurerinnen gefühlt? Wo musstet ihr all euren Mut zusammennehmen? Die Antworten finden sich auf den Seiten im Schwerpunkt.

Die Ausgabe kann hier bestellt werden.