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Frühjahr 1/2026

Mobilität

Von Klara Schneider

(aus: WIR FRAUEN – Das feministische Blatt Ausgabe 1/2026)

„Mobilität“ – das klingt nach Bewegung, Freiheit, Fortschritt. Und so war es auch die Berichterstattung über Norwegen, die uns (entschuldigt den naheliegenden Wortwitz an dieser Stelle) elektrisierte – und zum Themenschwerpunkt inspirierte: Trotz seiner großen Öl- und Gasvorräte hat sich das Land in den letzten Jahren zum „Musterland der Elektromobilität“ entwickelt. Seit letztem Jahr gibt es unter den Neuzulassungen kaum noch Verbrenner.

Generell scheint ein Blick in den Norden Europas zu lohnen, wenn es um Verkehrspolitik geht: In Norwegen gab es 2024 im Verhältnis zur Bevölkerung nur halb so viele Verkehrstote wie in Deutschland. Auch Schweden und Dänemark schneiden besser ab als die Bundesrepublik. Grund: Die konsequente Verfolgung der „Vision Zero“, bei der durch ein Zusammenspiel von Maßnahmen wie Geschwindigkeitsbegrenzungen, niedrige Promillegrenzen oder die Umwandlung von Kreuzungen in Kreisverkehre alles dafür getan wird, Todesfälle im Verkehr zu verhindern. Auch spannend: In Finnland werden Geschwindigkeitsübertretungen entsprechend dem Einkommen geahndet. Ähnlich wie in der Schweiz zahlen Personen mit mehr Geld dort höhere Strafen.

Während es also durchaus hoffnungsvolle Beispiele zu berichten gibt, war und ist, dass die Frage, wer sich tatsächlich bewegen kann und darf, und unter welchen Bedingungen, massiv umkämpft.

Frauen, die Fahrrad fuhren, galten Anfang des 20. Jahrhunderts noch als unzüchtig oder risikofreudig – man warnte gar vor Schädigungen der Gebärmutter. Der US-amerikanischen Frauenrechtsaktivistin Susan B. Anthony wird das Zitat zugeschrieben:

„Ich denke, es hat mehr für die Emanzipation der Frau getan als alles andere auf der Welt. Es gibt Frauen das Gefühl von Freiheit und Selbstständigkeit.“

Gemeint hat sie damit (im Jahr 1896) das Fahrrad. In dem Buch „Revolutions“ (mairisch Verlag 2022) schrieb die britische Autorin Hannah Ross darüber, wie Frauen auf dem Fahrrad die Welt veränderten.

Ähnlich wie beim Fahrradfahren wurde noch bis vor wenigen Jahren in Saudi-Arabien argumentiert, was das Autofahren angeht: Durch die Sitzposition im Auto sei bei der Fahrerin mit einer Schädigung der Eierstöcke zu rechnen. Während Beifahrerinnen solche Haltungsschäden bemerken und korrigieren könnten, seien die Fahrerinnen selbst mit der Doppelbelastung aus Autonavigation und Beckenkonzentration überfordert und bemerkten die Schädigung ihrer Eierstöcke nicht. Klingt logisch, oder?

Hinter scheinbar neutralen Verkehrssystemen, Stadtstrukturen und Technologien verbergen sich geschlechtsspezifische Machtverhältnisse, soziale Ungleichheiten und Ausschlüsse. Auf diese Tatsache machte Caroline Criado-Perez in ihrem Bestseller „Unsichtbare Frauen“ (2020) aufmerksam. So orientiert sich Stadtplanung oft an männlichen Pendlerbiografien – linear, vom Vorort zur Arbeitsstätte und zurück.

Feministische Stadtplanung versteht Mobilität dagegen eher als Abfolge von Wegen – zwischen Kinderbetreuung, Pflege, Lohnarbeit und Einkauf. Wer Mobilität plant, plant also auch Care-Arbeit. Die Stadt Wien spricht in diesem Zusammenhang in ihrem Konzept zur „geschlechtssensiblen Verkehrsplanung“ von „Begleit- und Versorgungswegen“ und nimmt insbesondere Fußgänger:innen in den Blick.

Für einen kostenlosen ÖPNV protestierte eine non-binäre Person aus Leipzig, indem sie ohne Ticket Bahn fuhr, dafür mit einem Pappschild: „Ich fahre ohne gültigen Fahrschein! Es ist genug für alle da. Mobilität sollte keine Klassenfrage sein.“ Mit dem Hinweis sei der Straftatbestand des Erschleichens von Leistungen nicht erfüllt, urteilte das Amtsgericht Leipzig Mitte November 2025.

Bündnisse wie die Kampagne Wir fahren zusammen von Fridays for Future und ver.di zeigen ebenso: Die Mobilitätswende ist keine technische, sondern eine soziale Frage. Mobilität für alle funktioniert nur, wenn die Beschäftigten im ÖPNV gute Arbeitsbedingungen haben. Kluge Stadtplanung denkt autofreie Innenstädte genauso mit wie die Rechte von Menschen mit Behinderungen, die auf Autos angewiesen sind. Es geht um das Recht, sich zu bewegen – und das Recht, bleiben zu können.

Auch in der Arbeitswelt zeigt sich der Widerspruch aus Freiheit und Ungleichheit. „Mobiles Arbeiten“ wird oft als Befreiung gefeiert – doch es verlagert Sorge- und Care-Arbeit meist unentgeltlich ins Private. Ähnlich verhält es sich mit sozialer Mobilität: Die Idee des individuellen Aufstiegs verschleiert strukturelle Ungleichheiten.

Mobilität hat also viele Ebenen. Klimakrise und Ressourcenausbeutung werfen zudem Fragen nach globaler Gerechtigkeit auf: Wo – und unter welchen Bedingungen – werden die für die Verkehrswende benötigten Ressourcen abgebaut? Wer kann es sich leisten, in den Urlaub zu fliegen, den tollen Freiwilligendienst im Ausland zu absolvieren oder Workation zu machen – und auf wessen Kosten?

Folgende Aspekte werden in den Schwerpunktartikeln vertieft:

Melanie Stitz schreibt über das Konzept des „Petromaskulinismus“ und sucht Antworten auf die Frage, wie Patriarchat und fossile Energie miteinander zusammenhängen. Sind wirklich – mal wieder – Männerfantasien das Problem?

Mara Luise Günzel erzählt in ihrer Reportage, wie sie sich gemeinsam mit einer Stadtgeografin in der Kunst der Stadtraumwahrnehmung geübt hat. In der Tradition des feministischen Flanierens haben die beiden Chemnitz im Gehen erkundet.

Bordsteinabsenkungen, auf Englisch „Curb Cuts“, erleichtern nicht nur Rollstuhlfahrenden den Zugang zu Gehwegen. So beschreibt der „Curb Cut Effekt“, dass behindertengerechte Anpassungen nicht nur von jenen Menschen genutzt werden, für die sie konzipiert wurden. Ob Rampen, Sprachassistenten oder automatische Türen – Barrierefreiheit kommt allen zugute und bedeutet Selbstbestimmung, wie Monika Rosenbaum an vielfältigen Beispielen aufzeigt.

Wer in der Mobilität eingeschränkt wird, kann als mobilitätsarm bezeichnet werden. Annegret Kunde beschäftigt sich mit dem noch wenig politisch beachteten Problem Mobilitätsarmut: Wer kann sich Mobilität eigentlich (nicht) leisten? Welche Folgen hat das? Und welche Rolle spielt dabei Geschlecht?

Der Philosophin Eva von Redecker folgend, denkt Leo Paulsen die Freiheit, sich an jeden Ort bewegen zu können, weiter als „Freiheit, an einem Ort zu leben, an dem wir bleiben könnten“ („Bleibefreiheit“).

Christiana Puschak porträtiert die Schweizerin Bertha Züricher (1869–1949), die nicht nur als passionierte Wanderin, sondern auch als Künstlerin mit ihrer Staffelei und ihren Malutensilien im Hochgebirge unterwegs war.

Außerdem stellen wir im Heft zwei emanzipatorische Fahrradprojekte vor: In der Rubrik „Who cares?!“ berichtet Annegret Kunde über Kurierfahrerinnen in Brasilien. Tina Berntsen schreibt auf Seite 26 über den Verein #BIKEYGEES, der (geflüchteten) Mädchen und Frauen das Radfahren beibringt.

Die Ausgabe kann hier bestellt werden.