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Frühjahr 1/2019

Pink Sari Revolution: Diese Frauen kann man(n) nicht überhören!

Die dramatische Situation von Frauen in Indien erfährt viel mediale Aufmerksamkeit. Die zahlreichen Morde und Vergewaltigungen sind Symptome einer Gesellschaft, die Frauen als wertlos erachtet bzw. ihren Wert an einen Mann bindet.

Sampat Pal hat mit ihrer Gulabi Gang in den letzten Jahren für Furore gesorgt und Patriarchat und Establishment in Indien in Angst und Schrecken versetzt. Die Gulabi Gang, die ihrem Namen nach als sichtbarstes Merkmal die leuchtend pinken Saris der Frauen (‚gulabi‘ ist Hindi und bedeutet ‚pink‘) hat, ist eine Gruppe von Frauen, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, für die unterdrückte Bevölkerung Indiens einzutreten. Anfang dieses Jahres ist ihre Biografie (verfasst von der pakistanisch-irischen Autorin Amana Fontanella-Khan) auf Deutsch erschienen.

Eine laute Stimme …

Die indische Sozialarbeiterin Sampat Pal war bei der Ausübung ihres Berufs immer wieder mit der Untätigkeit und der Korrumpierbarkeit der indischen Polizei konfrontiert und gründete daher Selbsthilfegruppen, in denen sich vor allem Frauen zusammenschlossen, um auf Ungerechtigkeit mit Selbstermächtigung zu antworten. Frei nach dem Motto „Gemeinsam sind wir stark“ mobilisierte sie mehr und mehr Frauen aus den Dörfern ihrer Gegend. Einige der Frauen haben sie vorher um Hilfe gebeten, andere stießen aufgrund der Berichte über die Gulabi Gang dazu. Die Frauen gingen gemeinsam mit Opfern von Verbrechen zur Polizei oder konfrontierten die Täter direkt. Im Jahr 2008 war die Handvoll Frauen der Anfangszeit bereits auf mehr als 20.000 Frauen angewachsen. Die ebenfalls pinken Bambusstöcke, die die Frauen tragen, kommen jedoch nicht häufig zum Einsatz. Oft genügt schon eine starke Präsenz durch Sampat Pals Stimme und das Auftreten der Frauen in riesigen Gruppen, etwa auf einer Polizeiwache, wenn die dortigen Beamten die Täter schützen statt zu ermitteln, was sich zugetragen hat.

… für einen gesetzlosen Ort

Der indische Bundesstaat Uttar Pradesh, welcher im Nordosten des Landes liegt und an Nepal grenzt, ist eine der ärmsten Regionen der Welt und in starkem Maße von Korruption und Kriminalität gekennzeichnet. Als Antwort auf die korrupte Justiz und Polizei ist Selbstjustiz weit verbreitet. Weite Teile von Uttar Pradesh gelten bei der Regierung daher als „gesetzlos“. Mehr als ein Viertel der gewählten Parlamentsabgeordneten des Bundesstaates ist bereits wegen Verbrechen angeklagt, 19 % davon wegen schwerer Delikte wie versuchten Mordes, Vergewaltigung, Erpressung oder Entführung.

Sampat Pals Statement zum Thema Geschlechtergerechtigkeit in dieser Gegend ist eindeutig: „Frauen leben hier wie Sklavinnen.“ Sie selbst wird als dominante Frau beschrieben, die ein ungeheures Talent hat, Menschen mitzureißen. Ihr Leben hat sie mittlerweile ganz der Gulabi Gang verschrieben. So lebt sie seit Jahren nicht mehr bei ihrem Mann und ihren Kindern, sondern wohnt mit ihren Kolleginnen in einer kleinen Hütte, die als Büro dient.

Medialer Dauerbrenner

Auch die jüngst erschienene Dokumentation „Our World: India’s Invisible Women“ der indischen Journalistin Rupa Jha über alleinstehende Frauen in Indien führt dies eindringlich vor. Singles, geschiedene Frauen und Witwen, also Frauen „ohne Mann“, wird die gesellschaftliche Teilhabe verweigert. Die Doku zeigt zu Beginn eine beruflich erfolgreiche, aus eigener Entscheidung alleinstehende Frau Ende 20, die keine Wohnung findet, da Vermieter annehmen, „solche Frauen“ könnten keinen anständigen Charakter haben und hätten einen schädigenden Einfluss auf die Kinder im Haus.
Weniger subtil, dafür aber bekannter, sind die Lebensumstände von Witwen und geschiedenen Frauen in Indien. Die Zuschauer_in begleitet Rupa Jha in eine „Witwenstadt“, in der Tausende verwitweter und von ihren Familien verstoßener Frauen leben. Nach dem Tod ihrer Männer wurde diesen Frauen kein Platz mehr innerhalb der Familie zugestanden.

Die geschiedene Frau, über die berichtet wird, wurde von ihrem Mann verlassen, doch der gesellschaftliche Ausschluss, der mit der Trennung verbunden ist, wiegt so schwer, dass sie regelmäßig vor seinem Haus steht und ihn anfleht, sie zurückzunehmen. Seine Reaktion: Er verprügelt sie und schickt sie weg. Aufgrund der überwältigenden Rechtlosigkeit alleinstehender Frauen erscheint manchen sogar ein prügelnder Ehemann besser zu sein als gar keiner. Gerne würde frau diesem Mann Sampat Pal auf den Hals hetzen!

Nicole Kühn

Quellen
Amana Fontanella-Khan (2014): Pink Sari Revolution. Die Geschichte von Sampat Pal, der Gulabi Gang und ihrem Kampf für die Frauen Indiens, Berlin.
BBC World News (2014): Our World: India’s Invisible Women.