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Frühjahr 1/2017

WAS UNS BEWEGT

Skandalisieren, Aussagen aus dem Kontext nehmen, mit Unterstellungen argumentieren, Widersprüchliches unterschlagen, auf Kosten von Sorgfalt und Besonnenheit eilige Dringlichkeit behaupten, inhaltliche Auseinandersetzungen an Personen oder Generationen festmachen, eine Front aufmachen und diese dann verteidigen müssen… – Diskursstrategien wie diese schaden nicht nur der innerfeministischen Debattenkultur. Sie bereiten auch den Boden für sogenannte Shitstorms. Ein Begriff der eigentlich viel zu harmlos ist: Wir reden von offenem Hass und Rassismus, von kommunikativer Lynchjustiz und Vergewaltigungsdrohungen. Diesmal traf es die ehemalige Wir Frauen-Redakteurin Mithu M. Sanyal. In diesem Punkt funktionieren Hasskampagnen und sexualisierte Gewalt ähnlich: Als Möglichkeit und somit permanente Drohung treffen sie uns alle.

Eine differenzierte Diskursanalyse findet sich auf mimikama.at. Der Verein engagiert sich gegen Internet-Missbrauch und Fake-News: www.mimikama.at/allgemein/von-o-wie-opfer-bis-a-wie-aufregung-aus-opfern-erlebte-machen/ Zu den Folgen siehe Mithu M. Sanyal: „Welchen Feminismus wollen wir leben?“: www.huffingtonpost.de/mithu-m-sanyal/vergewaltigung-mob-netz-brief_b_14958974.html Anlass war ein Artikel in der taz, in dem Mithu M. Sanyal gemeinsam mit Marie Albrecht das Sprechen und Denken über Opfer sexueller Gewalt und die ganze „Busladung“ damit einhergehender und ein Leben lang anhaftender Zuschreibungen und Erwartungen problematisierte. Ihr Vorschlag, dem Sprechen über sexualisierte Gewalt den Begriff „Erlebende“ hinzuzufügen (und nicht etwa, damit alle anderen Möglichkeiten zu verwerfen oder gar zu verbieten), erwuchs aus der Auseinandersetzung mit Betroffenen, die diese Bezeichnung für sich wählen und die zurückweisen, wie von anderen „über“ sie gesprochen wird. siehe: www.taz.de/Beschreibung-sexualisierter-Gewalt/!5379541/ Das Spiel mit Worten ist riskant und es gibt viele gute Gründe, am Begriff „Opfer“ festzuhalten, siehe dazu z.B. den Beitrag „Vergewaltigung als Erlebnis“ von Luise Pusch: www.fembio.org/biographie.php/frau/blog/ „Betroffene befreit man nicht vom Stigma, indem man sie anders nennt“, warnt Marion Detjen. Ihre Kritik ist nachdenklich und berührend, differenziert und wertschätzend – das macht sie so produktiv und lesenswert. Sie geht auch den möglichen Gründen für die „erstaunliche Aggressivität der Reaktionen auf Sanyals und Albrechts Artikel“ nach, denn „der Artikel macht Fehler, aber er ist doch an keiner Stelle verächtlich. Verächtlich und höhnisch ist vielmehr diese Kritik, die nie abwägt, sondern gegen die „vermeintlichen Expertinnen“ zu Felde zieht wie gegen den schlimmsten Feind.“, so Detjen. http://www.zeit.de/kultur/2017-02/vergewaltigung-opfer-sexuelle-gewalt-opferbegriff-erlebnis-10nach8

Unbenommen davon, ob wir den Vorschlag, wertfrei von „Erlebnis“ zu sprechen, als für unsere eigenen Erfahrungen angemessen, für zielführend, missverständlich oder problematisch halten (Mithu M. Sanyal selbst stellt ihn derweil in Frage, siehe www.jungewelt.de/2017/03-04/046.php): Wir halten es für legitim, danach zu fragen, aus welchen Gründen viele Frauen dagegen entscheiden, sich selbst als Opfer zu benennen und den Aggressor als Täter anzuzeigen – und was das mit eben jenen Zuschreibungen und gesellschaftlichen Umgangsweisen zu tun hat. Auch die mediale Öffentlichkeit müsste wohl anders verfasst sein: weniger gierig nach Sündenböcken (die Täter, das sind immer die anderen, derzeit am liebsten sogenannte „Nafris“… ), weniger reißerisch und voyeuristisch, allzeit bereit zur Hexenjagd. So, wie derzeit verfasst, ist sie offenbar kein guter Ort, um wirklich miteinander zur reden, eigene Worte für Schmerz und Wut zu finden, nach Ursachen zu fragen und über die oftmals auch ganz unspektakuläre, weil erschreckend alltägliche sexualisierte Gewalt zu diskutieren. Solche Räume gibt es noch zu wenig und müssen weiterhin von uns erstritten und gestaltet werden. Sehr lesenswert dazu Mithu M. Sanyals Kommentar zum Fall Gina-Lisa Lohfink: https://missy-magazine.de/blog/2016/06/14/warum-gina-lisa-lohfink-unsere-heldin-ist/ Nein heißt Nein (oder auch: Ja heißt Ja), ganz gleich, ob das Opfer einer Vergewaltigung promisk lebt oder mit dem Täter verheiratet ist, ganz gleich, wie die Betroffenen damit umgehen, ob und wie sie das Erlebte integrieren und verarbeiten, ganz gleich, ob sie daran zerbrechen oder ihre Lebenslust zurückerobern, ganz gleich, in welchen Worten sie beschreiben, was sie erlebt haben. Genau das scheint aber immer noch darüber zu entscheiden, ob und inwieweit eine Vergewaltigung als das Verbrechen aufgefasst wird, das sie ist. Paradoxerweise prägt eben diese Logik auch den Shitstorm gegen Mithu M. Sanyal.

Genug Themen also, die uns in den kommenden Wir Frauen-Ausgaben beschäftigen werden…      

Ein Lesetipp zum Thema: „Weil die Täter weiß waren“ von Janine Randig im ND. Darin beschreibt sie, warum sie und ihre Freundinnen sich nach einem Übergriff noch nicht, sehr wohl aber im Gespräch auf dem Polizeirevier als Opfer fühlten: https://www.neues-deutschland.de/artikel/1043390.weil-die-taeter-weiss-waren.html