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Herbst 3/2017

Verrat und Anspruchsdenken

von Anna Schiff

Ein Gespenst geht um in den sozialen Netzwerken – das Gespenst des weiblichen Verrats. Zu fürchten scheinen
sich vor allem heterosexuelle Männer. Doch wovor eigentlich?

Früher gab es Schmink-Tipps in der Brigitte und Konsorten, die frau nie so recht nachmachen konnte – oder wollte. Seit geraumer Zeit gibt es Schminktipps vor allem online. Sogenannte Beauty-Bloggerinnen und -YouTuberinnen testen Produkte, geben Tipps zum perfekten Lidstrich und verdienen mitunter richtig viel Geld. Bestandteil der Vorführung ihrer Künste sind Vorher-Nachher Bilder, jeweils ein Bild zeigt den Naturzustand und eines das Endresultat; besseres Licht und ein schmeichelhafter Kamerawinkel tun das Übrige. Teilweise erzielen die Künstlerinnen wirklich erstaunliche Ergebnisse. Es sind diese Bilder, die männliche online-Kommentatoren hasserfüllt „Verrat!“ rufen lassen. Denn die Frauen würden mit ihrer Optik frauenfeindlichen Kommentar ihre Aufmerksamkeit widmen. Doch dieses Sprechen und vermeintliche Aufdecken des weiblichen Verrats hat sich mittlerweile nicht nur zu einem Internetphänomen entwickelt. Die amerikanische Kosmetikmarke Anastasia Beverly Hills hat einen ihrer Lippenstifte sogar „trust issues“ (dt.
Vertrauensfragen) genannt. Doch hier geht es nicht um Lippenstift und ihr Für und Wider, sondern um Macht. Denn es ist alter patriarchaler Wein in den neuen Schläuchen der sozialen Medien und darüber hinaus. „Verrat“ in den Kommentarspalten zu brüllen, ist nichts weiter als eine verbale Machtdemonstration oder vielmehr der Versuch, die verloren geglaubte Macht zurück zu holen, es den Verräterinnen heimzuzahlen. Dahinter steckt ein Anspruchsdenken. Das Anrecht, Frauen aufgrund ihres (wahren) Äußeren be- und verurteilen zu dürfen, sie zu entblößen und zu enttarnen. Und eine diffuse Angst, Frauen könnten Männer qua ihres als mächtig imaginierten Äußeren ins Verderben locken und es gelte, sich vor den Sirenen zu schützen wie einst Odysseus. Sangen ihn die Sirenen mit ihrem Gesang in sein Verderben, sind es hier Lippenstifte und Rouge. Diese Art von Topos ist eine jahrtausendealte patriarchale Angstfantasie, wie sie am bekanntesten in Klaus Theweleits „Männerphantasien“ (1977 /1978) analysiert wurde. Dort unternimmt der Literaturwissenschaftler den Versuch, (faschistische) Gewalt u.a. mit Männlichkeitsidealen und der in ihnen angelegten potentiellen Gewalt zu erklären. Was sich mit den sozialen Medien verändert hat, ist die Reichweite des Raumes, in denen dieses frauenfeindliche Denken sagbar ist. Der Stammtisch ist jetzt online und wähnt sich in Mehrheit.

Die Facebook-Seite „Misstrauen kommt oft zu spät, aber niemals zu früh“ etwa widmet sich dem Aufdecken des Verrats – garniert mit hasserfüllten Kommentaren gegen geschminkte „Lügnerinnen“. Haufenweise Artikel bestehen aus nichts weiter als mehreren Vorher-Nachher-Bildern, übertitelt mit: „Darum darf man Frauen nicht vertrauen“ (neustenews.de) oder „Vertrauensprobleme wegen Make-Up“ (whansinn.tv), direkt darunter der button, um den Artikel auf Facebook zu teilen. Denn Seiten wie neustenews.de leben vom Buzz (engl. Surren; Marketingsprech für Mundpropaganda). Spitzenreiter ist hier buzzfeed. Auf diesen Seiten finden sich skandalisierende Artikel, die darauf ausgelegt sind, in den sozialen Medien, allen voran Facebook, häufig geteilt und kommentiert zu werden. Das generiert Klicks ergo Werbeeinnahmen für die jeweiligen Seiten. Facebook wiederum zeigt seinen Nutzer*innen Beiträge nicht einfach chronologisch an, sondern ein Algorithmus berechnet, was für wen interessant sein könnte. Das ist die derzeit vieldiskutierte Filterbubble. Männer, die denken, Frauen seien „Verräterinnen“ und es gelte dem „schönen Geschlecht“ zu misstrauen, werden so in ihrer Wahrnehmung am laufenden Band bestätigt. Aus fantasiertem Verrat und permanenter Bestätigung dieser abstrusen Wahrnehmung folgt so mitunter die vermeintliche Legitimation für (sexualisierte) Gewalt.

2016 untersuchte die britische Soziologin Dr. Jenny van Hoof von der Machester Metropolitan University die Einstellungen männlicher Tinder-Nutzer. Tinder ist eine App zum Kennenlernen. Viele der Befragten fühlten sich verraten, wenn Frauen in natura nicht so aussahen wie auf ihren Profilbildern. Nicht wenige von ihnen gaben außerdem an, dass dieser (gefühlte) Verrat ihnen das Anrecht gebe, ihr Date zu sexuellen Handlungen zu drängen, immerhin sei sie ihm jetzt etwas schuldig. Ein 29-Jähriger erzählte van Hoof: „Ich wurde schon oft von Fotos in die Irre geführt. Die Frauen waren nicht so attraktiv, schlank oder sportlich wie aufihren Fotos. Wenn es möglich ist, versuche ich, rechtzeitig auszubrechen oder sonst etwas herauszuholen.“ Die Mainstreammedien wie der britische Telegraph oder der österreichische Kurier gaben sich schockiert angesichts der Studienergebnisse und lieferten doch nur systemkonforme Erklärungsansätze für die sich hier offenbarende sexualisierte Gewalt – sprich: So sind sie halt, die Männer.

So einfach können wir es uns als linke Feministinnen natürlich nicht machen.