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Frühjahr 1/2018

Über den nächsten Hashtag hinaus…Alternative Ansätze im Umgang mit sexualisierter Gewalt

Von Isolde Aigner

„Mensch, versteh mich doch!“. So der Titel des Leitartikels im männerdominierten FOCUS zur „Sexismusdebatte“ (2013) – ausgelöst durch den Hashtag Aufschrei (zu Alltagsexismus) und den Sexismusvorwurf gegenüber dem FDP-Spitzenpolitiker Rainer Brüderle. Die dazugehörige Illustration: Ein Affe im Anzug und eine Frau mit vermeintlich lüsternem Blick. Dahinter verbirgt sich die trügerische Annahme, dass Mann ja gar nicht anders kann als sich tierisch und triebhaft zu verhalten. Und weil das nun mal so ist, muss man(n) auch nichts reflektieren und verändern. So einfach ist das! Ist es das?

Umgang und Vorbeugung neu denken
Der Ansatz von CARA, der als „Transformative Justice“ bezeichnet wird, ist der radikale Gegenentwurf hierzu. Gewalt wird als sozial erlernte Verhaltensweise betrachtet und nicht als Tat einer „kranken“ Person. Damit gilt sie aber auch als ein veränderbares Verhalten. Der Ansatz befürwortet außerdem einen selbstorganisierten und nicht-staatlichen Prozess zur Unterstützung von Gewaltbetroffenen, zur Arbeit mit der gewaltausübenden Person und zur Prävention zukünftiger Gewalt. Er geht zurück auf soziale Bewegungen in der USA: Insbesondere Frauen und trans-Personen of Color machten darauf aufmerksam, dass es für sie oftmals keine Unterstützung, sondern sogar mehr Gewalt hervorbringe, wenn sie sich bei Gewalterfahrungen an Institutionen wenden. Zudem fürchteten sie die Stigmatisierung ihrer Community. Deshalb wollten sie Strategien entwickeln, um Sicherheit für marginalisierte Communities (z.B. People of Color) jenseits von staatlichen Institutionen wie Polizei, Jugendhilfe, Psychiatrie etc. zu schaffen. Folglich steht der Ansatz in einem kritischen Verhältnis zu staatlichen Systemen (ihren Ausschlüssen und Unterdrückungen) und setzt sie in Beziehung zu unterschiedlichen Machtverhältnissen: Wen schützt staatliche Gewalt, wem schadet sie? Wer hat Zugang zu welchen Ressourcen und Räumen, wer wird gehört? Welche Gewalterfahrungen werden als solche wahrgenommen und warum, welche nicht?

Fragen, die auch im Zusammenhang mit Silvester 2015, der öffentlichen Debatte und ihren politischen Folgen (z.B. Verschärfung der Asylpolitik) von zentraler Bedeutung sind.
Sexualisierte Gewalt wurde in der Mehrheitsgesellschaft erst dann zum Problem und Frauenrechte plötzlich wichtig, als sie dazu dienten, junge Männer mit Migrationshintergrund (denen das Täterprofil von Silvester zugeschrieben wurde) zu stigmatisieren und auszuschließen. Eine Debatte um strukturelle Aspekte von sexualisierter Gewalt in den Medien blieb bis heute weitestgehend aus.

Genau hier setzt der Ansatz von CARA an: Es geht darum, Gewalt als ein komplexes System von Privilegierungen und Unterdrückungen – jenseits stereotyper weiblicher wie männlicher Rollenzuschreibungen und dualistischer, juristischer sowie moralischer Vorstellungen von „Täter-“ und „Opfer“rollen, zu betrachten. Dazu gehört auch, dass sich der Ansatz eben nicht am gewaltvollen Verhalten Einzelner abarbeitet, sondern eine Veränderung des gesamten Umfeldes und der jeweiligen Communities anvisiert. Priorität liegt dabei auf dem Wohlergehen und der Ermächtigung der Betroffenen als Basis für einen breit angelegten sozialen Übergang hin zu sozialer Gerechtigkeit. Der Ansatz greift auf drei Ebenen:
1. Der Unterstützung und Ermächtigung der Betroffenen.
2. Der Verantwortung der Communities (z.B. ein Hausprojekt), welche sich mit Kritik und Verantwortungsübernahme auseinandersetzen müssen und so dazu beitragen können, normalisierte Gewalt aufzudecken und anzugehen.
3. Der Arbeit mit gewaltausübenden Personen. Denn der Ausschluss einer gewaltausübenden Person verhindert sowohl bei der gewaltausübenden Person als auch innerhalb der Community eine Auseinandersetzung mit den dahinter liegenden Strukturen von Gewalt.

Zentrale Grundsätze
Entscheidet sich eine Community dazu, gemeinsam einen Vorfall sexualisierter Gewalt aufzuarbeiten und weiterer Gewaltausübung vorzubeugen, dann sind folgende Grundsätze für diesen Prozess von zentraler Bedeutung: Wichtig ist z.B. die Anerkennung der Menschlichkeit aller Beteiligten, anstatt z.B. die gewaltausübende Person zum „Monster“ zu erklären und so zu entmenschlichen. Gerade für marginalisierte Gruppen wie People of Color, die z.B. immer wieder mit dem rassistischen Stereotyp des ‚triebhaften schwarzen Mannes’ konfrontiert sind, ist das von besonderer Bedeutung. Priorität haben die Selbstbestimmung der Betroffenen und ihre Bedürfnisse und Wertvorstellungen. Auch ein Sicherheits- und Unterstützungskonzept für alle Beteiligten ist notwendig, um weitere Gewalt abzuwenden. Darüber hinaus braucht es einen kollektives, solidarisches Miteinander, verbunden mit einer von allen geteilten politischen Analyse sexualisierter Gewalt: So werden individuelle Übergriffe mit gesellschaftlichen Gewaltverhältnissen in Verbindung gesetzt. Das wiederum „macht eine Organisierung notwendig, die über die Verantwortungsübernahme eines einzelnen gewaltausübenden Menschen hinausgeht“, so CARA. Auch ist es erforderlich, der gewaltausübenden Person klar zu vermitteln, was von ihr erwartet wird, z.B. die Inanspruchnahme einer Beratung oder das Einhalten bestimmter Verhaltensweisen im Sinne einer „Wiedergutmachung“ oder Heilung der Verletzungen. Gleichzeitig ist es wichtig, Freund_innen und Angehörige der gewaltausübenden Person einzubeziehen. Diese können beispielsweise die Person dazu bewegen, kritisch über eigene Werte und Verhaltensweisen nachzudenken. Sie gewährleisten ferner ein Unterstützungssystem auch für die gewaltausübende Person und schützen sie vor Isolation oder Depression, wenn die Community dafür keine Kraft mehr aufbringen kann oder möchte.

Zaghafte Ansätze in der aktuellen Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt
Wie lässt sich dieser Ansatz einer kollektiven Verantwortungsübernahme auf die breite Gesellschaft übertragen? Zunächst ermöglicht er neue Sichtweisen auf sexualisierte Gewalt, wie z.B. im Fall von Harvey Weinstein: Nach und nach sickert mehr an die Oberfläche und offenbart das Ausmaß sexualisierter Übergriffe gegenüber Frauen (und Männern) durch einen der mächtigsten Männer Hollywoods. Und es melden sich immer mehr Frauen, die sich unter dem Twitter-Hashtag Me too über ihre Gewalterfahrungen austauschen und miteinander solidarisieren. Männer, die mit Weinstein zusammenarbeiteten (z.B. der Regisseur Quentin Tarantino) melden sich zu Wort und äußern sich schuldbewusst hinsichtlich ihrer Rolle als Mitwisser. Genau hier zeigen sich zaghafte Ansätze kollektiver Verantwortungsübernahme: wenn Männer sich mit Machtpositionen und Komplizenschaft auseinandersetzen und Frauen miteinander solidarisch werden in einem System, das von Frauen erwartet, stets sexy und gefällig zu sein, und von Konkurrenzdenken geprägt ist. Diesen zaghaften Ansätzen steht aber einer Berichterstattung gegenüber, die den Fall Weinstein (mal wieder) als Einzelfall skandalisiert. Eine nachhaltige kollektive Verantwortungsübernahme bedarf aber einer nachhaltigen Auseinandersetzung mit strukturellen Aspekten von Gewalt. Über den aktuellen, den nächsten und übernächsten Hashtag hinaus…