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Herbst 3/2017

Clara Zetkins Kriegsbriefe (1914-1918). Ein Gespräch mit der Herausgeberin Marga Voigt

Von Florence Hervé

Clara Zetkin und ihr Werk sind in der bisherigen wissenschaftlichen Forschung wie in der Frauenbewegung sträflich vernachlässigt worden. Mit der gerade erschienenen Publikation wurde endlich mit der Veröffentlichung von Zetkins Briefen begonnen.
Wir Frauen sprach mit deren Herausgeberin Marga Voigt.*

Im vorliegenden Band werden 172 Briefe zwischen 1914 und 1918 abgedruckt, darunter 152 Erstveröffentlichungen. Adressatinnen sind unter anderen die niederländische Freundin Heleen Ankersmit, Führerin der proletarischen Frauenbewegung, Mathilde Jakob, Sekretärin und enge Vertraute von Rosa Luxemburg, und die russische Revolutionärin, Frauenrechtlerin und Politikerin Alexandra Kollontai. Wo hast Du diese Briefe nach 100 Jahren gefunden? Und hat Clara Zetkin nicht mehr geschrieben?

Clara Zetkins Werk ist kaum erschlossen. Im aktuellen Band sind alle Briefe enthalten, die ausfindig gemacht werden konnten. Hauptorte meiner Recherche waren Moskau, Berlin und Amsterdam, es gab Kontakte mit der Schweiz und Österreich. Leider ließen sich bei weitem nicht alle Briefe finden, man weiß, dass Clara Zetkin viel mehr geschrieben hat. Es war für mich unglaublich, dass nur zwei Briefe an die Freundin Rosa Luxemburg darunter waren, und kein einziger an die Söhne. Ich bin mehrmals die Akten durchgegangen, ob ich vielleicht etwas übersehen hätte. Zetkin hat auch nachweislich oft an den SPD-Politiker und Kriegsgegner Franz Mehring geschrieben, nur ein Brief konnte gefunden werden. Mein Wunsch ist, dass dieser erste Band zu weiteren Forschungen anregt, und die Lücken allmählich geschlossen werden können.

Was ist unter „Kriegsbriefen“ zu verstehen? Briefe, die während des Ersten Weltkriegs geschrieben wurden?
Eigentlich ist es ein Buch für den Frieden. In der allgemeinen Literatur gibt es wenige Veröffentlichungen über Frauenfriedensaktivitäten während des Ersten Weltkriegs, und noch weniger über sozialistische Frauen. Zetkins Briefe stellen hier eine Fundgrube dar. Sie beschreibt ihren Schock und ihre Verzweiflung, als sie erfuhr, dass der Krieg erklärt wurde, ihr Entsetzen und ihre Enttäuschung über die Bewilligung der Kriegskredite durch ihre eigene Partei. Vor allem geht es aber um die Friedensaktivitäten, die sie als Initiatorin der Berner Konferenz vom März 1915 und der Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Stockholm im September 1917 selber anregt, und über die sie sich in ihrer Eigenschaft als Internationale Sekretärin mit ihren Korrespondentinnen u.a. in den Niederlanden oder in Russland ausführlich berät.

In diesen Briefen während des Krieges geht es nicht nur um Friedensfragen, frauenpolitische Fragen werden angesprochen. Verbindet Clara Zetkin Frauen- und Friedenspolitik?
Ja, dies kommt in mehreren Briefen und Dokumenten zum Ausdruck. So beschäftigt sie sich mit der Frauenarbeit vor dem und im Krieg, zeigt, dass die Kriegsgesellschaft ohne das Wirken der Frauen zusammenbricht. Aus dem Anteil der Frauen an der Arbeit für die Gesellschaft schließt sie die Pflicht der Gesellschaft, ihnen Rechte zu gewähren – so das Recht zur Mitentscheidung in Gemeinde, Staat und Reich. Frauen sollten sich dessen bewusst sein. Aus dem Frauenengagement für den Frieden schließt Clara Zetkin auch das Recht auf Mitwirkung an dem Friedenswerk für die Vertretung aller Frauen von allen Regierungen. Die Frauen- ist mit der Friedensfrage eng verbunden. So fordert sie immer wieder das Frauenwahlrecht, die Selbstbestimmung und die Eigenständigkeit der Frauenbewegung von der Parteiführung. Da leistet sie eine beeindruckende Frauennetzwerkarbeit in Europa.

1917 fand die Oktoberrevolution statt, die Clara Zetkin voll unterstützte, 1918 die Novemberrevolution. Es gibt wenige Briefe dazu, sondern ein Extrakapitel zur Debatte in der USPD über die Herrschaft der Bolschewiki im Sommer und Herbst 1918.
Durch einen offenen Brief von Clara Zetkin an die nichtöffentliche Reichskonferenz der USPD (September 1918) sind wir auf diese Debatte gestoßen, die unter den Linken auf hohem Niveau geführt wurde. Darin verteidigt sie die Diktatur des Proletariats als eine notwendige Vorstufe der sozialistischen Revolution, für sie ist es eine Frage der Taktik, bei der sie die Vision eines demokratischen Sozialismus nicht aus den Augen verliert. Ihr Plädoyer für die Bolschewiki, ihre Schwärmerei für das revolutionäre Russland, mit dem sie so viel verbindet, sind eng mit ihrer persönlichen Biografie verbunden. Sie hat aber eine eigene Meinung. Das zeigt sich in ihrer Einschätzung der Novemberrevolution gegenüber Rosa Luxemburg, und an ihrer Haltung zu Lassalle, einem der Gründerväter der SPD. Meinte sie noch „als sozialistisches Kücken“ (1878), sie würde ihm bis zum Nordpol folgen, so kritisiert sie 1918 seine eher mild verklärte Auffassung von der Revolution.

Die Briefe sind unter schweren Bedingungen entstanden. Zetkin ist krank und bangt um ihre Söhne und ihren Mann Friedrich Zundel, die sich im Krieg befinden. Sie selbst wird inhaftiert, verfolgt und bespitzelt, später (1917) als Redakteurin der Gleichheit entlassen. Hinzu kommen die Alltagssorgen.
Clara Zetkin kämpft um den Alltag, sie ist eine Praktikerin, sie ist Demokratin, weicht Problemen nicht aus, sucht die Auseinandersetzung. Es ist ein Wunder und umso anerkennenswerter, wie sie es unter solchen Bedingungen schafft, alle 14 Tage Die Gleichheit herauszugeben.

In den Briefen fällt auf, dass Zetkin versucht, die Leser/innen miteinzubeziehen, dass sie nicht nur über das politische Geschehen spricht, sondern über Kunst und Alltag.
Sie schreibt nicht missionarisch, sondern mit pädagogischer Feder, so dass man ihr in ihren Argumenten folgen kann. Sie macht ein Angebot, mit eigenen Erfahrungen das Beschriebene nachzuvollziehen. Zum anderen schließen sich bei ihr Kampf und Kultur nicht aus, in ihren Kampf bringt sie das Kulturelle ein. Ihr Salon in Stuttgart-Sillenbuch ist eine musische Kulturburg. Der Genuss von Musik und guter Literatur ist für sie wichtig. Ihre Briefe bezeugen, dass die Arbeiterbewegung zugleich eine Kulturbewegung ist, sie bringen das Humanistische zum Ausdruck.

Was überrascht Dich am meisten in den Briefen?
Das Erstaunlichste ist letztendlich wie viel inhaltlich in den Briefen steckt, wie viele Botschaften darin enthalten sind, wie zeitlos und aktuell sie sind. Alle Fragen werden angesprochen, welche die Menschen bewegen. Sie beschreibt zum Beispiel ihre Sorge um die Welt und um die Menschen gleichermaßen. Man lernt sie als Mensch kennen und schätzen. Sie kümmert sich nicht nur um die Familie und die Reproduktion des Alltags, sie arbeitet professionell als Redakteurin, genießt Natur, Kunst und Bildung und betätigt sich politisch. Sie lebt vor, wofür sie kämpft und regt an, sich in die Politik einzumischen.

Es sollen noch zwei weitere Bände erscheinen, die die Zeit von 1919 bis 1933 abdecken. Ist ein Erscheinungstermin schon in Sicht?
Nein. Es braucht Zeit, die Briefe von Clara Zetkin zu würdigen, und diese Zeit nehme ich mir.

Clara Zetkin: Die Kriegsbriefe (1914-1918), hrsg. von Marga Voigt, Karl Dietz Verlag 2016 Band 1, 559 S., 49,90 €
*Marga Voigt ist Slawistin und Bibliothekarin, arbeitet seit 2000 freiberuflich und ehrenamtlich an Projekten, Ausstellungen und Lesungen in der politischen Bildung.