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Herbst 3/2017

Was heißt schon Mehrheit?

Als wir den Schwerpunkt zu Dominanzkultur planten, ahnten wir nicht, welch traurige Aktualität dieses Thema gewinnen sollte. Einmal mehr wurden aus Schlagworten Brandsätze. Für ein weißes, christliches Europa, gegen „Islamisierung“ und „Kulturkommunisten“ wollte Anders Breivik ein Zeichen setzen und ermordete dafür 77 Menschen. Bei aller Fassungslosigkeit: Es liegt nahe, nach dem ideologischen und emotionalen Nährboden zu fragen, auf dem der Wahnsinn gedeihen und woraus er seine vermeintliche Legitimation ziehen konnte.
Aus verschiedenen Perspektiven widmen wir uns dem Thema Dominanzkultur.

Redakteurin Anna Schiff sprach mit Sineb El Masrar, der Herausgeberin des Frauenmagazins Gazelle, das unter anderem den interkulturellen Dialog auf Augenhöhe fördern will und wie so viele Frauenmagazine, die nicht den oberflächlichen Mainstream bedienen wollen, dringend Abonnentinnen sucht.

Miniatur der Heftseiten“Was ist eigentlich schlimmer: Homophobie, Transphobie, Sexismus oder Rassismus? „Identität kennt kein Entweder-Oder!“, so die Mitarbeiter_innen von LesMigraS, die über ihre Arbeit und den Ansatz der Mehrfachdiskriminierung berichten.

Redakteurin Isolde Aigner interviewte die Organisatoren des Macker Massakers, die sich mit ihrem eigenen „männlich“ sozialisierten Verhalten und mit „männlichen“ Machtpositionen auseinandersetzen sowie sexistische Zustände und Verhaltensweisen offenlegen wollen.

Die Mutter-Vater-Kind-Beziehung ist für viele die kleinste gesellschaftliche Einheit. Wie diese abhängig ist von einer Änderung der gesellschaftlichen Rollenzuschreibungen, beschreibt unsere Gastautorin Margret Karsch am Beispiel der modernen Familienpolitik in Schweden.

Auf welche Weise Gewalt und die Rollen von „Opfer“ und „Täter“ in unsere Kultur und in das Konzept der Zweigeschlechtlichkeit eingeschrieben sind, reflektiert Mithu M. Sanyal in der Rubrik „Meine feministische Wahrheit braucht Platz“.

Die Düsseldorfer Flüchtlingsinitiative STAY! macht mit Hilfe der Werbeagentur McCann mittels einer Plakatkampagne auf die Probleme schwangerer Migrantinnen ohne Papiere aufmerksam. Die Menschen und ihre Probleme werden von der Mehrheitsgesellschaft nicht wahrgenommen, was der Beitrag auf Seite 24 deutlich macht. Die Plakate drucken wir auf den nächsten Seiten ab, um die Initiative bei ihren Bemühungen zu unterstützen, dass auch diese Frauen und ihre Kinder medizinische Hilfe, Sozialleistungen und Unterstützung bekommen.
Dominanzkultur

Das Konzept der „Dominanzkultur“ wurde Mitte der 1990er Jahre von Birgit Rommelspacher entwickelt. Grundidee ist, dass nicht nur eine, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher Machtdimensionen die gesellschaftlichen Strukturen und das konkrete Zusammenleben bestimmen und im Sinne eines Dominanzgeflechts miteinander verwoben sind. „Kultur ist dabei u. a. auch als ein Medium zu begreifen, mit dem symbolische Grenzen gezogen werden und das den Menschen „ihre“ Position in der Gesellschaft zuweist. Denn über Kultur wird auch festgestellt, wer in der Norm lebt und sie repräsentiert und wer von ihr abweicht“, so Birgit Rommelspacher.1

An anderer Stelle schreibt sie: „(…) wir leben in einer Phase, in der das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft zu einer allseits anerkannten Tatsache geworden ist und nun die Verhandlungen über die Partizipationschancen der Neu-BürgerInnen begonnen haben. Bei diesen Aushandlungen geht es primär um Verteilungskonflikte in Bezug auf die Teilhabe am Reichtum, Zugang zur Bildung, politischen Einfluss und öffentlicher Repräsentanz. Diese Konflikte werden nun in erster Linie als kulturelle definiert, also als solche, die darauf verweisen, dass „die Fremden“ nicht richtig in die Gesellschaft passen und damit mindere Ansprüche haben. So werden die ungleichen Ausgangsbedingungen festgeklopft und den Ansprüchen ihre Legitimität entzogen. Der „Kulturkampf“ erweist sich so als ein Kampf um Partizipationschancen. Insofern geht es darum deutlich zu machen, dass Zuschreibung von Fremdheit eine wesentliche Funktion bei der Regulierung von Zugangsrechten hat. Denn hier werden gewissermaßen über eine quasi neutrale Feststellung kultureller Differenzen soziale Hierarchien legitimiert.“2
Demokratie statt Integration!

An der Debatte um Migration und die Thesen Thilo Sarrazins gebe es nichts zu versachlichen, denn nichts an ihr sei richtig, heißt es im Aufruf „Demokratie statt Integration“, der vom Netzwerk Kritische Migrations- und Grenzregimeforschung initiiert wurde:

„Wir wollen das Offensichtliche klar stellen. Wir leben in einer Einwanderungsgesellschaft. Das bedeutet: Wenn wir über die Verhältnisse und das Zusammenleben in dieser Gesellschaft sprechen wollen, dann müssen wir aufhören, von Integration zu reden. Integration heißt, dass man Menschen, die in diesem Land arbeiten, Kinder bekommen, alt werden und sterben, einen Verhaltenskodex aufnötigt, bevor sie gleichberechtigt dazugehören. Aber Demokratie ist kein Golfclub. Demokratie heißt, dass alle Menschen das Recht haben, für sich und gemeinsam zu befinden, wie sie miteinander leben wollen. Die Rede von der Integration ist eine Feindin der Demokratie.“
Critical whiteness – Weißsein zum Thema machen

Bell hooks beschreibt die „beispiellose, von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen und Intellektuellen kommende Unterstützung dafür, das Andere miteinzubeziehen – in der Theorie. Wahrhaftig, alle Welt scheint sich für die „Differenz“ ins Zeug zu legen, nur wollen offenbar zu wenige eine Differenz, bei der es um die Änderung einer politischen Strategie geht oder die tatkräftiges Engagement und den Kampf unterstützt.“ Sie plädiert für eine konsequente Analyse des Weißseins: „Das müsste doch interessant sein für all die Weißen, die den Schwarzen immer was über das Schwarzsein vorerzählen, damit sie erfahren, was es mit dem Weißsein auf sich hat. (…) Viele Wissenschaftler, Kritiker und Schriftsteller – Männer wie Frauen – schicken ihrer Arbeit die Bemerkung voraus, dass sie weiß sind, als reiche die Bekanntgabe dieser Tatsache aus, als enthalte sie alles, was wir über ihren Standpunkt, ihre Motivation und Richtung wissen müssen.“

Die Moderatorin und Künstlerin Noah Sow analysiert viele Facetten von unbewusstem Rassismus und gibt jenen Weißen, die z. B. ihren Erfolg in erster Linie ihrem Charakter und harter Arbeit zuschreiben, „Nachhilfe im Weißsein“: „Als weiße Deutsche haben Sie derzeit unter anderem von Geburt an die folgenden Privilegien:

als Individuum betrachtet zu werden
als vollwertiges Mitglied der Bevölkerung betrachtet zu werden
nicht automatisch als „fremd“ betrachtet zu werden
nicht rechtfertigen zu müssen, weshalb Sie in Ihrem eigenen Land leben oder weshalb Sie überhaupt in Ihrer Form und Farbe existieren
sich und Ihre Gruppe selbst benennen zu dürfen
alle Menschen, die nicht weiß sind, benennen, einteilen und kategorisieren zu dürfen
dass Ihre Anwesenheit als normal und selbstverständlich betrachtet wird
sich benehmen zu können, als spiele Ihre eigene ethnische Zugehörigkeit keine Rolle
jede andere Kultur nachäffen oder sich in Teilen aneignen zu können, ohne dafür von der Mehrheitskultur ausgegrenzt zu werden (ausgelacht vielleicht … ausgegrenzt aber nicht)
bestimmen zu dürfen, inwiefern die Errungenschaften und Meinungen aller Menschen, die nicht weiß sind, relevant sind, selbst wenn diese Menschen viel gebildeter sind als Sie
aufzuwachsen, ohne dass Sie rassistisch beleidigt werden können
in der Gesellschaft, in der Sie sich bewegen, öffentlich anonym bleiben zu können, wenn Sie wollen
nie darüber nachdenken zu müssen, ob Verdächtigungen oder Kontrollen vielleicht aufgrund Ihres vermeintlich anderen Aussehens erfolgen
Fremden Ihre Herkunft nicht erklären zu müssen
grundsätzlich ungehindert und unkontrolliert in die ganze Welt reisen zu können
auf Rassismus nicht reagieren zu müssen.“

Melanie Stitz

Inhalt dieser Ausgabe

Bist du lesbisch oder Migrant_in?

Identität kennt kein Entweder-Oder!

Flinke Tiere, die sich in der Steppe durchsetzen – Die Zeitschrift Gazelle

Gegen Mackertum und Sexismus

Familienpolitik

Das schwedische Doppelverdiener-Modell

Brandenburg: Bargeld statt Gutscheine

Meine feminstische Wahrheit


Das V-Wort

Fuck und Fiktion

Krieg und Frieden


Aus der Türkei: Frauenbewegung

Twinning-Projekt feiert Geburtstag

Mattel – Tod in der Spielzeugfabrik

Billig ist ungerecht – Femnet e. V.

Projekte


Flüchtlingsinitiative Stay!

Discover Football

Herstory


100 Jahre Hochschule für Frauen zu Leipzig

 

Gesehen


Vom Rand in der Mitte

Hinterher sagst Du, es tut Dir leid

 

Daten und Taten


Nawal el Saadawi / Monika Gerstendörfer

 

Außerdem

Korinthe: Bravo Sex-Test

Hexenfunk

gelesen

 

1 Birgit Rommelspacher: Interdependenzen – Geschlecht, Klasse und Ethnizität. Beitrag zum virtuellen Seminar Mai 2006

2Islamkritik und antimuslimische Positionen am Beispiel von Necla Kelek und Seyran Ates. In: Thorsten Gerald Schneiders (Hrsg.): Islamfeindlichkeit – Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen. Wiesbaden 2009, S. 433–456