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Herbst 3/2017

Mutter, Vater, Kind – Familienpolitik und Väterbewegung

Folgt man den Debatten der letzten Jahre, gewinnt man den Eindruck, dass die „Richtigen“ zu wenig und die „Falschen“ zu viele Kinder bekommen. Die „Richtigen“ sind gut situierte, gebildete Männer und Frauen in Lohn und Brot. Da hierzulande noch immer die Zugehörigkeit zu sozialen Schicht über den weiteren Lebensweg entscheidet, ist nämlich davon auszugehen, dass Kinder von Bessergestellten reibungslos und vermeintlich ohne staatliche Unterstützung zu Rentenkassenbeitragszahlern heranwachsen. Die „Falschen“, das sind Minderjährige, die auch in einem weitgehend sexualisierten öffentlichen Raum nicht gelernt haben,über Lust, Sex und Verhütung wirklich miteinander zu sprechen. Oder jene, die sich Kinder doch eigentlich gar nicht leisten können. Das neue Elterngeld ist denn auch ein Nullsummenspiel. Es wird finanziert durch Umverteilung von unten nach oben:Geringverdienende und Arbeitslose erhalten künftig nur noch 12 statt 24 Monate 300 Euro im Monat, also 3.600 Euro weniger als bisher.

Wird auch immer wieder der hohe Wert der Familie postuliert, misst man in der Praxis doch mit zweierlei Maß. ProAsyl dokumentiert zunehmend mehr Fälle, in denen Familien auseinandergerissen werden. Mal ist es ein Elternteil, mal sind es die gerade volljährig gewordenen Kinder, die abgeschoben werden, um die gesamte Familie auch mitten im Asylverfahren zur „freiwilligen Ausreise“ zu bewegen.

„Die Würde des Menschen steht unter Finanzierungs- vorbehalt.“

Am 2. April 2007 treten in Berlin alleinerziehende Mütter, AsylbewerberInnen und Erwerbslose gegen die fortschreitende Vernichtung sozialer Rechte in den Hungerstreik. Frauenrechts- und Friedensaktivistin Ellen Diederich begründet, warum sie mit dabei ist.

Andernorts werden Frauen mitunter gegen ihren Willen und ohne ihr Wissen sterilisiert, um ressourcenreiche Regenwälder zu entvölkern. Oder um die Frage der gerechten Verteilung von Essen,Bildung und medizinischer Versorgung einfach zu umgehen statt zu lösen. Obwohl Ressourcen vor allem in der sogenannten Ersten Welt maßlos verschwendet werden,wird die sogenannte „Überbevölkerung“ doch ausschließlich als ein Problem der sogenannte Dritte Welt behandelt.

Keimzelle des Patriarchats?

Den Schutz der Familie als Institution haben sich alle bürgerlichen Parteien auf die Fahnen geschrieben, zuletzt auch die Grünen. Die traten einst an, den traditionellen Familienbegriff zu demontieren. Damals, in den 1970er Jahren, stand die Institution der Familie noch zur Diskussion.Vor allem die Kleinfamilie reproduziere autoritäre, patriarchale Strukturen, festige die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, mache ihre Mitglieder unglücklich und neurotisch. Schnee von gestern? Geben die Grünen nach ihrem Pazifismus nun auch diesen Aspekt ihres Selbstverständnisses preis?

Vielleicht ist die Familie mittlerweile ja eine bessere geworden. Bedenklich stimmen allerdings die Ergebnisse der viel beachteten Studie „Vom Rand zur Mitte“ der Friedrich-Ebert-Stiftung, in der die Autoren u.a. autoritäre und lieblose Erziehungsstile als Ursache für rechtsextreme Einstellungen ausmachen.

Sicher sind mehr Frauen und Männer guten Willens, die reproduktiven Arbeiten zu teilen, und erweitern Männer ihren Begriff von Elterlichkeit. Allein der gute Wille reicht nicht aus.Die Arbeitsteilung basiert nicht allein auf privater Übereinkunft.Finanzielle Überlegungen führen meist zur „vernünftigsten“, vorgeblich freien und individuellen Entscheidung, dass ER den Job behält und SIE zu Hause bleibt. Dank Mutterschutz hat SIE allein 12 Wochen Zeit,sich einzufinden in die neue Rolle. Sie studiert Ratgeber, lernt Wickeln und Versorgen,baut die innigste Beziehung zum Baby auf, wird zwangsläufig zur Fachfrau.Vermutlich wird SIE, da sie schon mal zuhause ist, Einkauf, Essen und Wäsche machen. In dieser Situation lässt sich eine partnerschaftliche Arbeitsteilung kaum aufrecht erhalten. In der Schweiz führte Bundesrätin Leuthard daher für ihre MitarbeiterInnen im Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartment den bezahlten Vaterschaftsurlaub von fünf Tagen ein. Unbezahlt kann der Vater weitere 20 Tage zu Hause bleiben. Ein kleiner, wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Mutterkult und Rabenmütter

Es gibt sie, all jene, die andere Modelle realisieren, die in WG’s leben oder in einem Mietshaus mit offenen Türen, die eine KiTa in Wohnortnähe für Unter-Dreijährige gefunden haben, die willens sind, ihr Kind auch abzugeben.Sie brauchen oft ein dickes Fell. Auf die „Rabenmütter“ – übrigens ein Wort, das es nur im Deutschen gibt und nie auf „Väter“ endet – wird noch immer sozialer Druck ausgeübt. Zwei Jahre ist es her, da wurde die im Irak als Geisel genommene Frau Osthoff verbal dafür gesteinigt, dass ihre Tochter im Internat wohnt. Und in manch einer KiTa kleinbürgerlich-linksliberaler Prägung müssen sich alleinerziehende, berufstätige Mütter immer wieder rechtfertigen, wenn sie sich von Aufsichtsdiensten „freikaufen“.

Dann wäre da noch jener Flügel der Mütterbewegung, der aus dem Status Quo eine Tugend macht,Elterlichkeit zum Monopol der Mütter und Lohnarbeit zur „männlich- entmenschlichten“ Sphäre erklärt.

Manch eine geht gänzlich auf in der Verantwortung. Die hat eher zugenommen. Die Ideologie korrespondiert mit den Erfordernissen der Verwertungslogik:Früher galt es, Kinder zu ernähren und gesund zu halten, auf dass sie taugen zum Kanonenfutter. Heute braucht das System Humankapital, das hinreichend smart, kommunikativ und emotional intelligent ist.In diesem Kontext hat Kindheit historisch wohl erstmalig auch glücklich zu sein.„Gute“ Eltern laufen also nicht nur meilenweit für eine Bio-Pastinake, waschen Stoffwindeln und stillen nach Bedarf,sie bringen das Kind auch zum Pekip und in die musikalische Früherziehung. Dabei überwinden sie tapfer die Barrieren im öffentlichen Nahverkehr. Sie finden das richtige Maß zwischen Förderung und Überforderung – für ihren Nachwuchs versteht sich. Sie impfen nicht wild drauf los, sondern informieren sich aufwendig.

Damit wir uns richtig verstehen: Wir wollen glückliche Kinder! Sich dafür zu verausgaben macht sicher mehr Sinn, als sich in manch einem Job zu verschleißen.Doch es besteht die Gefahr, einer Illusion aufzusitzen: dass wir – jede für sich oder gar in (mütterlicher) Konkurrenz zueinander – im Privaten eine andere Welt erschaffen könnten. Frei von Umweltgiften, frei von Zwängen. Unter dem Eindruck der Mütterbewegung, welche nach der Tschernobyl-Ka– tatrophe besonderen Aufwind erhielt, schrieb Katja Leyrer 1989 in ihrem Buch „Rabenmutter –Na und?“:

„Wir sind verantwortlich für die Zukunft unserer Gesellschaft. Aber nicht nur für unsere eigenen Kinder und auch nicht allein auf Grund der Tatsache,dass wir Mütter sind. Die Zukunft unserer Gesellschaft wird mit Sicherheit nicht davon abhängig sein, ob wir das Karottenbreichen für das eigene Luxuskind selbst zubereiten oder dafür sorgen,dass auf dunklen Kanälen herbeiorganisierte bequerelarme Milch aus Mallorca in der Kindergruppe verfüttert wird. Mit solchen Verhaltensweisen beschränken wir uns freiwillig auf den Frauen stets zugedachten Rahmen:Trümmer wegräumen, alte Zustände wieder herstellen, nur noch die Privatheit als politisch begreifen. Unsere Kinder werden mit Sicherheit nicht verständnisvoll reagieren, wenn wir ihnen auf die Frage, was wir gegen Atomenergie gemacht haben, sagen: `Ich habe geweint und für deine Nahrung gesorgt.´ Und unsere Töchter werden ihre Mütter nicht dafür bewundern,dass sie im Verbund mit Bevölkerungspolitikern aller Couleur die Mutterschaft wieder zum Gipfelpunkt weiblichen Verhaltens erklärt haben.“

Für eine kindergerechte – in anderen Worten: menschengerechte – Welt!

Was also tun? Sich kontinuierlich, gemeinsam und solidarisch stark machen für die bedarfsgerechte Unterstützung einkommensschwacher Familien, um Kinderarmut zu verhindern.Anstatt vorzugsweise Frauen den Berufsausstieg finanziell zu versüßen, eine fundamentale Umgestaltung der Lohnarbeit einfordern.Das heißt Arbeitszeit reduzieren und der Flexibilisierung Einhalt bieten. Wir brauchen keinen verkaufsoffenen Sonntag – stattdessen mehr Zeit für reproduktive Arbeiten und soziales Leben,für kulturelles und politisches Engagement – für Männer und Frauen gleichermaßen. Damit wir Kinder guten Gewissens auch anderen anvertrauen können: öffentliche Kinderbetreuung, ganztägig, mit guter personeller Ausstattung. Kinder vor Missbrauch schützen, sie befähigen und ermutigen, Grenzen zu setzen und Bedürfnisse zu formulieren. Nahrungsmittel frei von Schadstoffen sowie ein ökologischer, nachhaltiger Umgang mit Ressourcen. Über elterliche und gesamtgesellschaftliche Verpflichtungen gegenüber Kindern, über Kinderrechte und Rolle zuweisungen diskutieren.Möge auch mancher Spiegel-Redateur die Kastration befürchten: Jungen brauchen Unterstützung, um ihr Selbstbild um Aspekte wie Fürsorglichkeit und Empathie zu erweitern, so wie Mädchen Unterstützung brauchen, ihre Fähigkeiten auch beruflich zu realisieren. Dann wäre da noch ein barrierefreier öffentlicher Raum und Bedingungen, die Eltern erlauben, sich auch für ein Kind mit Behinderung zu entscheiden. Hinsehen,Verantwortung übernehmen und Mitanpacken,wenn es um die Kinder „der Anderen“ geht – hier und andernorts. Moralische und praktische Unterstützung für Modelle auch jenseits von „Vater-Mutter-Kind“ – sei es die Großfamilie, Wohngemeinschaft oder gleichgeschlechtliche PartnerInnenschaft.

Melanie Stitz und Gabriele Bischoff

 

Inhalt dieser Ausgabe

Geschichte der Familie

Ursula Siemens skizziert den Ursprung der patriarchalen Familie

Zum Wohle des Kindes – zwischen Einvernehmen und Gezerre

Sabine Timmermann analysiert das Kindschaftsrecht

Väter zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Andreas Martin misst die neuen Väter an ihren Ansprüchen

Lesben und Kinderwunsch

Broschüre und Familienportrait von Claudia Friedrich

Der ewige Macho – Männer mit Migrationshintergrund

Zwischen Skandalisierung und Vernachlässigung – Michael Tunc verweist auf die blinden Flecken in der Väterforschung

Infos zum Schwerpunkt

 

Krieg und Frieden


Interview mit Diaryatou Bah

Interview: Florence Hervé

Der verlorene Kampf um die Wörter – Opferfeindliche Sprache bei sexualisierter Gewalt

Monika Gerstendörfer

Die Mission von „Machsom Watch“

Israelische Frauengruppe prangert die Zustände an Kontrollpunkten an

Karin Leukefeld

1000 Frauen für den Frieden

Das Frauenforum der Stadt Düsseldorf zeigt Austellung

 

Projekte


Frauenkultur e.V. Leipzig

 

Kultur


Deiner Augen Gestalt und Adel

Giséle Celan-Lestrange (1927-1991)

Ute Bruckinger

 

Kommentare/Diskussionen


Projektionsfläche Islam

Über politische Beschäftigungstherapie und Ablenkungsmanöver

Dr. Sabine Schiffer

Gender Mainstreaming: Vom Raub der Jungs-Identität

Zum Artikel von René Pfister: „Der neue Mensch“, Spiegel 1/2007

 

Herstory


Geliebt und gehasst

Clara Zetkin (2.7.1857-20.6.1933)

 


 

Aus dem Leben gegriffen

Glosse

Melanie Krebs

 

Die Krabbenfischerin

Umweltaktivistin für Kampf gegen Umweltzerstörung ausgezeichnet

Christina Ledermann

 

Daten und Taten

Emma Herwegh und Ruth Werner

Mechthilde Vahsen, Cristina Fischer

 

Außerdem

gelesen

gesehen