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Herbst 3/2017

Männerbewegung = Männer in Bewegung?!

Es war einmal: Der Mann, der ein Mann und obendrein ein Mann war.“ So überaus tiefsinnig begann 1989 der Leitartikel des „Spiegels“ zur vermeintlichen „Krise“ und „Entwertung des Mannes“ und den sich etablierenden Männerbewegungen. Der Soziologe Professor Dr. Walter Hollstein, höchst besorgt von dieser Entwicklung, zeichnete eine düstere Prognose für das Geschlechterverhältnis. Er ging davon aus, „dass sich die Identitätskrise der Männer in den nächsten Jahren zunehmend irrational äußern und politisch entladen wird.“

Wo steht das männliche Geschlecht heute?

Immer mehr Medien wie wissenschaftliche Tagungen stellen die „krisenhafte“ Rolle des Mannes in den Fokus. So fand der Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann heraus, dass Jungen sich den Herausforderungen des Schul- und Berufslebens nicht stellen und in einem „Rollengefängnis“ befinden. Der breit gefächerten Debatte um Jungen und Männer – auch im wissenschaftlichen Diskurs – widmen sich ganz unterschiedlich orientierte Männerbewegungen.

Besonders aktiv ist die maskulinistische Bewegung, eine radikal antifeministisch ausgerichtete Bewegung von Männern und Frauen, die hoch emotionalisiert, pathetisch und hitzig das Ende des männlichen Geschlechts heraufbeschwört. Hollsteins Prognose von einer „irrational“ entladenden Reaktion der Männer aus dem Jahr 1989 kommt also zum Tragen.

Für die Maskulinisten ist nicht nur die Gleichstellung von Mann und Frau erreicht, sie sprechen vielmehr von einer gesamtgesellschaftlichen Benachteiligung der Männer. Vor allem die Rechts-praxis in Familien- und Scheidungsfragen ist für sie väterfeindlich. Schuld daran ist für die Maskulinisten vor allem „der Feminismus“. Seine Ideologie zerstöre nicht nur Familien und Ehen, sondern durchdringe sämtliche öffentlichen Institutionen und breite sich ähnlich einer Seuche über den Planeten aus. Gleichstellungsprogramme wie Gender Mainstreaming stehen im Zeichen einer kollektiven „Umerziehung“ des Mannes. Die Maskulinisten pochen auf eine biologisch geprägte Geschlechtsidentität und wollen so das Territorium „Patriarchat“ mit allen Mitteln verteidigen. Hier spiegelt sich die Ohnmacht und Hilflosigkeit der Maskulinisten wider: Jenseits der Idealvorstellung ihres Machtvakuums scheinen sie nichts zu haben, auf das sie sich besinnen könnten. Als eine ihrer Strategien dient ihnen die Instrumentalisierung von Gewalt von Frauen gegen Männer, die sie für den Kampf gegen frauenpolitische Maßnahmen ausschlachten und die Gewalt gegen Frauen relativieren oder sogar leugnen.

Die Maskulinisten sind vor allem in Internetblogs und Plattformen aktiv, genauso wie in Foren zu Online-Artikeln zu Geschlechterthemen. Oftmals sind diese Beiträge an Geschmacklosigkeit und Perversität nicht zu überbieten und machen selbst vor Mord- und Vergewaltigungsdrohungen nicht halt. Hier überwiegt ein martialischer Ton, der alles, was sich kritisch zur maskulinistischen Bewegung äußert, niedermähen will.

So schreibt „Joe“ auf der Internetseite der „Freien Welt“ über Mitglieder in einer feministischen Nicht-Regierungsorganisation: „Für die Personen selbst hilft nur eine Widerauflage der Nürnberger Prozesse.“ Auch Männerbewegte, die sich feministischen Foren und Diskussionen öffneten, wurden massiv diffamiert. Ein Männerbewegter berichtet, er sei in „Maskuforen“ beleidigt und als „Lila Pudel“ bezeichnet worden. Seine Einschätzung: „Diese Szene schadet in erheblicher Weise vernünftigen Männerbewegten, die eine Weiterentwicklung der Geschlechterverhältnisse in gegenseitiger Empathiebereitschaft und Wertschätzung wollen“. Die Widersprüchlichkeit jener Gruppierungen zeigt sich deutlich: Einerseits verwehren sie sich gegen das Stigma des gewalttätigen Mannes, andererseits bestätigen sie gerade dieses. Eine der größten maskulinistischen Gruppierungen dürfte die Initiative manndat e. V. sein. Schon im Februar 2008 stellte die neurechte Zeitung „Die Junge Freiheit“ unter dem Titel „Freiheit statt Feminismus“ die Organisation vor. Das ist kein Einzelfall. Es gibt etliche Überschneidungen zwischen rechter und maskulinistischer Bewegung, so benutzen sie gleiche Begrifflichkeiten, wie „Umerziehung“ und „Feminisierung der Gesellschaft“. Der maskulinistisch orientierte Deutschlandfunk-Redakteur Jürgen Liminiski ist gleichzeitig gelegentlicher Kommentator in der „Jungen Freiheit“. Auch der Maskulinist Arne Hoffmann war hier präsent. Hoffmann, der inzwischen Mitglied der Piratenpartei ist, hat sich bisher in Stellungnahmen nicht von der neurechten Zeitung distanziert. Seine Begründung: „Ich würde auch lieber Zeitungen meiner eigenen politischen Ausrichtung wie der „taz“ oder der „Frankfurter Rundschau“ Interviews geben, aber dort besteht an einer fairen Auseinandersetzung mit der Männerrechtsbewegung und ihren Themen keinerlei Interesse.“

Hoffmann zählt sich inzwischen zu dem Teil der maskulinistischen Bewegung, die mithilfe eines etwas gemäßigten Tons in die öffentlichen Debatten einzutauchen versucht. Er ist Gründungsmitglied der Initiative Agens e. V. Hier heißt es, „echte Geschlechterdemokratie“ erlaube es beiden Geschlechtern, sich nach eigener Wahl und eigenem Lebensentwurf in Beruf und Familie aufzuhalten. „Wir müssen uns die Freiheit erkämpfen, über neue Modelle, jenseits des Zwangs zur Erwerbstätigkeit bis zur Erschöpfung, nachdenken zu dürfen.“ Hinter den vermeintlich emanzipatorischen Worten steckt eine ganze Riege maskulinistischer Vorkämpfer: Gerhard Amendt, der die männerfeindliche Gesellschaft beklagt, außerdem Eckhart Kuhla sowie der Mitarbeiter der Konrad Adenauer-Stiftung Rheinland-Pfalz, Karl-Heinz von Lier. Die Mitglieder von Agens e. V. berufen sich seit Kurzem auf die sogenannte „Niersteiner Erklärung“, die auf die biologisch geprägten Geschlechterunterschiede verweist und die Benachteiligung von Frauen leugnet.

Ganz anders ist die antisexistische, dekonstruktivistische Männer- und Jungenarbeit. Diese Bewegung ist immer noch bei wissenschaftlichen Kongressen eher im Hintergrund. Sie geht davon aus, dass männliche wie weibliche Identität konstruiert werden. Um freie, selbstbestimmte Lebensformen zu ermöglichen, müssen diese dekonstruiert werden. Als Beispiel sind hier die Vereine dissens e. V. und pat-ex e. V. zu nennen. Dort lernen Jungen wie Mädchen, neue Seiten an sich zu entdecken, dass es vielfältige Möglichkeiten gibt, ihre Fähigkeiten selbstbewusst zu entwickeln, ohne sich dabei an vermeintlich männlichen Dominanzstrukturen und vermeintlich weiblichen Sozialisationen entlang zu hangeln. Jungen und Mädchen können lernen, Fähigkeiten zu entwickeln, die Selbstbewusstsein und Selbstbehauptung stärken.

Die Ziele sind die Erhöhung der Konfliktlösungsfähigkeit, der Abbau von Ohnmachtsgefühlen und das Aufzeigen von Handlungsmöglichkeiten, ohne auf die (Ohn-)Macht patriarchalischer Dominanzkultur zurückzugreifen. Weil diese Bewegung die zugeschriebene Männlichkeit ablehnt, bezeichnen Maskulinisten sie als „männerfeindlich“ und „selbstverleugnend“.

Die Dominanz der Maskulinisten und ihre neue Strategie: Antifeminismus und Sexismus im Namen der „Geschlechterdemokratie“ sind eine perfide Mischung, die den Dialog zwischen den Geschlechtern nicht eröffnet, sondern zerstört. Mit ihrem Ideal „Roleback“ sind sie es, die das erzeugen, was sie dem Feminismus vorwerfen: die Diskriminierung der Männer! Diese wachsende Bewegung muss durch Wissenschaft und Medien entlarvt und überführt und durch kritische Analysen und Konzepte zum männlichen Geschlecht ersetzt werden.

Die antisexistischen, dekonstruktivistischen Debatten müssen Teil öffentlicher Diskussion sowie von Erziehung und Bildung werden für ein neues, lebenswertes Geschlechterverhältnis. Ein Impuls hierfür könnte das „Grüne Männermanifest“ sein: „Wir wollen nicht länger Machos sein dürfen.“ Die VerfasserInnen appellieren: „Männer, gebt Macht ab, es lohnt sich“ und beklagen: „Was oft fehlt, sind die positiven Rollenbilder einer anderen, neuen Männlichkeit.“ Zur Realisierung wollen sie eine „paritätische Aufteilung der Elternzeit und neue Arbeitsmodelle für Männer jenseits des Alleinverdienermodells“.

In dieser Ausgabe gehen wir auf die gesellschaftliche Rolle des Mannes ein und stellen die unterschiedlichen Facetten der Männerbewegung, ihre Ideale, Ziele und Vorgehensweisen vor. Heike Friauf zeichnet die aktuellen biologistischen Debatten und Strategien nach und beleuchtet ihre Parallelen zur Rassenforschung. Maskulinismus im Netz, seine Bedrohungen und Attacken gegenüber Feministinnen – ein brisantes Thema, das Elena Bütow vorstellt. Die Journalistin Ute Scheub stellt ihr aktuelles Buch „Heldendämmerung. Die Krise der Männer und warum sie auch für Frauen gefährlich ist“ über das ausgediente traditionalistische Männerbild und die Folgen für Geschlechterverhältnis und Gesellschaft vor. Der Männerkongress in Düsseldorf als Forum antifeministischer Pamphlete? Isolde Aigner berichtet über ihre Beobachtungen rund um den Kongress. Gabriele Bischoff hat sich die Konzepte einer selbstbewussten Jungenarbeit in NRW angesehen. Die „Freundinnen der Dialektik“ nehmen Argumente gegen die Vier-in-einem-Perspektive aufs Korn: Den Arbeitsbegriff um alles sinnvolle und notwendige Tun zu erweitern, diese Arbeit dann auch noch gerecht zu verteilen – diese feministische Utopie stößt auf Widerstand, vor allem bei jenen, die noch an „natürliche Zuständigkeiten“ glauben und ihre Pfründe bewahren wollen.

Isolde Aigner

 

Inhalt dieser Ausgabe

Krankenschein für die Männlichkeit

Isolde Aigners Beobachtungen auf einem Männerkongress

Schuld ist nur der Feminismus

Elena Bütow über die Jagd im Web 2.0

Ruhe bewahren und Aufruhr vermeiden

Ein satirisches Meistern der Krise

Endlich wieder Frau sein dürfen

Vom neuen/alten Biologismus erzählt Heike Friauf

Initiative Jungenarbeit

Gabriele Bischoff hat recherchiert

Heldendämmerung

Ute Scheub beschreibt die Krise der Männer

 

Meine feminstische Wahrheit


Eure Wahrheiten

Gretchenfragen zum 8. März

 

Krieg und Frieden


Chile: Angehörige fordern Wahrheit

Weltweit: Justice for Janitors Day

Kommentare


Equal Pay Day

 

Projekte


Genderwerkstatt

Frauen und „Totaloperation“

 

Kultur


Gabriele Münter Preis 2010

Florence Hervé über die Wüste

Herstory

Spuren suchen – Spuren finden

Mexikanische Frauenzeitschriften zur Jahrhundertwende

Gesehen


Spot zur Gewaltprävention

 

Daten und Taten


Johanna Kinkel / Eva Kollisch

 

Außerdem

Korinthe: Die Bundeswehr am Girl´s Day

Hexenfunk

gelesen