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Frühjahr 1/2017

Liebe

Sie ist bei der Ordnung und bei ihrer Subversion. Sie ist das Persönlichste, dem die unpersönlichsten Institutionen – Staat, Kirche, Kapital – ihre Sprache entnehmen. Sie geht mit ihrem Gegenteil, dem Hass, schwanger und ist mit Leben und Tod geladen. Sie strebt ins Freie und verbindet sich mit Macht und Herrschaft. Entwaffnet sie hier die Gewalt, bedient sie sich ihrer dort. Sie ist die Hingabe, die der Ausbeutung anheimfällt. Sie kann einer Schutzhaft gleichen und ist zugleich das Verlangen, daraus zu entkommen. Sie rührt an den Sinn des Lebens und fungiert als Ersatz dafür“[1], schreibt Wolfgang Fritz Haug zum Stichwort „Liebe“ im Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus.

Auf den darauffolgenden Seiten analysiert Frigga Haug die Liebe im Wandel der Epochen, angefangen im alten Mesopotamien bis hin zur Gegenwart: Stets bestimmen die Verhältnisse, wen, warum und wie wir lieben. Über Jahrhunderte kommen Frauen gar nicht zu Wort und werden von den Philosophen nur als Liebes-Objekte gedacht. Früh schon werden Liebe und Sexualität voneinander gespalten. Die Liebe wird zur Frauensache. Frigga Haug konstatiert „die durchgängige Verschiebung der Frau in ein Liebesobjekt, die qua Arbeitsteilung es den bürgerlichen männlichen Subjekten erlaubt, ihren Geschäften nachzugehen und die Liebe beiher zu pflegen, als sei sie ein Hobby. Dies ist in bürgerlicher Gesellschaft der formal gleichen nicht möglich ohne die Mitwirkung der Frauen. Ihre Unterwerfung wird von ihnen bejahend als Liebe gelebt.“[2] Sie verweist auf Alexandra Kollontai, Virginia Woolf, Simone de Beauvoir, Ingeborg Bachmann, Shulamit Firestone, Elfriede Jelinek, Christa Wolf und andere: Sie alle erzählen von der Unmöglichkeit, zu lieben. Die Liebe erscheint ihnen (selbst-)mörderisch, nicht selten bezahlen Frauen sie mit Selbstaufgabe, Gefangenschaft, Wahnsinn und Tod.

Rosemary Hennessy beschreibt den Funktionswandel der Familie: Die Zwangsheterosexualität erfülle bestens ihren kapitalistischen Zweck, solange es gilt, für den expandierenden Markt unermüdlich billige Arbeitskräfte herzustellen – patriarchale Herrschaft, unbezahlte Hausarbeit und geschlechtliche Arbeitsteilung dienen diesem Ziel vortrefflich. Mit der Verbreitung der Lohnarbeit kommen weitere Anforderungen an die Familie hinzu. Sie soll nun vor allem auch ein emotionaler Schutzraum sein, in dem man(n) sich von der Konkurrenz auf dem Markt erholt, um am nächsten Tag frisch gestärkt und gefügig erneut ans Werk zu gehen. Liebesbeziehungen sollen nicht länger „nur“ ökonomische Sicherheit, sondern auch Intimität, Glück und Lust garantieren.

Die zunehmende Toleranz gegenüber Lesben und Schwulen stelle die herrschende Arbeitsteilung und die reproduktive Bedeutung der Privatsphäre keineswegs in Frage.[3] Es genüge daher nicht, sich auf „einen Idealismus der Lust, auf Familienromantik und individualisiertes Begehren (zu) berufen“. Vielmehr müssen wir „Sexualität, eingeschlossen lesbische Sexualität, als Teil größerer Prozesse gesellschaftlicher Produktion begreifen, die immer noch unabweislich und rücksichtslos auf der geschlechtlichen Arbeitsteilung und der Teilung der Menschheit in Besitzende und Besitzlose bestehen“[4], argumentiert Hennessy.

Ungeachtet der langen feministischen Tradition, die Liebe unter Herrschaftsverhältnissen zu problematisieren, währt die Idealisierung der Paarbeziehung ungebrochen fort. Sie gilt als Maßstab „gelungenen Lebens“ und wird täglich auf allen kulturellen Kanälen besungen.

Unser Verlangen gebahnt und somit gebannt in die Zweierbeziehung, lassen wir die Welt da draußen, wie sie ist. Dort üben wir uns in wendiger Anpassung, fügen uns in entfremdete Lohnarbeit, sind hart gegen uns und andere und akzeptieren die Maßgabe, dass nur wer profitabel ist, auch essen darf. Zu Hause dann wollen wir ganz „bei uns“ sein, von Arbeit nicht mehr sprechen, wollen geliebt werden ohne Bedingungen und um unserer selbst. Dass diese Trennung so nicht funktioniert, dass sie eine illusorische ist, das erleben viele jeden Tag – und verbuchen es womöglich als „persönliches Versagen“.

Die Liebe hält als Projektionsfläche her und scheint die Heilung aller Kränkungen und Erfüllung aller Bedürfnisse zu versprechen. Mit der Heraufkunft des Bürgertums, schreibt Frigga Haug, „dramatisiert sich die Geschichte der Liebe. Es entsteht eine Art Leerstelle des Verlangens nach Geborgenheit, Nichtberechnung, Barmherzigkeit, Mitleid, umfassender Sorge. Dies kann auf dem zweiten Fundament in der Liebes-Geschichte gedeihen: der welthistorischen Unterwerfung der Frauen. Diese stellt die Dialektik der Liebe still.“[5]

Auch der Mutterliebe wäre ein eigenes Kapitel zu widmen, ebenso der als Sozialtechnik eingeforderten „Fähigkeit zur Selbstliebe“. Jene füllt Regale von Ratgeberliteratur und Seiten von Frauenzeitschriften. Sie soll harmlos bleiben („Genießen Sie wieder einmal den Moment, ganz zweckfrei, schon 10 Minuten am Tag genügen!“), ihren Ausdruck finden in Konsum und verstanden werden als private Angelegenheit zwischen mir und mir selbst („Seien Sie wertschätzend sich selbst gegenüber!“).

Womöglich ist zu lieben nur dann subversiv, wenn wir uns weigern, unsere Liebe zu beschränken auf uns selbst, eine Partnerin/einen Partner oder die „eigenen Leute“, wenn wir auf der Hut sind, dass sie nicht zum illusorischen Ersatz wird für unser Verlangen nach anderen Verhältnissen und dass sie uns nicht aussöhnt mit der Entfremdung, die wir „da draußen“ erfahren. Wenn wir sie also maßlos ausdehnen auf alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, auf Politik und Produktion, ohne Halt vor nationalen und anderen Grenzen.

In dieser Ausgabe empfiehlt Anna Schiff Solidarität – mit anderen und mit uns selbst, statt „(Selbst-)Liebe in Tüten“. Christina Mohr stellt Liebeslieder vor, darunter auch einige, die mehr zu bieten haben als die üblichen Boy-meets-girl/Girl-meets-boy-Stories. „Nicht-monogames Lieben und Begehren steckt voller (un)vereinter Gegensätze und Herausforderungen“, schreibt Isolde Aigner in dieser Ausgabe und stellt Liebesweisen jenseits der Paarbeziehung vor. Rebekka Dorn fragt in ihrem Beitrag „Nachdenken über den Beziehungsstatus“, warum Beziehungen überhaupt klassifiziert werden müssen. Florence Hervé sprach mit Kathi Diamant, die über Dora Diamant – Kafkas letzte Liebe – eine Biografie geschrieben hat. Und Katharina Volk erinnert daran, wie Alexandra Kollontai über Liebe als „Besitzverhältnis“ gedacht hat.

Melanie Stitz

[1] Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus (HKWM) 8/I, Hamburg 2012, S. 1067.
[2] a. a. O., S. 1106.
[3] Rosemary Hennessy: „Lesbisches Begehren im Spätkapitalismus: Queer – Klasse – Handlung“ in: Befreiung in der Postmoderne. Das Argument 216, Hamburg 1996, S. 539–550, S. 547.
[4] a. a. O., S. 549.
[5] HKWM 8/I, S. 1106.

 

Inhalt dieser Ausgabe

Mono? Poly!

Von Isolde Aigner

Immer wieder – Liebeslieder

Von Christina Mohr

Nachdenken über den Beziehungsstatus

Von Rebekka Dorn

Alexandra Kollontai und die Vielseitigkeit der Liebe

Von Katharina Volk

(Selbst-)Liebe in Tüten

Von Anna Schiff

Kafka´s letzte Liebe: Dora Diamant

Von Florence Hervé

Meine feminstische Wahrheit


Initiative feministischer Wissenschaftlerinnen: Neuausrichtung feministischer Kritik

Krieg und Frieden


Antizigane Stimmungen

„Knit your own truck“

Schluss mit Hungerlöhnen für Naherinnen

Projekte


Ein „Man for a day“-Workshop-Erlebnis

Streetart-Projekt „Reklammer the streets!“

 

Herstory


Der Streik der Arbeiterinnen bei Pierburg in Neuss 1973

In Memorian: Johanna Ludwig

Kultur


Kultur- und Kreativwirtschaft

Interview mit Sookee – Teil 2

Daten und Taten


Maria Berg / Julie Wolfthorn

 

Außerdem

Hexenfunk

Gelesen

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