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Sommer 2/2017

Im Osten was Neues?

Längst ist sie abgewickelt, die ehemalige DDR. So gründlich einverleibt, dass kaum etwas übrig blieb. Musste der Westen sich einst noch als überlegen und in der Lösung sozialer Fragen zumindest als gleichrangig beweisen, gibt es nun kein „anderes Deutschland“ mehr. Die „beste und freieste“ aller Welten – in anderen Worten der zügellose Neoliberalismus – hat sich ökonomisch und ideologisch durchgesetzt. „Freiheit“ meint hier und heute volles individuelles Risiko und das Recht – Einkommen vorausgesetzt – in kunterbunter Warenwelt zu konsumieren.

Heute wird viel diskutiert über die Frage, ob und wie an die DDR zu erinnern sei.

Die Aufarbeitung und das Erinnern haben sich professionalisiert. Inzwischen hängen Jobs und Gelder an der Frage, wie viele Stasi-MitarbeiterInnen wohl noch zu outen sind. Berufsverbote in der BRD? Bespitzelung von AnwältInnen und JournalIstinnen durch den BND? Wen interessiert das schon? Noch immer Hip erscheint das harmlose Erinnern an Gegenstände des DDR-Alltags. Das Mobiliar, die Ampelmännchen – was waren sie doch putzig. Angesichts des massiven Abbaus von sozialstaatlichen Standards und ArbeitnehmerInnenrechten, und angesichts der grundlegenden Entwertung menschlicher Arbeit, gibt es aber auch ein wehmütiges Erinnern an einen historischen Versuch, mitten in Europa dem Kapitalismus zu trotzen, ein Recht auf Arbeit zu postulieren, sich der internationalen Solidarität zu verpflichten, öffentliche Kinderbetreuung sicherzustellen… Woran ist der Versuch gescheitert? Am Inseldasein inmitten eines feindlichen Umfeldes, an bürokratischen Verkrustungen, am mangelnden Vertrauen in den „neuen Menschen“…? Was lehrt uns das, die wir eine andere Welt immer noch für möglich halten? Beim Annähern an unser Thema wurde uns deutlich, welch unterschiedliche Rolle die Annexion der DDR an die BRD in unseren politischen Biografien gespielt hat.

Der Blick zurück, ganz unbefangen – gibt es das? Cristina Fischer schreibt über ein Buch der Amerikanerin Helen Frink, welche aus größerer Distanz die Lage der Frauen in der DDR und nach der Wiedervereinigung untersucht hat.

Ganz und gar nicht unbefangen sind dagegen die Zitate, mit denen wir den Schwerpunkt gespickt haben. Wir haben sie aus dem Buch „Die DDR im Zerrspiegel der Massenmedien“ von Florence Hervé entnommen (Frankfurt am Main 1977). Sie stammen aus westdeutschen Publikationen der 50er Jahren und kommentieren die Familienpolitik der DDR. Erschreckend aktuell erscheint die damalige Sorge um die „wahre Natur“ der Frau, welche dringend vor zuviel Selbständigkeit und ökonomischer Unabhängigkeit geschützt werden müsse.

Ob es in der DDR eigentlich Feminismus gab? Dieser Frage geht Cristina Fischer in einem weiteren Artikel nach. Die Frauenrechtlerin Helga Hörz beschreibt ihre sehr persönliche Erfahrung mit einer doppelten Abwicklung. Ihr Bericht veranschaulicht exemplarisch die Verdrängung und Entwertung ostdeutscher Frauen und ihres Wissens in Forschung und Lehre.

Unsicher waren wir in der Frage, wie wir das Thema denn nun nennen wollen. „Ostfrauen“ – kann frau das so sagen? Ist das politisch korrekt? Betont und verstärkt das nicht eine Differenz, die es doch gar nicht mehr geben sollte? Welche Bedeutung hat für uns die Frage von ost- und westdeutschen Identitäten? Was ist Anspruch und was erleben wir als Wirklichkeit? Dieses Moment der Befangenheit und die Suche nach den richtigen Worten mag verdächtig an das Bemühen erinnern, inmitten von rassistischen Kontexten und angesichts sozialer Ungleichheit nicht rassistisch zu formulieren. Ein Unterfangen, das gleichermaßen ehrenwert wie hoffnungslos ist. Erinnert sei an die Worte des brandenburgischen Innenministers Schönbohm. Im August letzten Jahres stellte er die These auf, die „Zwangsproletarisierung“ in der DDR sei Ursache für Verwahrlosung und Brutalisierung im Osten. Zum Anlass nahm er den mehrfachen Babymord in Brieskow-Finkenheerd. Unserer Ansicht nach gibt es ihn (noch?) – einen innerdeutschen Chauvinismus, der Vorurteile bedient, über einen Kamm schert, Ressentiments fördert.

Im Osten was Neues?

Dieser Schwerpunkt ist Ausdruck unserer Neugier, mehr zu erfahren, unseres Eindrucks, mit der Einheit noch lange nicht fertig zu sein und unseres Wunsches, uns von Ost bis West noch besser miteinander zu vernetzen. Eine kleine Auswahl an Projekten, die exemplarisch stehen für viele weitere, stellt Cristina Fischer unter „Infos zum Schwerpunkt“ vor. Gesine Spies, Professorin an der Fachhochschule für Sozialwesen in Erfurt, berichtet im Interview über Entwicklungen im Ost-West-Verhältnis und Selbstverständnis.

Wir illustrieren den Schwerpunkt mit Fotos von Angela Fensch aus dem Bildband „Frauen Kinder Porträts 1989 und 2005“. Fensch veröffentlichte im Jahr 1989, unmittelbar vor der Wende, den Bildband „Kind Frau“ im Westen. Es sind starke, schöne, Gelassenheit und Selbstbewusstsein ausstrahlende Frauen, die in fotografischen Inszenierungen voller Erotik individuelle Gegenwelten zur erstarrten Wirklichkeit des „realen Sozialismus“ entwerfen. Im Jahr 2005 hat Fensch diesen Zyklus vollendet und die Frauen erneut zusammen mit ihren Kindern porträtiert. Fünfzehn Jahre und einen grundlegenden Systemwechsel später wählten die Frauen nun in der Regel eine distanzierte Form der Selbstdarstellung.

Melanie Stitz und Gabriele Bischoff

 

Inhalt dieser Ausgabe

Von der DDR lernen?

Helen Frink untersucht die Lage der Frauen in der DDR und nach der Wiedervereinigung

Cristina Fischer

„Feminismus: das verlockende Fremde“

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Gesine Spieß

Interview: Gabriele Bischoff und Florence Hervé

Zwischen Uni und Uno

Zur „Abwicklung“ von Prof. em. Helga E. Hörz

Gleichberechtigung vs. Feminismus?

Frauenrechte und feministische Bestrebungen in der DDR

Cristina Fischer

Infos zum Schwerpunkt

 

Andere Länder


Kurzinfos

El Salvador: Sorge um Sicherheit

Chiquita wirbt um Sympathien

Freispruch für Pinar Selek

„Sich frei fühlen“

Eine Einladung zum Gespräch mit iranischen Frauen

Karin Leukefeld

 

Projekte


Lesbenfrühlingstreffen 2006 in Leipzig

Frauenbuchladen Amazonas in Bochum schließt

 


 

 

In eigener Sache

25 Euro für jede Dritte

Glosse

Spätes Elternglück

Mechthilde Vahsen

Kultur

Kulturtermine im Herbst

Herstory


Wege über die Pyrenäen

Florence Hervé

„Keiner schiebt uns weg!“

Der Arbeitskampf der Heinze Frauen

Sonja Klümper

 

Esmas Geheimnis – Grbavica

Gudrun Lukasz-Aden, Christel Strobel

 

Frauenfilmfestivals im Herbst

 

WM-Nachlese

Gabriele Bischoff

 

Daten und Taten


 

Elise Schweichel und Natalie Clifford Barney

Cristina Fischer, Mechthilde Vahsen

 

Außerdem

gelesen