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Sommer 2/2017

Armut

2010 ist das europäische Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung. Die teilnehmenden Länder haben jeweils ein nationales Programm entsprechend den Leitprinzipien und Zielsetzungen dieses Jahres vorbereitet.

Dankenswerterweise finden viele Tagungen statt und europaweit werden Studien finanziert, in denen erstaunlicherweise festgestellt wird, dass in einer der reichsten Gegenden der Welt nicht einmal 17 % der Europäer_innen genügend Mittel besitzen, um sich ihre grundlegendsten Bedürfnisse erfüllen zu können. Auf vielen Seiten bedrucktem Papier wird weiter festgestellt, wie arm Kinder und Alleinerziehende im Besonderen sind und dass Bildung hilft, soziale Ausgrenzung zu verhindern und Integration zu fördern.

Doch folgt daraus, dass die vorhandenen Mittel wie Arbeit, Bildung, Kunst, Kultur, Gelder gerechter verteilt, sprich: umverteilt werden müssen? Nein, so weit will man dann doch nicht gehen. Denn die nationalen Programme zur Bekämpfung von Armut wurden in Abstimmung mit Interessengruppen erstellt, darunter Organisationen der Zivilgesellschaft und Organisationen, die die Interessen der von Armut und sozialer Ausgrenzung Betroffenen vertreten, mit den SozialpartnerInnen und regionalen und lokalen Behörden. Wohlgemerkt: mit den – in den meisten Fällen institutionalisierten und wohlmeinenden – StellvertreterInnen, nicht mit den Betroffenen selbst! So forderte Andreas Meiwes, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (LAG FW), dass in der Debatte um Hartz IV und Armut in Deutschland endlich auch die Betroffenen gehört und ernst genommen werden müssen. Viele der 500.000 Haupt- und Ehrenamtlichen, die in den Diensten und Einrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege in NRW arbeiten, seien Tag für Tag in unterschiedlichster Form mit Armut konfrontiert. Die LAG FW fordert ein Ende der unsäglichen Diskussionen über Sozialschmarotzer und Anspruchsdenken gegenüber dem Sozialstaat.

Wie sagt es so treffend der Kabarettist (oder besser: Systemkritiker) Hagen Rether in seinem viel beachteten, stets aktuellen Programm:

„Ackermann ist nicht das Problem … Wenn man die Systemfrage stellt, wird man abgewatscht … Wir sind ein Volk von Kleinaktionären und Börsianern. Jeder steckt seinen kleinen Sparstrumpf in die Börse und hofft auf Rendite und dann jammern wir über Managergehälter.

Wir haben ein Mentalitätsproblem, wir sind ein Volk von Steuerhinterziehern. Zumwinkel wurde für unsere Sünden hingerichtet. Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Steuerbescheid.“

Der Zusammenhang von Reichtum und Armut ist ein unheilvolles Wechselspiel. Der Reichtum in Europa speist sich aus dem Massenkonsum von beispielsweise Produkten aus China, aus Steuererleichterungen, aus Niedriglohnsektoren hier und anderswo, dem „Leerfischen“ der Meere wie vor Somalia, dem Billigfliegen …

Kluge Köpfe haben kürzlich in Großbritannien festgestellt: Männer vernichten 8 Euro für jeden Euro, den sie verdienen. Frauen schaffen für jeden Euro Lohn einen sozialen Wert von 11 Euro. Diese Zahlen gelten für Banker und Putzfrauen. Die britische New Economic Foundation (NEF) untersuchte in ihrer Studie „A Bit Rich: Calculating the real value to society of different professions“ die Berufe InvestmentbankerIn, SteuerberaterIn, WerbeexpertIn, KinderbetreuerIn, Reinigungskraft im Krankenhausbereich sowie Beschäftigte in der Recyclingindustrie darauf, welchen Beitrag sie zum Gemeinwohl leisten. Ein Kriterium war der „Social Return on Investment (SROI)“. Mit diesem Ansatz soll erfasst werden, welche sozialen und ökologischen Kosten und welche Gewinne bei einer Arbeit entstehen. Die Ergebnisse: Die Berufsgruppen aus dem Niedriglohnsektor erbringen einen ungleich höheren, vielfachen sozialen und ökologischen Mehrwert, als sie in Löhnen und Gehältern kosten. Im Gegensatz dazu ist der ökologische und soziale Schaden, der aus der Arbeit der untersuchten SpitzenverdienerInnen entsteht, um ein Vielfaches höher.

Die Wir Frauen widmet sich dem Thema im Schwerpunkt: Sonja Klümper verweist in ihrem Beitrag auf falsche feministische Schwesternschaft und fehlende Dekolonialisierungsprozesse. Gabriele Bischoff stellt die Idee von Cash Transfers vor. Die Diskriminierung von Alleinerziehenden seit dem 19. Jahrhundert bis heute beschreibt die Politikwissenschaftlerin Regine Roemheld. Elena Bütow und Sarah Korenke haben untersucht, wie Armut Kindern bereits frühe Bildungschancen in Deutschland verwehrt. Isolde Aigner stellt die Gleichheitsstudie von Wilkinson und Picket vor. Und Friederike Habermann spricht sich für eine Entwicklung des Einzelnen als Voraussetzung der Entwicklung aller aus und fordert nicht weniger als die Bereitschaft, uns tatsächlich zu verändern. Denn nur dies könne zu einer Umwälzung der Gesellschaft führen.

Isolde Aigner und Gabriele Bischoff

 

Inhalt dieser Ausgabe

Fehlende Dekolonisierungsprozesse

Sonja Klümper kritisiert falsche Schwesternschaft

Cash Transfers

Gabriele Bischoff recherchiert eine andere Entwicklungspolitik

Armut und soziale Ausgrenzung: alleinerziehende Frauen

Ein historischer Rückblick von Regine Roemheld

Bildung, ein Privlig der reichen Kinder?!

Den Zusammenhang stellen Elena Bütow und Sarah Korenke vor

Gleich und gleich gesellt sich gern

Warum Gleichheit glücklicher macht, beschreibt Isolde Aigner

Von Kompressoren, Commons und „Kommen“sbasierter Peerproduktion

Friederike Habermann fordert eine andere Zukunft

Sonderartikel als PDF: Die Armut ist weiblich

Meine feminstische Wahrheit


Muslimische Frauen und die Burka

 

Krieg und Frieden


Zapatistinnen

Frauensicherheitsrat

Weibliche Identität in postkolonialer Literatur

Algerien

Projekte


20 Jahre Frauenkultur Leipzig

Frauenorte in Gefahr

Frauenmusikwoche

 

Kultur


Marianne Faithfull

Pornografie für Frauen auf dem Vormarsch

 

Gesehen


Women Without Men

 

Herstory


Ravensbrück – Über soziale Fürsorge und Widerstand

Daten und Taten


Marianne Werfekin / Elfriede Brüning

 

Außerdem

Korinthe: Frauen als Missionarinnnen der Nächstenliebe

Hexenfunk

gelesen