Women@Work
Arbeit, Würde, Widerstand
von Sina Marx
(aus: WIR FRAUEN – Das feministische Blatt Ausgabe 2/2026)
Wer näht unsere Kleidung – und unter welchen Bedingungen? Damit beschäftigt sich die Frauenrechtsorganisation FEMNET seit fast 20 Jahren. In der globalen Bekleidungsindustrie arbeiten Millionen Menschen, ein Großteil von ihnen Frauen. Ihre Arbeit ist zentral für unsere Alltagsökonomie. Diese Arbeit wie auch die Bedingungen, unter denen sie stattfindet, bleiben jedoch oft unsichtbar: niedrige Löhne, Überstunden, fehlender Schutz, fehlende Mitbestimmung, sexualisierte Gewalt am Arbeitsplatz.
In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich einiges bewegt: Arbeiterinnen haben sich organisiert, Gewerkschaften und Frauenorganisationen haben Missstände öffentlich gemacht und internationale Kampagnen Druck auf Marken aufgebaut. Sicherheitsstandards und unternehmerische Sorgfaltspflichten wurden auf die politische Agenda gesetzt. Und doch fühlt es sich oftmals an wie „einen Schritt vor, zwei zurück“, denn die Umsetzung bleibt oft lückenhaft und reale Verbesserungen vor Ort sind selten.
Gleichzeitig erleben wir weltweit einen Rechtsruck – und mit ihm eine neue Aggressivität gegen Menschenrechte und ihre Verteidiger*innen. Antifeminismus ist dabei kein „Nebenschauplatz“: Er dient als politisches Werkzeug, um Frauen zu bedrohen, Solidarität zu untergraben und prekäre Bedingungen zu zementieren.
Die Ausstellung „Women@Work“ rückt diese Zusammenhänge ins Zentrum. Im Rahmen eines von der Rosa-Luxemburg-Stiftung geförderten Projektes zeigt die Ausstellung Frauen* entlang von Lieferketten und in – oftmals prekären – Arbeitsverhältnissen, ob als Aktivistin in Dhaka oder als Kindergärtnerin in Holzwickede. Sie kombiniert Porträtfotos, O-Töne und Videos; so lassen sich Stimmen, Geschichten und Hintergrundmaterial direkt abrufen. Ergänzend erscheint ein digitales Begleitheft mit thematischen Dossiers.
„Antifeminismus ist auch ein Angriff auf Arbeiterinnen“
Für „Women@Work“ sprachen wir u. a. mit Kalpona Akter, die in Bangladesch als Kind in einer Textilfabrik zu arbeiten begann und heute als Gewerkschafterin und Aktivistin für Arbeitsrechte kämpft.

Kalpona, wie spürst du Macht und Ohnmacht in der Lieferkette?
Macht spüre ich dort, wo Menschen solidarisch zusammen handeln: wenn Kolleginnen sich organisieren, Wissen teilen, gemeinsame Forderungen stellen. Ohnmacht entsteht, wenn Angst regiert – vor Jobverlust, vor Gewalt, vor Repression. Marken und Zulieferer profitieren davon, wenn wir vereinzelt bleiben.
Welche Rolle spielen Frauen im Widerstand?
Frauen halten die Produktion am Laufen – und sie halten auch den Widerstand am Laufen. Oft sind es Frauen, die von Ausbeutung am stärksten betroffen sind: zu lange Schichten, fehlende Pausen, sexuelle Belästigung. Aber sie tragen auch das größte Risiko, öffentlich zu sprechen. Darum braucht es Schutz, Solidarität und wirksame Beschwerdewege.
Was ist für dich ‚feministischer Arbeitskampf‘?
Antifeminismus richtet sich nicht nur gegen Gleichberechtigung, sondern verschärft auch die ohnehin bestehenden sozialen Ungleichheiten für Arbeiterinnen. Antifeminismus ist somit auch ein Angriff auf Arbeiterinnen. Wenn Frauen in Lohnarbeit abgewertet oder in traditionelle Rollen zurückgedrängt werden, betrifft das besonders diejenigen, die ohnehin wirtschaftlich benachteiligt sind. Dadurch wird ihre finanzielle Unabhängigkeit geschwächt und ihre Ausbeutung im Arbeitsleben verstärkt. Wir müssen Arbeit als Ganzes sehen: Lohnarbeit und Care-Arbeit, Fabrik und Haushalt, Sicherheit am Arbeitsplatz und Respekt im Alltag. Feministisch ist ein Arbeitskampf, wenn er Machtverhältnisse verändert – im Großen wie im Kleinen.
„Unsichtbare“ Arbeit: Von globalen Kämpfen zu Care und Plattformökonomien
Was Kalpona beschreibt, endet nicht an den Werkstoren der Textilfabriken. Viele Dynamiken der Ausbeutung und des Widerstandes ziehen sich durch die globale Wirtschaft – auch in jene Bereiche, die oft gar nicht als „Arbeit“ anerkannt werden. „Women@Work“ knüpft hier an und erweitert den Blick: von der sichtbaren Produktion hin zu den vielen Formen unsichtbarer Arbeit, die unsere Gesellschaften tragen.
FEMNET richtet den Fokus zunehmend auch auf neue, technologische Lieferketten. Hinter Künstlicher Intelligenz stehen tausende Click- und Data-Worker*innen. Sie markieren Bilder und Texte, damit Maschinen z. B. „Hund“ von „Katze“ unterscheiden können, oder bewerten Antworten von Chatbots, damit diese in Zukunft besser reagieren. Besonders belastend ist das Sichten von gewaltvollen oder sexualisierten Inhalten aus sozialen Netzwerken. Während im Hintergrund monotone und schlecht bezahlte Klickarbeit KI-Systeme am Laufen hält, wirken antifeministische Dynamiken offen im digitalen Raum: Hassrede, Misogynie und Gewalt drängen Frauen* aus der Öffentlichkeit und erschweren kollektive Organisierung.
Auch die Abwertung von Care-Arbeit ist mit den Machtverhältnissen verknüpft, von denen Kalpona Akter spricht: Wo Arbeit unsichtbar gemacht wird, lässt sie sich leichter ausbeuten.
„Women@Work“ macht deshalb nicht nur globale Lieferketten sichtbar, sondern auch die Kontinuitäten von Prekarität im Alltag hierzulande.
Ein Porträt widmet sich Hannah Hesterberg, gelernte Erzieherin und hauptamtliche Vorständin eines Kindergartens in Holzwickede. Ihre Arbeit steht exemplarisch für die Herausforderungen im Care-Sektor: hohe Verantwortung, emotionale Belastung, gleichzeitig mangelnde gesellschaftliche und finanzielle Anerkennung. Hannah berichtet von der geringen Wertschätzung von politischer Seite, von Einsparungen auf Kosten von Kindern, Eltern und Erzieherinnen – aber auch davon, dass zwischen Eltern und Kita-Mitarbeiterinnen viel Solidarität zu spüren ist.

Hannah, wie fühlt es sich an, doppelt Care-Arbeit zu leisten – im Beruf für die Kinder von anderen und zuhause für die eigenen?
Ich finde, dass man sich als Frau für sich und auch für andere Frauen noch viel mehr einsetzen muss und sich gegenseitig unterstützen sollte. Ich bin selber alleinerziehende Mutter und wir haben hier in der Einrichtung auch viele alleinerziehende Mütter. Mir ist es sowohl als Arbeitgeberin, als auch als Kollegin und Freundin wichtig, sich gegenseitig zu stärken. Bei den vielen Sorgen, die man als Alleinerziehende hat und den vielen Widerständen, denen man begegnet, ist es mir sehr wichtig, von starken Frauen umgeben zu sein. Und das bin ich hier!
Ausstellungseröffnung im September
Der Launch der Ausstellung findet vom 25.-27. September im Rahmen der Konferenz „Feministisch vergesellschaften“ in Bochum statt. Danach kann die Ausstellung an weiteren Orten gezeigt werden.
Mehr Infos zur Ausstellung: femnet.de/womenatwork
Sina Marx ist Referentin für Wirtschaft und Menschenrechte bei FEMNET e.V.












